Sonntag, 31. August 2014MESZ06:19 Uhr

Buchkritik

RomanRobinsonade auf Hiddensee
Lutz Seiler, deutscher Schriftsteller, Ingeborg-Bachmann-Preistraeger 2007. Aufgenommen am 08.10.2010 in Frankfurt

Inselabenteuer in der Ostsee, die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft. Das lang erwartete Romandebüt "Kruso" von Lutz Seiler ist eine grandiose sprachliche Exkursion in das ungesicherte Gelände verschiedener Zeitschichten.Mehr

Wiener KongressMächtige Frauen im Hintergrund
Der österreichische Staatsmann versuchte durch Kongreßdiplomatie, die vorrevolutionäre politische und soziale Ordnung in Europa wiederherzustellen. Er bekämpfte alle liberalen und revolutionären Bewegungen. Klemens Wenzel Fürst von Metternich wurde am 15. Mai 1773 in Koblenz geboren und ist am 11. Juni 1859 in Wien gestorben. Die zeitgenössische Darstellung zeigt stehend (l-r): Wellington, Lobo da Silveira, Saldanha da Gama, Löwenhjelm, Noailles, Metternich, La Tour du Pin, Nesselrode, Dalberg, Rasumofsky, Stewart, Clancarty, Wacken, Gentz, Humbold, Cathcart sowie sitzend (l-r): Hardenberg, Palmella, Castlereagh, Wessenberg, Labrador, Talleyrand und Stackelberg.

Prunkvolle Empfänge, exklusive Soiréen, informelle Gespräche. Die Kulturwissenschaftlerin Hazel Rosenstrauch stellt spannend und detailliert dar, wie gebildete und kluge Frauen vor 200 Jahren den Wiener Kongress beeinflussten.Mehr

RomanVereint in der Dunkelheit
Undatierte Aufnahme des englischen Schauspielers, Regisseurs, Drehbuchautors und Produzenten Charlie Chaplin als "Tramp".

Im seinem neuen Roman erfindet der großartige Erzähler Michael Köhlmeier eine Freundschaft zwischen dem Politiker Winston Churchill und dem Schauspieler Charly Chaplin. Die beiden Herren verbindet vor allem ihre Traurigkeit und Einsamkeit.Mehr

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Literatur

TagebuchLiebhaber des Halbschattens
Der Mailänder Dom

Als patriotisch gesinnter Student aus Mailand zieht Carlo Emilio Gadda 1914 in den Krieg und wird Schriftsteller. Erstmals erscheinen nun seine Kriegserinnerungen in Deutschland.Mehr

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.11.2012

Reportagen aus dem bundesdeutschen Alltag

Buchempfehlungen November - Gabriele Goettle: "Der Augenblick. Reisen durch den unbekannten Alltag"

Ob Kioskfrau , Buchhändlerin, Kulturwissenschaftlerin, oder Bienenforscherin - Gabriele Goettle nimmt den Alltag verschiedenster Frauen unter die Lupe.
Ob Kioskfrau , Buchhändlerin, Kulturwissenschaftlerin, oder Bienenforscherin - Gabriele Goettle nimmt den Alltag verschiedenster Frauen unter die Lupe. (AP)

26 Frauen hat die Journalistin Gabriele Goettler für ihre Reportagen aufgesucht, die zwischen 2007 und 2009 in der Berliner Tageszeitung "taz" erschienen sind. Nun liegen diese Einblicke in die Alltags- und Lebensrealitäten der Frauen unterschiedlichster Professionen als Buch vor.

Fast ist es, als säße man mit in diesem Kiosk. 56 Jahre hat Ingrid Reinke hier verbracht. Gabriele Goettle bringt es lediglich auf wenige Stunden, und ihre Beobachtungen und die Lebens- und Arbeitsschilderungen Reinkes hält sie gar auf nur 14 Seiten fest. Dennoch hat man schnell das Gefühl, diesen "magischen Ort", wie Goettle den Kiosk nennt, zu kennen. Und schließlich – ein wenig – auch Ingrid Reinke, die dem Opa schon mit sechzehn Jahren beim Verkauf von Süß- und Tabakwaren zur Seite stand, die deutsche Zeitgeschichte in Schlagzeilen erlebte, Ahoi-Brause gehen und Center-Shock-Kaugummi kommen sah und die heute als Mitte Siebzigjährige sagt; "Ich hab’ vor, alles zu verkaufen." Und wenn das kranke Bein mitmacht, "dann gehe ich zur Musikschule und lerne noch singen. Ich möchte Oper singen."

Ingrid Reinke ist eine von insgesamt 26 Frauen, die die Journalistin Gabriele Goettle aufgesucht hat für ihre Reportagen, die zwischen 2007 und 2009 in der Berliner Tageszeitung "taz" erschienen sind und nun als Buch vorliegen. Gemeinsam mit ihrer Co-Interviewerin Elisabeth Kmölninger unternahm Goettle dazu "Reisen durch den unbekannten Alltag" beispielsweise einer Bäuerin, einer Altenpflegerin, einer Bestatterin, Sozialanwältin, Tätowiererin und einer Bodybuilderin.

Jeder Frau – die jüngste ist 1973 geboren, die älteste 1919 – ist ein Kapitel gewidmet, dessen Aufbau jeweils gleich ist. Einführenden biografischen Notizen folgen die Vorstellung des Berufsbildes und -umfeldes und schließlich die Erzählung der Interviewpartnerin. Goettle gibt nicht das Gespräch als solches wieder, sondern lässt die Frauen direkt und schnörkellos zu Wort kommen. Unterbrochen lediglich von kurzen, prägnanten Beobachtungen der Interviewerinnen.

So taucht der Leser ein in die unterschiedlichsten Professionen, hat Teil an immensen Wissens- und Erfahrungsschätzen und lernt quasi nebenbei viel über bundesdeutsche Alltags- und Lebensrealitäten.

Etwa wenn Claudia Marschner, Bestatterin, den "stillen Abtrag" beklagt, das immer häufiger vorkommende anonyme Urnenbegräbnis ohne Abschiedszeremonie. Oder wenn die Tätowiererin Berit Uhlhorn den modernen Körper als Konsumartikel beschreibt und Motiv-Moden wie Keltische Knoten und Delfine vorführt. Oder wenn Hildegard Eichhorn, Altenpflegerin und Mitbegründerin einer WG für Demenzkranke, beweist, dass Menschlichkeit und Pflege auch in Zeiten knapper Kassen kein Gegensatzpaar sein müssen.

So unterschiedlich die Berufe der Protagonistinnen auch sind und so variantenreich gesellschaftliche Realitäten von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis heute dadurch aufscheinen, so ähnlich sind sich die Frauen: sie alle beweisen eine beeindruckende Charakterstärke und sind mit großem Selbstverständnis und Beharrlichkeit ihren Weg gegangen. Was für ein Zeichen in Zeiten von Genderdebatten und Quotendiskussionen! Mehr noch: Ein wunderbares Buch – klug, empathisch, bereichernd und anrührend.

Besprochen von Eva Hepper

Gabriele Goettle: Der Augenblick. Reisen durch den unbekannten Alltag
Antje Kunstmann Verlag, 2012
400 Seiten, 22,95 Euro