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Religionen / Archiv | Beitrag vom 25.06.2011

"Religion ist immer ein Hemmschuh"

Zur Lebenssituation von homosexuellen Migranten

Von Gerald Beyrodt

Ein arabisches Café in Berlin-Neukölln. (picture alliance / dpa)
Ein arabisches Café in Berlin-Neukölln. (picture alliance / dpa)

Junge Migranten haben oft ein Problem, wenn sie merken, dass sie schwul oder lesbisch sind. Sie haben Angst, dass die Religion in Konflikt mit der eigenen Sexualität gerät, sagt Psychologin So-Rim Jung. Eine Bestandsaufnahme in Berlin-Neukölln.

Vom ersten Tag an sagte Gilles Duhem offen, dass er schwul ist. In seinem Job keine Selbstverständlichkeit, denn er arbeitetet in Berlin-Neukölln mit Migranten, meist Menschen türkischer und arabischer Herkunft. Er war früher Quartiersmanager und ist heute Geschäftsführer des Gemeinschaftshauses Morus 14. Unter anderem bekommen Kinder dort Hilfe bei den Hausaufgaben.

Gilles Duhem: "Also, ich könnte nie sagen, dass jemand sich irgendwie vor mich hingestellt hat und gesagt: Ich schick nicht meine Kinder zu Dir, weil Du schwul bist. So etwas gibt’s nicht. Es ist eher anders rum. Wenn die Leute Sie kennenlernen, die sagen, ach, Du bist voll schwul, aber voll in Ordnung, weil man sich kennt, und das ist immer das Ausschlaggebende. Und ich bin auch ziemlich stolz, im Rahmen der Arbeit, die ich im Rollberg seit über zehn Jahren mache, ich habe der Homosexualität, glaube ich, ein Gesicht gegeben."

Trotzdem glaubt der Franzose, dass er es leichter hat als schwule Türken oder Araber:

"Ich werde nicht angegriffen, weil ich kein Muslim bin. Das ist dann egal, ich gehöre nicht zur Umma. Das heißt, ich kann die Ehre nicht beschmutzen. Ich bin was ganz anderes."

Jugendliche Migranten im Coming Out wenden sich oft an Gilles Duhem. Die Wörter "schwul" oder "lesbisch" fallen allerdings nicht:

"Das funktioniert nicht so. Das wird nicht gesagt. Die jungen Menschen eiern ein bisschen rum. Das ist ein Lavieren. Da merkt man: Es gibt Leute, die haben zu mir, zu uns, zu dem Verein eine gewisse Affinität, die sind ganz oft da, die helfen bei Festen, das sind Blicke. Da merkt man: Die fühlen sich wohl, weil sie werden nicht diskriminiert, aber die würden nie frontal sagen, ich bin schwul oder ich bin lesbisch."

Die Psychologin So-Rim Jung leitet das Zentrum für Migranten, Lesben und Schwule in Berlin, kurz MILES. Sie berät russische Lesben genauso wie arabische Eltern, die ein Problem mit dem schwulen Sohn haben. Häufig geht es in den Gesprächen um das Thema Religion:

"Religion ist immer ein Hemmschuh. Die Leute haben sehr viel Angst, dass die Religion in Konflikt gerät mit der eigenen Sexualität. Und was dabei am spannendsten ist, eigentlich das Halbwissen. Die Leute mit religiösen Vorbehalten, wenn man die fragt, was denn jetzt genau das Problem ist, die sind dann oft sprachlos. Das ist eine Erfahrung, die wir wirklich oft gemacht haben."

Wenn in christlichen oder muslimischen Familien über Homosexualität gestritten werde, sei die Religion ein häufiges Argument. Doch nur an der Oberfläche gehe es bei solchen Konflikten um das richtige Bibel- oder Koranverständnis.

"Tatsächlich ist Religion sozusagen das Vehikel, über das diese Vorbehalte transportiert werden. Was die Eltern aber eigentlich meinen ist: Du bist anders, das macht uns Angst, dass wir nicht mehr akzeptiert sind, wir haben Angst, dass Du Diskriminierungen und Gewalt erleidest, und wenn Du Dich ändern würdest, dann wäre alles gut. Die Religion ist tatsächlich das Mittel, über das diese Befürchtungen und Ängste transportiert werden."


Dem stimmt auch Gilles Duhem zu:

"Ich glaube, die Religion spielt eine Rolle, aber das ist nicht die Kernrolle. Die Kernrolle ist wirklich: Patriarchat, Tradition, Archaismus und: Was denken die Nachbarn von mir? Diese Religion, das ist so ein bisschen Puderzucker auf der oberen Schicht. Man versteckt sich sehr gern hinter dem Deckmantel der Religion. Man sagt, unsere Religion verbietet dies oder das. Das stimmt alles größtenteils gar nicht."

Türkische und arabische Communitys in Deutschland funktionierten oft wie Dörfer, sagt Duhem. Eine lesbische Tochter oder ein schwuler Sohn passen da schlecht ins Bild:

"Jeder kennt jeden, und das würde sich einfach herumsprechen. Da würde nur getuschelt. Der Ruf wäre dann befleckt. Und das ist natürlich ganz, ganz wichtig für türkisch-arabische Familien, dass die Ehre angefasst wird. Plötzlich macht einer was, was einfach nicht der Norm entspricht. Aber das Gleiche würde passieren, wenn eine Tochter plötzlich unehelich auch ein Kind bekommen würde. Oder gleiche Probleme entstehen, wenn in einer türkischen Familie der Sohn plötzlich eine kurdische Freundin hat oder eine arabische Freundin, das ist auch ein Riesenproblem."

Es sei noch nicht einmal gesagt, dass die Familie selbst etwas gegen Schwule oder Lesben hat. Ausschlaggebend sei das Bild, das sie nach außen abgibt. Der Druck der Großfamilie sei für Außenstehende kaum vorstellbar. Duhem weiß, dass es Lesben oder Schwulen manchmal nur hilft, das Dorf zu verlassen: mindestens auf Zeit den Kontakt zur Familie abzubrechen und in einen Stadtteil zu ziehen, wo keine Verwandten wachen. Ihre Religion nehmen sie dabei zwar mit. Aber die ist ja das kleinere Problem.

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