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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 03.09.2015

Reihe UN-MillenniumszieleAlle zwei Minuten stirbt eine Mutter

Von Stephanie Kowalewski

(dpa/ picture-alliance/ Dennis M. Sabangan)
In vielen Regionen der Welt bedeutet die Geburt eines Kindes für die Mütter immer noch Lebensgefahr. (dpa/ picture-alliance/ Dennis M. Sabangan)

Die Vereinten Nationen haben sich vorgenommen, die Sterblichkeitsrate der Mütter bis Ende dieses Jahres um drei Viertel zu senken. In manchen Regionen der Welt hat sich tatsächlich etwas bewegt. Andere Länder haben noch nicht einmal angefangen.

"Man muss sich klar machen, dass eine Schwangerschaft nur in sehr reichen Ländern eine einigermaßen sichere Angelegenheit ist."

Sagt Christoph Zerm, Gynäkologe aus Herdecke und Beauftragter für weibliche Genitalverstümmelung bei der Arbeitsgemeinschaft Frauengesundheit in der Entwicklungszusammenarbeit - kurz FIDE.

"Aber in Ländern mit einer sehr prekären Gesundheitsversorgung, können enorm viele gesundheitliche Probleme für die Mütter auftreten, die dann weder erkannt und schon gar nicht therapiert werden können. So dass eine Schwangerschaft zur Lebensbedrohung für die Mutter und damit auch für das Kind werden kann."

"Müttersterblichkeit ist das Milleniumsziel, was den schlechtesten Zielerreichungsgrad hat."

Stellt Alexandra Geiser fest, die sich beim Medikamentenhilfswerk "action medeor" in Tönisvorst am Niederrhein um die humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit kümmert.

"Wahrscheinlich auch, weil es so ein komplexes Thema ist. HIV spielt da mit rein, Kindergesundheit, Zugang zu Wasser, Armut. Es gibt einen ganz klaren Zusammenhang zwischen Armut, Bildung und Müttersterblichkeit."

"An all diesen Stellen gilt es anzusetzten, um einfach die Gesamtsituation der Frauen zu verbessern."

Die Milleniumsziele helfen dabei, meint Claudia Hornberg, Ärztin und Professorin für Gesundheitswissenschaften an der Uni Bielefeld. Sie zeigen Strukturen auf, an denen sich jede Regierung dieser Welt orientieren kann. Länder wie Äthopien, Senegal oder Tansania seien da auf einem guten Weg, sagt sie, doch es gibt riesige Regionen, wo sich gar nichts verbessert hat.

"Subsahara beispielsweise, afrikanischer Bereich, auch Südasien, das sind Bereiche, die von der Entwicklung, der Abnahme der Müttersterblichkeit, bisher weitgehend abgekoppelt sind."

Beschneidung von Frauen führt zu vielen Infektionen

"Ich glaube niemals, dass man die Milleniumsziele überhaupt erreicht. Und in Somalia sind die gar nicht mal angekommen."

Jawahir Cumar ist in Somalia geboren, lebt und engagiert sich in Düsseldorf bei "stop mutilation" gegen die Beschneidung von Mädchen. Dafür ist sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.

Die Beschneidung der weiblichen Genitale wird in unterschiedlichen Varianten in 28 Ländern Afrikas und vielen asiatischen Ländern durchgeführt. Sie ist ein entscheidender Grund, warum in diesen Ländern die Müttersterblichkeit so hoch ist.

In Somalia, dem Heimatland von Jawahir Cumar, sind 98 Prozent der Frauen beschnitten.

"Vier Frauen halten fest und die Beschneiderin nimmt eine Rasierklinge - oder was sie hat an Werkzeugen - und fängt an die Mädchen genital zu verstümmeln. Ich hatte das Glück gehabt, dieses Ritual einer traditionellen Beschneiderin ist mir erspart geblieben. Das ist ein Trauma und ein Schock."

Sie war fünf Jahre alt, als ein Chirurg unter Vollnarkose bei ihr die so genannte pharaonische Beschneidung durchgeführt hat. Das bedeutet die komplette Entfernung der großen und kleinen Schamlippen sowie der Klitoris.

"Und dann zusammennähen. Bis auf eine winzige Öffnung, wo vielleicht ein Zahnstocher passt."
"Ein Zahnstocher?"
"Ein Zahnstocher! Und dann braucht man zum Urinieren eine halbe Stunde bis 45 Minuten. Wenn die Mädchen ihre Tage haben, Blut ist ja dicker als Urin, es fließt nicht. Nur ein paar Tropfen und es bleibt alles zurück und es bilden sich Zysten. Man hat ständig Infektionen und Schmerzen."

Auch beim Geschlechtsverkehr, sagt der Arzt Christoph Zerm:

"Da wird es so gemacht, dass in der Hochzeitsnacht der Ehemann auf irgendeine Weise seine Frau aufschneidet, dann seine Lust befriedigt. Und wenn die Frau dann schwanger geworden ist, kann er verlangen, muss es nicht, dass sie dann auch wieder zugenäht wird. Zur Geburt muss sie wieder aufgemacht werden und dann wird sie selbstverständlich wieder zugenäht. Also hin und her, so dass in einem Frauenleben das Genitale bis zu 20-30 mal auf und zu gemacht wird. Eines ist gewiss: diese schwere Beeinträchtigung des weiblichen Genitale kann nicht anders, als einen erheblichen Einfluss auf die Gesundheit und damit eben auch auf die Rate an Todesfällen im Zusammenhang mit der Schwangerschaft Einfluss nehmen."

Cumar: "Das Risiko ist, dass die ohne medizinische Hilfe, ohne einen Arzt, nicht entbilden können. Weil es muss ja rechtzeitig geöffnet werden und das passiert oft nicht. Wenn die Wehen kommen, ist keiner in der Nähe. Und bis jemand kommt, oder sie selbst in eine andere Stadt gebracht werden, dauert es tagelang. Das Kind möchte raus, geht aber nicht. Weil alles zugenäht ist. Und oft ist es so, dass Kind stirbt und die Mutter gleich mit."

Auf dem Land fehlen Ärzte, Krankenschwestern und Medizin

Um das Leben von Müttern - auch unbeschnittenen - und das ihrer Kinder retten zu können, sind also viel mehr Krankenhäuser - auch außerhalb der großen Städte -nötig. Doch davon können auch Hilfsorganisationen wie stop mutilation und action medeor nur träumen. Hilfreich wären schon gut erreichbare Gesundheitsstationen. Doch auch die sind Mangelware. Und sie sind meist nur unzureichend ausgestattet. Alexandra Geiser von action medeor beschreibt eine typische Gesundheitsstation in ländlichen Region Kenias:

"Es gibt fast nie einen Arzt. Es ist sehr unattraktiv für medizinisches Personal, so weit ab vom Schuß zu leben. Wenn wir Glück haben, reden wir über eine Krankenschwester, vielleicht zwei Krankenschwestern. Wenn es besser ausgestattet ist, dann gibt es vielleicht noch einen Laboranten dazu. Zwei Räume, vielleicht drei Räume, ein paar Regale, da sind dann die Medikamente. In dieser Gesundheitsstation muss eigentlich alles passieren. Und wenn in dieser Station nicht alles da ist, oder die Krankenschwester ist nicht da, das eine Medikament ist nicht da ist, dann ist das oft lebensentscheidend."

Dennoch können solche Gesundheitsstationen Leben retten. Doch noch immer ist es die Ausnahme, dass Schwangere überhaupt hierher kommen, sagen alle Experten unisono, denn oft sind sie hunderte Kilometer vom Dorf entfernt.

"Da hapert es einfach am Geld für den Transport. Es ist mitunter notwendig, dass man abwägt ob man die letzte Ziege schlachtet oder verkauft, um den Tansport zum nächsten Krankenhaus bezahlen zu können, oder ob man lieber das Haustier behält."

Und Yawahir Cumar ergänzt:

"Krankenhäuser kosten Geld. Keine Frau wird umsonst behandelt. Also ich wünsche mir, dass es viele Krankenhäuser gibt, die die Frauen nicht bezahlen müssen."

Im indischen Bundesstaat Tamil Nadu geht man inzwischen sogar noch einen Schritt weiter, erzählt Entwicklungshelferin Alexandra Geiser. Hier wurde nach der verheerenden Tsunamikatastrophe im Jahre 2004 mit Hilfe der Weltbank ein neues staatliches Gesundheitssystem aufgebaut, dass sich bewußt auch um die Schwachen der Gesellschaft und die Landbevölkerung kümmert.

"Frauen, wenn die einen Müttergesundheitspass haben, haben vier Vorsorgeuntersuchungen gemacht, bestimmte Anzahl von Nachsorgeuntersuchungen und haben mit fachkundigem Personal entbunden, dann kriegen die das bezahlt. Und das ist ein unglaublich hoher Anreiz gewesen, das hat die Müttersterblichkeit enorm gesenkt."

Doch da, wo die Tradition viele Frauen von den Gesundheitsstationen fern hält, bringen sie die Babys in ihrer Hütte zur Welt, alleine oder mit einer tradionellen Helferin ohne medizinische Ausbildung, sagt Claudia Hornberg von der Uni Bielefeld. Das endet nicht selten tödlich:

"Wir haben immer noch Verblutungen vor allem vor und nach der Geburt beispielsweise. Wir haben aber auch Infektionskrankheiten."

Beides wäre leicht vermeidbar durch mehr medizinisches Fachwissen und mehr Hygiene.

Mehr als zehn Prozent der Todesfälle durch Abtreibungen

Aber es gibt auch Fortschritte, zum Beispiel dort, wo den schwangeren Müttern angeboten wird, auch ihre Kinder mitzubringen, die dann betreut, untersucht und ernährt werden. Unterernährung ist auch für Schwangere ein großes Risiko. In Haiti zeigt das erste Erfolge, freut sich Alexandra Geiser:

"Dann ist dieses Gesamtprogramm so erfolgreich, dass wir in dem Einzugsgebiet dieser Gesundheitsstation mit einem angegliederten Ernährungszentrum wirklich innerhalb von einem Jahr die Müttersterblichkeit und auch die Kindersterblichkeit ganz schnell senken können. Das ist toll."

Will man die Müttersterblichkeit senken, spielt neben einer ausreichenden Ernährung und dem Zugang zu sauberem Wasser auch die Verhütung eine wichtige Rolle, sagt Claudia Hornberg:

"Wir haben weltweit immer noch über 200 Millionen Frauen, die eigentlich keine Möglichkeit haben zu beeinflussen, in welcher Lebenssituation, in welchem Alter, in welcher körperlichen Verfassung oder auch wie oft und wie schnell sie schwanger werden wollen."

Mit verherenden Folgen:

"Wir haben die Situation, dass sich mehr als zehn Prozent der Todesfälle nach unsachgemäß durchgeführten Abtreibungen ergeben."

Laut der Stiftung Weltbevölkerung gäbe es durch Aufklärung und Verhütung 24 Millionen weniger Abtreibungen, es könnten 70.000 Fälle von Müttersterblichkeit vermieden werden und es würden auch 500.000 Neugeborene weniger sterben.

Die Weltgemeinschaft hat sich zur Jahrtausendwende das Ziel gesetzt, bis zum Ende dieses Jahres die Müttersterblichkeit um 75 Prozent zu senken.

"Momentan sind wir bei 43 Prozent."

Zu wenig, meinen die Experten und wünschen sich:

"Dass die G8-Länder konkrete Hilfen einhalten, die ja bereits zugesagt sind."
"Auch die Eigeninitative der Menschen zu unterstützen und eine Art Zusammenarbeit auf Augenhöhe."
"Krankenhäuser, viele Ärzte sollen ausgebildet werden, mehr Aufklärung."
"Dass wir zum Beispiel kein Gesundheitspersonal aus den Ländern abziehen, wo sie dann halt fehlen. In London arbeiten mehr Ärzte aus Malawi als in Malawi. Das kann doch nicht sein!"

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