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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 29.03.2006

Reclam Leipzig ade

Die 177-jährige Geschichte eines Verlages

Von Susanne Mack

Ein Mitarbeiter reinigt eine Treppe mit dem Logo der Leipziger Buchmesse. (AP)
Ein Mitarbeiter reinigt eine Treppe mit dem Logo der Leipziger Buchmesse. (AP)

"Buchstadt Leipzig" - ist dieser Name aus alten Zeiten noch berechtigt ? Die Leipziger Buchmesse vor zehn Tagen brachte einen neuen Besucherrekord und wird bei den deutschen Verlagen allmählich als "das" mediale Ereignis des Jahres gehandelt. Aber die großen Verlage - wie Kiepenheuer und Insel - denen Leipzig sein Image als "Buchstadt" verdankt, wandern nach und nach aus Leipzig ab. Letzte traurige Nachricht in dieser Sache: auch der Reclam -Verlag wird diese Stadt verlassen.

Sander: "Ja, erfahren haben wir’s über den Verleger Dr.Max, der uns in einem Brief mitteilte, dass die Gesellschafter des Verlages so entschieden haben, wie sie entschieden haben. Und dass er das selbstverständlich alles bedauert, und ist dann ein paar Tage später nach Leipzig gekommen, und hat uns das dann in persönlichen Gesprächen erläutert."

Bert Sander ist Lektor, bei Reclam in Leipzig angestellt und verliert zum 31. März dieses Jahres seinen Job. - Dr. Max, der Verleger aus Stuttgart, hat seinen sächsischen Mitarbeitern nicht allzu viel erläutert: Reclam Leipzig schreibt - laut Stuttgarter Bilanzbuchhaltung - seit einiger Zeit rote Zahlen, deshalb wird das Verlagshaus jetzt geschlossen.

Peter: "An dem Tag, als die Meldung über den Ticker ging, hatten wir hier im Haus eine Veranstaltung mit Ingo Schulze. Und das wurde natürlich thematisiert. Ingo Schulze sprach dazu, welcher Verlust das eigentlich für ihn ist. Wie auch für mich natürlich."

Birgit Peter. Heute leitet sie in Leipzig das "Haus des Buches." 18 Jahre lang hat sie als Lektorin beim hiesigen Reclam-Verlag gearbeitet und war ab 1990 Programmleiterin:

"Wir sind mit diesen Büchern groß geworden. Also, ich hatte in der 8. Klasse, das war 1968 , `ne Freundin, und wir hatten beide beschlossen: jetzt sammeln wir Reclam-Bücher. Ich wusste damals nicht, was auf uns zukommen würde. Aber es war eigentlich was, was uns über Jahrzehnte begleitet hat. Und, das finde ich, es ist schon jammerschade, dass es dieses Haus in Leipzig nicht mehr gibt."

Eine Leihbibliothek mit einem Lesesaal. Damit hat alles angefangen. Damals.1828. Anton Philipp Reclam, Buchhändler und ganze 21 Jahre alt, borgt sich von seinem Vater 3000 Taler und kauft das Lokal. Es liegt im Herzen von Leipzig, am Naschmarkt, und ist schon bestens bekannt als "Literarisches Museum".

Thomas Mann: "Das so genannte Museum war eigentlich kein Museum, sondern ein gefährlich lebensvoller Ort: eine Stätte der Lektüre, der Diskussion, der Kritik! Wo alles verkehrte, was im guten Leipzig der falschen und frömmlerischen Ordnung aufsässig war."

Thomas Mann bemerkt das, 100 Jahre später. Da ist Reclam's Verlag schon hundert Jahre alt, und der Autor der "Buddenbrooks" hält eine Festrede im Leipziger Alten Theater. Er rühmt den Verlagsgründer als einen liberalen Geist und einen echten Idealisten.

Heinrich Reclam, der Urenkel von Anton Philipp, wusste allerdings zu berichten, dass dieses "Genie der Familie" im persönlichen Umgang nicht eben beliebt war.

Heinrich Reclam: "Unter meinen Freunden, die ich unter den Handwerkern und Markthelfern der Firma hatte, waren einige, die meinen Urgroßvater noch gekannt hatten. Er war ein einsamer und schroffer Mensch, dieser Anton Philipp Reclam. Ein unermüdlicher Arbeiter, aber ein unbequemer Vorgesetzter, der von seinen Leuten ebensoviel verlangte wie von sich selbst. Und noch mit 80 Jahren konnte er sich schwer dazu entschließen, seinem Sohn volle Handlungsfreiheit einzuräumen."

Nach der 48er Revolution verlegt Reclam seinen Enthusiasmus vom Politischen aufs Unternehmerische. Da kommt ihm die deutsche Rechtssprechung zu pass, denn 1867 wird entschieden: Ist ein Autor mehr als dreißig Jahren tot, dann dürfen seine Texte von jedermann nachgedruckt werden. Reclam nutzt die Gunst der Stunde - und gründet seine "Universalbibliothek:

"Eine Sammlung von Einzelausgaben allgemein beliebter Werke, die in regelmäßiger Folge erscheinen sollen , wobei aber nicht daran gedacht ist, Werke, denen das Prädikat "klassisch" nicht zukommt, die aber nichtsdestoweniger sich einer allgemeinen Beliebtheit erfreuen, aus der Sammlung auszuschließen." heißt es in einer Annonce vom Februar 1868.

Und das Lesepublikum ist begeistert: die Leipziger "Neuesten Nachrichten" preisen den Verlag in den höchsten Tönen: "Man denke, dass die hier bei Philipp Reclam erschienenen Klassiker – Ausgaben uns die Werke Lessings , gut gedruckt auf festem weißen Papier, für zehn Neugroschen bieten ! So etwas von Preiswürdigkeit ist im Buchhandel noch nicht dagewesen."

Auch in Sachen Verkauf sind Reclam und seine Nachfolger geniale Strategen: 1912 werden in ganz Deutschland Bücher-Automaten aufgestellt. Dort kann man sich Reclam-Hefte ziehen wie Kaugummi und Zigaretten.

Frank Rainer Max, der gegenwärtige Chef des Reclam-Verlags in Stuttgart:

"Die Automaten waren sehr verbreitet, an Bahnhöfen, auf Schiffen, in Krankenhäusern, in Kasernen. Irgendwann wurde der Aufwand, sie dauernd zu reparieren, zu groß. Also, in den dreißiger Jahren hat man dann sich sagen müssen: Kosten und Nutzen stehen nicht mehr im richtigen Verhältnis, aber zwanzig Jahre lang waren die ein sehr großer Erfolg."

Massenauflagen zum Billigtarif – dieses Konzept hat Anton Philipp Reclam reich und berühmt gemacht. Schon in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg ist die "Universalbibliothek" ein Gedächtnisort der deutschen und auch der Weltliteratur. Die blassgelben Bändchen sind zu Grundnahrungsmitteln für Bildungshungrige geworden. Das bezeugt zum Beispiel Ernst Rowohlt, der vor seiner Verleger-Karriere eine Lehre als Bankkaufmann durchgemacht hat.

Rowohlt: "In dieser Zeit legte ich den Grundstein zu meiner heute mit Recht so berühmten literarischen Bildung. Denn ich hatte, während ich mit der Straßenbahn fuhr, und bei den Großbanken, bei denen ich auf Abfertigung warten musste, viel Zeit zum Lesen. Ja, Altersgenossen von mir behaupten, dass ich häufig auf der Straße, im Gehen ein Reclam-Bändchen lesend, getroffen wurde. Und manchmal sogar Laternenpfähle angerannt hätte. Jede Behauptung, dass das schon damals im Suff geschehen sei, bestreite ich energisch."

Anton Philipp Reclam stirbt im Jahre 1896. Sein Sohn Hans Heinrich leitet nun den Verlag. Im Gegensatz zum "alten Reclam" ist Hans-Heinrich ein sehr umgänglicher Mensch: er pflegt zahlreiche Freundschaften mit Schriftstellern und Künstlern und führt in Leipzig ein großes Haus. Sein Enkelsohn Heinrich erinnert sich:

Heinrich Reclam: "Ja, dieses Haus war an sich schon eine Sehenswürdigkeit. Prächtig wie eine römische Villa mit Säulen, Mosaiken und allegorischen Figuren, mit Riesen- Räumen und einer Diele, in der Konzerte gegeben werden konnten. Meine Großeltern waren viel gereist. An den Wänden des Hauses hingen Bilder aus Italien, Spanien, Marokko und Ägypten und vom Balkan. Weite des Blicks, Weite des Urteils, Weite des Wollens. Das zeichnete die Menschen damals aus."

"In großartiger Erinnerung ist mir natürlich noch die Festaufführung zum 100-jährigen Jubiläum des Verlages. Mein Vetter Rolf und ich saßen in einer schmalen Bühnenloge und beneideten unsere Väter, die neben Thomas Mann sitzen durften, nachdem sie gerade vorher Gerhard Hauptmann begrüßt hatten."

Mit den "Vätern" sind Hans-Emil und Ernst Reclam gemeint: die beiden Enkel vom "alten Reclam". Sie leiten inzwischen den Verlag und haben Thomas Mann zum
Festredner bestellt: 1928 feiert das Haus Reclam im Leipziger Alten Theater seinen 100. Geburtstag.

Fünf Jahre später werden die Werke von Thomas Mann aus dem Reclam-Programm gestrichen. Auf Befehl der Nazis. – Frank Rainer Max:

Max: "Ja, wie viele Verlage in der Zeit musste man sich durchlavieren. Das heißt, es gab Auflagen, Autoren, jüdische, oder auch politisch unliebsame Autoren aus dem Programm zu nehmen. Das wurde dann auch gemacht."

Neben Thomas Mann werden auch Heinrich Heine, Stefan Zweig, Arthur Schnitzler und Franz Werfel auf den Index gesetzt. - Zur Freude aller Hitler-treuen Literaten. 1938 heißt es im "Völkischen Beobachter":

"Im Allgemeinen kann man doch mit dem großen Aufräumen bei Reclam zufrieden sein. Es kommen jetzt tausende deutscher Leser, vor allem das Volk und die Jugend, nicht mehr so leicht an die durchweg gefährlichen jüdischen Dichter und Schriftsteller heran."

Max: "Ansonsten hat man versucht, den Kern des Programms, also die Klassiker, weiter zur Verfügung zu stellen und ist auch eigentlich damit ganz gut über die Runden gekommen."

Für die Soldaten des 1. Weltkrieges hatte Reclam eine "tragbare Feldbücherei" kreiert. Ab 1939 ist sie dann wieder gefragt.

"Im gegenwärtigen Krieg steht die UB wieder ganz im Dienst am Soldaten. Wieder bewähren sich die tragbaren Feldbüchereien: stoßfeste, bücherbordähnliche Kästen mit dauerhaften Schnürverschlüssen, die 100 verschiedene Nummern enthalten. Heer, Luftwaffe und Marine beziehen sie laufend, ebenso Dienst – und Parteistellen in der NS – Volkswohlfahrt", heißt es in einer Verlagschronik aus dem Jahre 1942.

"Ein absurdes Szenario, " schreibt der Philosoph Ernst Bloch: "der deutsche Soldat ist mit seinem "Kant" im Tornister tatsächlich in die Schlacht gezogen!" Und mit ziemlicher Sicherheit handelte es sich dabei um einen "Kant" aus dem Reclam-Verlag.

Heinrich Reclam: "Als ich im Dezember 1943 auf "Bomben-Urlaub" nach Leipzig kam, lagen vor unserem Geschäftshaus Berge grauer Papierasche, die man aus den leeren Fensterhöhlen auf die Straße geschaufelt hatte. Es waren in einer Nacht 9.000 Zentner fertiger Reclam-Bände verbrannt. Die "Universalbibliothek" als vollständige universale Sammlung war vernichtet."

Der Soldat Heinrich Reclam steht vor den rauchenden Trümmern des Familienunternehmens. Die Bombennacht vom 4. Dezember 1943 hatte Leipzigs berühmtes Graphisches Viertel in ein Ruinenfeld verwandelt.

1945. Das Haus Reclam ist zwar stark beschädigt, die Maschinen aber intakt: die Arbeit kann weitergehen. Als Deutschland in Militärzonen eingeteilt wird, dehnt Reclam sein Geschäft in Richtung Westen aus: 1947 wird in Stuttgart die Reclam Verlag GmbH gegründet - als Filiale des Stammhauses in Leipzig.

Ab November 1946 werden in Leipzig die besten Druckmaschinen demontiert. Sie gehen als Reparationsleistung nach Russland. Die russische Militärregierung dirigiert von nun ab die Verlagspolitik.

Im Jahre 1950 beschließt Ernst Reclam, den Stammsitz der Firma nach Stuttgart zu verlegen. Er ist inzwischen alleiniger Chef der Firma, denn sein Bruder Hans Emil ist 1943 gestorben. Die Regierung der eben gegründeten DDR verbietet Ernst Reclam, seinen Leipziger Verlag von Stuttgart aus zu leiten und stellt ihn unter staatliche Treuhandverwaltung. Von nun an gibt es das "Haus Reclam" quasi in doppelter Ausführung: als "Reclam Ost" und "Reclam West".

Reclam in Leipzig wird der Taschenbuch - Verlag der DDR und bekommt von Kulturminister Johannes R. Becher den Auftrag, die "Universalbibliothek" in eine sozialistische Taschenbuch-Reihe zu verwandeln. Zu den Reclam-Jubiläen werden im Leipziger Rathaus die üblichen Funktionärs-Reden gehalten. Zum Beispiel 1967, beim Festakt zum 100. Geburtstag der "Universalbibliothek":

Zmyslony: "Seine eigentliche Bedeutung erhält das heutige Jubiläum aber in erster Linie dadurch, dass sich dank der Politik und Kulturpolitik unseres Staates, die darauf gerichtet sind, die sozialistische gebildete Nation zu schaffen, dieses Kulturideal täglich immer realere Gestalt annimmt. Ausgehend von der grundsätzlichen Erkenntnis, dass das Buch eine durch nichts zu ersetzende Form der geistigen Bewusstseinsbildung darstellt, verbindet sich für uns die Einheit von Macht und Geist auch in Form der Literatur-Gesellschaft, wie sie Johannes R. Becher in seinen theoretischen Schriften verfocht. In bestimmter Weise, so sind wir berechtigt zu sagen, darf für ihre Vorläuferschaft die Universalbibliothek des Reclam-Verlages gelten. Denn mit ihr, der ältesten deutschen Taschenbuch-Reihe, waren vorzüglich Möglichkeiten erschlossen, auch dem Proletariat geistige Waffen zu vermitteln."

An der Spitze von Reclam Leipzig sitzt zum Glück kein Parteifunktionär sondern ein Freund der Literatur und der schönen Künste: Hans Marquardt, ein hoch gebildeter Mann. Er hat den DDR- Reclamverlag über dreißig Jahre lang geleitet und stand – trotz Mauer - mit den großen Verlegern in Deutschland auf du und du. Hans Marquardt in einem Interview von 1983:

"Ich hab’ noch dem alten, kranken Gustav Kiepenheuer die Hand reichen können 1948 und wenige Sätze mit ihm wechseln können, ich habe den alten Rowohlt in Leipzig herumführen können, noch zu den alten Stätten, wenn sie auch teilweise weggebombt waren, an denen er wirkte, als er in Leipzig Verleger war. Ich war mit Peter Ericsson, dem Hinstorff-Verleger, im Auftrag von Johannes R. Becher viele Tage in Westdeutschland unterwegs, wir haben in den Gasthöfen der Lüneburger Heide übernachtet, und er hat mir viel erzählt aus seinem Verleger–Leben. Meine Liebe zu Barlach kommt von ihm her. Ich habe in der Antrittsvorlesung im Herbst 1949 bei Wieland Herzfelde gesessen, und von da bis heute hin reicht unsere Bekanntschaft…"

Peter: "Hans Marquardt war ein quirliger, eloquenter Chef, der es auch zuließ, dass sich andere neben ihm profilierten. Der bestrebt war, Neues auszuprobieren, sicher auch immer mit einer Prise Egoismus, weil, das verlieh ihm natürlich auch eine Aura. Er hat es aber verstanden, denk’ ich, aus Reclams Universalbibliothek, also aus den Studien- und Schulheftchen, wirklich eine eigenständige Editionsreihe zu machen mit kommentierten Ausgaben, die besonders im Bereich der Philosophie oder der Germanistik neues auf den Markt brachten, aber auch in Weltliteratur Originalausgaben vorlegten."

Marquardt lässt nicht nur Platon und Ovid, Spinoza und Goethe drucken. Die deutsche Erstausgabe von Margaret Adwood erscheint ebenfalls bei Reclam in Leipzig. Marquardt verlegt auch russische Avantgardisten, die in ihrer Heimat als "bourgeoise Querulanten " gelten: Jessenin und Pasternak, Mandelstam und Anna Achmatowa. Aber auch Heinrich Böll und Günter Grass. Genauso wie Ernst Bloch und Hans Mayer, beide Kritiker des DDR – Regimes , die inzwischen in Westdeutschland leben. - War das nicht subversive Tätigkeit? Gegen die offizielle Ideologie der SED?

Peter: "Das war es ganz bestimmt. Ich mein', es war subversive Tätigkeit möglich in einem gewissen Rahmen. Natürlich brauchte jedes Buch eine Druckgenehmigung von der Hauptverwaltung Kultur im Kulturministerium, aber man konnte diese Grenzen natürlich ausloten, und man konnte sie möglicherweise auch ein Stück verschieben. Und das ist etwas, was ich glaube, das er verstand und immer wieder versucht hat."

Sogar DDR-Autoren, die bei den SED–Oberen in Ungnade gefallen waren, wurden bei Reclam in Leipzig gedruckt: Adolf Endler und Sarah Kirsch, Wolfgang Hilbig und Reiner Kunze.

Peter: "Also, Kunze: "Brief mit blauem Siegel", dieses Bändchen erschien in zwei Auflagen, kurze Zeit, bevor er dann die DDR verlassen hat. Sarah Kirschs "Musik auf dem Wasser" erschien glaub’ ich so, kurz vor ihrer Ausreise, Hilbig wurde verlegt…für Wolfgang Hilbig wurde extra eine neue Reihe erfunden, weil die Maßgabe der Kulturoberen lautete: es darf dieser Band nicht in der "Universalbibliothek" erscheinen, weil , dann wäre Hilbig sozusagen in den Olymp aufgenommen.

Und andererseits sollte Hilbig verlegt werden, weil: seine Texte waren inzwischen in der Bundesrepublik im S. Fischer Verlag erschienen, und es gab immer wieder Anfragen von Autoren, auch an Höpcke, der damals Kulturminister war, warum Hilbig eigentlich in der DDR nicht verlegt wird, wo er ja lebte. Und so erfand man eine Reihe, die im Format ein bisschen größer war, in englischer Broschur."

Dann kommt der Herbst 1989 und mit ihm die Deutsche Einheit. Und auch bei Reclam in Leipzig ist nichts mehr so wie es war.

Peter: "Die Währungsunion war ein großer Schnitt auch in der Produktion der Verlage. Nach der Währungsunion waren plötzlich ganz andere Dinge wichtig. Und es sind ja viele Bücher auch auf den Müllkippen gelandet."

Was ist mit den Autoren aus der Sowjetunion geworden?

Peter: "Es hat Titel noch gegeben, es gab Anna Achmatowa, es gab Anthologien auch, aber es war natürlich so: die Freundschaft mit der Sowjetunion war zu DDR-Zeiten etwas Verordnetes, und entsprechend kritisch betrachtete man sich hinterher auch diese Dinge. Obwohl die damit eigentlich überhaupt nichts zutun hatten, weil: das waren Texte zum Beispiel von Achmatowa, die zu DDR-Zeiten nicht erschienen sind."

Aber nicht nur die Bücher von Reclam in Leipzig, auch der Verlag selbst erlebte turbulente Zeiten: ursprünglich wollten die Mitarbeiter einen eigenen Verlag gründen und die Stuttgarter auszahlen, denn denen gehörte aus Vorkriegszeiten noch ein Teil des Leipziger Reclam-Vermögens.

Peter: "Es gab die Intention, ein "Management Buy Out "der Mitarbeiter vorzunehmen, und diesem " Management Buy Out" wurde dann aber von der Treuhand nicht stattgegeben, weil die Gesellschafter des Reclam-Verlages in Stuttgart Restitutionsansprüche angemeldet hatten, denen dann auch stattgegeben wurde."

Die Übernahme des Verlagshauses in Leipzig war eine heikle Angelegenheit, sagt der Geschäftsführer von Reclam in Stuttgart:

Max: "Ja, die war nicht unproblematisch, sagen wir mal. Es gab noch 33 Verlage gleichen Namens im Westen und im Osten, und Reclam gehörte zu den letzten, die Gespräche miteinander aufgenommen haben. Aber die Angst der Leipziger, sozusagen geschluckt zu werden und dadurch ihre Identität zu verlieren, war durchaus verständlich."

Doch den meisten Mitarbeitern in Leipzig wurde allmählich klar, dass der schöne Traum vom eigenen Verlag wohl zuwenig "marktwirtschaftliche Bodenhaftung" besaß.

Peter: "Der Reclam-Verlag in Leipzig verfügte de facto über kaum eigene Rechte, weil die "Universalbibliothek" lebte ja zu großen Zeiten von Lizenznahmen. Wenn man andererseits Originalausgaben verlegt hatte, wie zum Beispiel Margaret Adwood, dann waren diese Lizenzen in die Bundesrepublik verkauft worden, also Adwood zum Beispiel an Claasen. Und sie waren so gründlich verkauft worden, dass nach der Wiedervereinigung alle Rechte bei Claasen lagen."

Da hatte die - immer devisenknappe - DDR-Regierung ihrem Reclam- Verlag tatsächlich einen Bärendienst erwiesen : die Rechte an sämtlichen Autoren von Format, die Hans Marquardt und seine Kollegen entdeckt und eingekauft hatten, wurden nach Druck in der DDR postwendend in den Westen verkauft. – Und Reclam Leipzig stand nach dem Fall der Mauer mit leeren Händen da. Denn vom "großen Kuchen" namens " Universalbibliothek", so hatten die Reclam-Gesellschafter in Stuttgart beschlossen, sollte Leipzig nichts abbekommen. Die wird jetzt für ganz Deutschland in Stuttgart gedruckt. – Nach Leipzig erging die Botschaft: "Auf zu neuen Ufern!"

Peter: "Und so war wirklich das Ansinnen, neue Autoren zu finden."

Sander: "Wir haben es mit Autoren zutun gehabt, die noch nicht bekannt waren, die sich damit auch nicht von selbst verkaufen ließen. Wenn Du neue Autoren auf den Markt bringst, wie das Reclam Leipzig nun mal gemacht hat, dann ist man natürlich wirklich auf offenem Meer! Und dass sich ein Autor durchsetzt, ist von so vielen Zufällen abhängig. Wir waren immer auf solche Zufallstreffer, 'Bestseller' angewiesen."

Peter: "Und ich mein’, das ist mit Schneider, 'Schlafes Bruder', auch gelungen. Das war ein Titel, der den Verlag über viele Jahre alimentiert hat. Weil: Der Titel wurde verfilmt, er wurde verkauft in viele Sprachen, das hat eigentlich einen gesunden Finanzgrundstock auch dem Haus gebracht."

Robert Schneider hatte mit seinem Debüt-Roman bereits bei zwanzig verschiedenen Verlagen angeklopft: ohne Erfolg. Erst Reclam in Leipzig wollte "Schlafes Bruder" drucken, und Birgit Peter musste erstmal die Geschäftführung in Stuttgart umstimmen, denn die war ursprünglich gegen das Buch.

Nach dem immensen Erfolg von "Schlafes Bruder " waren die Verkaufszahlen von Reclam Leipzig kräftig im Steigen begriffen. Die Mitarbeiter-Stellen dagegen wurden immer weniger, 1992 hatte man den Leipzigern noch 18 feste Arbeitsplätze im Verlag versprochen, Ende 2005 waren noch ganze vier davon übrig. Die Begründung der Geschäftsleitung in Stuttgart: "Der Ost-Markt hat sich leider nicht so entwickelt, wie anfangs erhofft." Trotz permanenter Verkleinerung des Leipziger Verlagsbüros und der Anzahl der verlegten Titel erscheinen in Leipzig immer wieder Bücher, von denen man spricht.

Peter: "Zum Beispiel die erste deutsche Übersetzung von Viktor Pelewin, der inzwischen zu den ganz großen der Weltliteratur gehört, erschien im Reclam-Verlag in Leipzig."

Sander: "Wir haben Autoren entdeckt wie Sibylle Berg, die ihre ersten Bücher im Reclam-Verlag Leipzig veröffentlicht hat. Wir haben einen Wiglaf Droste im Programm, das sind natürlich alles schon renommierte Autoren, die auch sehr präsent auf dem Buchmarkt waren."

Vor zweieinhalb Jahren war die Reclam - Welt noch in Ordnung. Stuttgart und Leipzig feierten im trauten Verein den 175. Geburtstag des Verlags.

Nun wollen die Stuttgarter in Leipzig also nichts mehr riskieren, und Frank Rainer Max stimmt ganz andere Töne an, als noch zum Firmenjubiläum 2003. Im Dezember letzten Jahres gibt er bekannt: Reclam in Leipzig wird schließen.

Max: "Die Entscheidung ist den Gesellschaftern schwer gefallen. Die Vernunft, und nicht nur die ökonomische, haben da am Ende das entscheidende Wort gesprochen. Wir denken, dass wir mit einer näheren Anbindung an unser Kerngeschäft, an das, wofür die Marke 'Reclam' im Bewusstsein der Kunden steht, besser fahren werden."

Die Nachricht kam für Leipzig völlig überraschend. Der Abschied von Reclam tut weh, da ist man sich einig in dieser Stadt. Und hier geht es nicht nur um die 25 Buchtitel pro Jahr. Es geht vor allem um ein stolzes Kapitel der Stadtgeschichte – und, nicht zu vergessen, um ein Stück Kulturgeschichte der DDR. Aber man weiß in Leipzig natürlich auch : Ernst Reclam ist nach dem Krieg nicht freiwillig nach Stuttgart gegangen, sondern – erst von der russischen Besatzungsmacht und dann von der ostdeutschen Regierung - peu a peu aus Sachsen vertrieben worden.

Sander: "Und auf keinen Fall, denk’ ich, das kann man sagen, hat Reclam Stuttgart darauf spekuliert, den Verlag über kurz oder lang zu schließen, also nur so pro forma aufrecht zu erhalten, um gute Stimmung zu machen. Das glaub’ ich, kann man den Gesellschaftern des Reclam-Verlages nicht absprechen. Man hat lange Zeit hier und investiert und auch einiges versucht."

Peter: "Aber ich denke einfach, man hat in den neunziger Jahren vieles einfach halbherzig betrieben, und es war ja damals, als Schneider dem Haus das Geld brachte, es war ja genügend Kapital da. Ich denke, es wäre kein Problem gewesen, hier in Leipzig ein Büro zu unterhalten, dass die Produktion in Leipzig immer noch soviel abgeworfen hätte, dass man das mit zwei, drei Leuten hätte besetzen können. Also, der Verlag ist 1828 hier gegründet worden, war hier ansässig bis 2006, also, ich denke, da gab’s schon auch eine moralische Verpflichtung. Ich denke nicht, dass sich Reclam Stuttgart das nicht hätte leisten können."

Zumindest mit dem letzten Satz hat Birgit Peter sicher Recht. Denn anlässlich des Reclam-Jubiläums vor zwei Jahren erklärte der Geschäftsführer, dass sich der Verlag in Sachen Umsatz nicht beklagen kann.

Max: "Wir haben keinen Grund, bange in die Zukunft zu gucken. Es geht dem Verlag gut, er ist stabil. Und ich denke, dass unser Bildungsangebot noch lange gebraucht wird und insofern auch gekauft wird."

Die junge Generation der Reclam-Gesellschafter besitzt keine biografische Verbindung zu Leipzig mehr. Heinrich Reclam, er starb 1984, war der letzte Verlagschef, der in dieser Stadt geboren wurde. Für ihn war Leipzig ein Stück Heimat, für den heutigen Verleger Frank Rainer Max war "Leipzig" ein Posten in der Betriebsbilanz.

Und was die " moralische Verpflichtung" betrifft, von der Birgit Peter gesprochen hat: Wenn es dem Reclam-Verlag heute so gut geht, wie sein Chef erklärt, dann verdankt er das nicht zuletzt auch seinen Lesern in den neuen Bundesländern. Denn als man den Reclam -Verlag der DDR übernommen hat, bekamen die Stuttgarter auch den gesamten ostdeutschen Markt geschenkt. Schüler und Studenten aus Sachsen und Thüringen, Ostberlin und Brandenburg, die früher ihre Reclam-Bändchen aus Leipzig bezogen haben, kaufen heute – und es geht ja gar nicht anders - bei Reclam in Stuttgart ein.

Mit Reclam verschwindet wieder ein Verlag mit einem großen Namen aus Leipzig. Kiepenheuer ist auch schon gegangen, und der Insel-Verlag – jetzt Eigentum von Suhrkamp in Frankfurt – unterhält hier nur noch ein winziges Büro.

Peter: "Die Stadt hat herbe Verluste in der Verlagsszene hinnehmen müssen, das ist wahr Aber es gibt Neugründungen, die mit mehr oder weniger Personal auskommen müssen. Mir fällt dazu ein: 'Militzke', eine Neugründung, mir fällt dazu ein das Haus 'Faber und Faber', es gibt mutige Neuanfänge. Aber auch 'Rowohlt' und 'Insel' haben vor 100 Jahren angefangen und haben sich in die Verlagsgeschichte eingeschrieben, ich wünsche diesen mutigen Neugründungen das Gleiche.""

Außerdem ist Leipzig – mit seiner in Deutschland einmaligen Verlags -Tradition – inzwischen ein Mekka für Bibliophile und Freunde der Antiquariats–Literatur. Gute Bücher aus der Vorkriegszeit sind heiß begehrt, aber auch so manches Buch aus der DDR – nicht nur aus nostalgischen Gründen:

Peter: ""Die kommentierten Ausgaben, die in der DDR verlegt worden sind, erzielen im Moment im modernen Antiquariat wieder Höchstpreise. Weil es natürlich mehr Zeit und auch mehr Personal gab, um diesen ganzen Apparat zu erstellen: also Anhang, Kommentare, Fußnoten, Register und so weiter, was diese Werkausgaben auch sehr wertvoll macht."

Vielleicht ist die Rede von der "Buchstadt Leipzig " doch nicht von gestern. Vielleicht ist nur das Gesicht dieser Buchstadt im Wandel begriffen.

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