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Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.09.2010

Rechtlose Arbeitssklaven

Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin zu Zwangsarbeit in Nazi-Deutschland

Von Vladimir Balzer

Zwangsarbeiter in einer Munitionsfabrik in der Nähe des KZ Dachau. (AP Archiv)
Zwangsarbeiter in einer Munitionsfabrik in der Nähe des KZ Dachau. (AP Archiv)

Beim Bauern, in den Fabriken, in den Kommunen: Zwangsarbeiter schufteten in Nazi-Deutschland so gut wie überall. Jeder Deutsche hatte Kontakt mit ihnen. Eine Ausstellung im Jüdischen Museum in Berlin dokumentiert nun in einer großen historischen Fotoschau den Alltag der nach Deutschland verschleppten Arbeiter und die Dimensionen der Ausbeutung.

Erwischt! Ganz normale Deutsche fotografierten ihre Nachbarn, wie sie in jüdischen Geschäften einkauften. Die tägliche Denunziation. Die Vorbereitung, auf das, was noch kommen würde – nach diesen Fotos vom Juni 1935, jetzt in Berlin zu sehen, in einer ganzen Serie. "Dieser Mann kaufte beim Kramjuden Salomon, Dinslaken, Schlageterstrasse. Wir kriegen ihn noch!", steht darunter, säuberlich getippt von einem eifrigen "Volksgenossen". Und gleich an das Hetzblatt "Stürmer" geschickt.

Volkhard Knigge, Chef der Gedenkstätte Buchenwald und wissenschaftlicher Leiter der Ausstellung hat in Archiven in ganz Europa recherchieren lassen, um diese Fotos zu finden. Knigge:

"Wir zeigen hier immer auch den Blick der Deutschen, die sich mit dem Nationalsozialismus identifizieren und die stolz auf dieses Projekt sind. Und die andere Deutsche denunziatorisch fotografieren, die noch in jüdischen Geschäften einkaufen: 'Guckt euch diese schlechten Deutschen an, die nach wie vor Juden menschlich behandeln!'"

Zwangsarbeit musste propagandistisch vorbereitet werden. Die Deutschen sollten die Opfer nicht bemitleiden, sondern sie als rechtlose Arbeitssklaven ansehen. Eine Farbdiaserie zeigt einen deutschen Bergbauingenieur, der aus dem besetzten Belgien nach Deutschland reist, um mit seiner Frau Urlaub zu machen. Dabei rekrutiert er - bei bester Laune - in Lagern Zwangsarbeiter. Volkhard Knigge:

"Auf einmal sieht man diese furchtbare Normalität. Da sind Menschen stolz darauf, wenn andere entwürdigt werden. Zwangsarbeit war ein öffentliches Verbrechen: Wir sehen Wehrmachtssoldaten, die jüdische Arbeiter drangsalieren, demütigen. Daneben stehen Kinder und Erwachsend und finden das ganz normal."

Hinzu kam der Begriff von Arbeit, den die Nazis propagierten. "Arbeit adelt" hieß es, womit vor allem körperliche Arbeit gemeint war. Den Zwangsarbeitern müsse "das Arbeiten erst noch beigebracht werden" - so tönen die Kommentatoren der Fotos, Zeitungsartikel, Protokolle und Berichte, die diese Ausstellung zeigt.

Dabei wurden westeuropäische Zwangsarbeiter besser behandelt als osteuropäische. Am schlechtesten waren die sowjetischen Kriegsgefangenen dran. Für sie galt - ebenso wie für Juden - Vernichtung durch Arbeit. Wenige haben es überlebt, so wie George Stein, der in Auschwitz als Arbeiter rekrutiert wurde. Zeitzeuge Stein:

"Wir waren gerade ein paar Tage in Auschwitz, als ein deutscher Zivilist mit Naziabzeichen auf uns zukam. Er sagte, dass alle die einen technischen Beruf hatten – Kfz-Schlosser, Monteure, Elektriker – zu einer Prüfung vor ihm antreten sollten.

Alle, die behaupteten, vom Fach zu sein und die Prüfung beständen, würden berücksichtigt werden. Wer durchfiele, würde streng bestraft werden. Die Leute rings herum hatten Angst. Ich meldete mich als einer der ersten und musste ein paar Messinstrumente benutzen, was ich fachmännisch erledigte. Mir wurde sofort bedeutet, mich einer Schlange zur Linken anzuschließen. Später erfuhr ich, dass dieser Herr ein Ingenieur von Volkswagen war. Sein Name war Arthur Schwieler. Er suchte Fachleute für die Produktion der V1."

Als George Stein in die Fänge der Nazis geriet, im Jahr '44, schufteten bereits Millionen Zwangsarbeiter fürs Deutsche Reich. In den Kommunen, in den Kirchen, in den Verbänden, in Großbetrieben - von Daimler über BMW bis Siemens -, in der Landwirtschaft. Jeder erwachsene Deutsche hatte Kontakt mit Zwangsarbeitern.

Rikola-Gunnar Lüttgenau ist einer der Kuratoren der Berliner Ausstellung. Er verzichtet weitestgehend auf Originalobjekte, da sie wenig über den Charakter der Zwangsarbeit aussagen würden, sondern: Er hat sich für die rein bildliche Anschauung entschieden. Dadurch verliert die Schau zwar an Authentizität, aber sie gewinnt durch den dokumentarischen Blick der Fotos. Sie selbst zeigen bereits die Perspektive der Gesellschaft auf die Zwangsarbeiter. Kurator Lüttgenau:

"Die ganze Gesellschaft wurde gezwungen, sich dazu zu verhalten. In vielen Bereichen, beim Bauern, in den Privathaushalten, mussten sie sich entscheiden, wie sie sich verhalten, wie sie dem polnischen Zwangsarbeiter begegnen, mit Mitmenschlichkeit, mit Solidarität, oder: durch Mittäterschaft, durch Ausbeutung. An keinem anderen Verbrechen des Nationalsozialismus kann man das in dieser Breite ausleuchten."

Halina Romecki ist 84 Jahre alt, war aus Polen verschleppte Zwangsarbeiterin und sitzt jetzt in der Berliner Ausstellung vor den Dokumenten ihrer Geschichte. Als sie im Winter '44 stundenlang auf einem Bahnhof auf einen Transport warten musste, erlebte sie eine seltene Geste der Mitmenschlichkeit. Zeitzeugin Romecki:

"Dort - hungrig, verängstigt - ist ein Engel gekommen, hat uns eingeladen, hat uns Suppe und Brot gegeben. Die haben geweint: solche Kinder haben sie verschleppt… Der Polizist hat auch geweint und wir auch."

Und doch haben die Deutschen danach das Thema lange verdrängt. Zwangsarbeit wurde als natürlicher Teil des Kriegs angesehen. Gräber von Zwangsarbeitern wurden planiert, unter anderem auch vom Volksbund der Kriegsgräberfürsorge.

Die Politik kümmerte sich nicht darum, die Wirtschaft ebenso wenig, man verwies auf pauschale Wiedergutmachungen. Bis in den 90-ern der Druck stieg und die Entschädigungsstiftung entstand, die mit Geld von Wirtschaft und Staat circa zehn Prozent der damaligen Opfer symbolisch entschädigte, vor allem die in Osteuropa. Seit drei Jahren wird keiner mehr entschädigt, wie Günter Saathof, Vorstand der Stiftung, betont:

"Als Vertreter der Stiftung muss ich mich an den rechtlichen Rahmen halten. Danach gibt es für den Bereich Zwangsarbeit rechtliche Ansprüche nicht mehr."

Das Geld dafür sei verbraucht. Dennoch bedauert auch er, dass die sowjetischen Kriegsgefangenen, die damals Zwangsarbeit leisten mussten, nicht entschädigt wurden. Sie galten eben als Kriegsgefangene und nicht als zivile Opfer.

Die Stiftung hat die Ausstellung finanziert, aber im Grunde ist es schon zu spät, diese Diskussion zu führen: welche Opfer noch Zahlungen bekommen sollen. Damit müssen wir Deutschen uns weiter fragen lassen, warum wir so spät das Leiden von 20 Millionen Menschen anerkannt haben.

Info:
Die Ausstellung "Zwangsarbeit: Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg" ist bis zum 30. Januar 2011 im Jüdischen Museum Berlin zu sehen.

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