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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.11.2011

Raus aus der Ordnung

Gary Snyder, "Lektionen der Wildnis", Matthes & Seitz, Berlin 2011, 263 Seiten

Zurück zur Wildnis will Gary Snyder. (dradio.de)
Zurück zur Wildnis will Gary Snyder. (dradio.de)

Die Wildnis durchdringt uns. Doch irgendwann versuchte der Menschen Ordnung zu schaffen und entfremdete sich immer mehr vom Wesentlichen. "Lasst uns zurück zur Wildnis finden!", forderte Gary Snyder schon 1990. Jetzt liegt sein Buch "Lektionen der Wildnis" auf Deutsch vor.

Gary Snyder beschreibt seine "Lektionen der Wildnis" als eine "Meditation darüber, was es heißt, Mensch zu sein." Und da es Snyder ist, der hier meditiert, lockt er den Leser, ihm zu folgen, hinein in sein wildes Universum: voller Indianermythen, chinesischer Dichter, Lumberjacks, Bären, Heilern und Zen-Mönchen. Ein Synder-Universum eben.

Gary Snyder war dabei, als Allen Ginsberg sein Gedicht "Howl" vortrug und damit die San Francisco Renaissance einläutete. Er wurde unsterblich als Japhy Ryder in Jack Kerouacs "Dharma Bums" und galt immer als der Thoreau unter den Beatniks. Zwei Sommer lang lebte er in kompletter Abgeschiedenheit auf einem Feuerwachturm in den Wäldern Kaliforniens - "Ein Zedernbaum erteilte mir Ratschläge" -, begab sich in den 50er-Jahren auf eine Reise nach Japan, um Zen Mönch zu werden - "In gewisser Weise liegt alles andere abseits des Pfades" - und gründete später eine Kommune auf der japanischen Vulkaninsel Suwanosejima.

Zurück in Amerika baute er sich ein Haus in einem Indianer-Reservat, wurde Professor und Öko-Aktivist. Aber egal wo Snyder ist, er sammelt seine Eindrücke in Gedichten. Der Band "Turtle Island" gewann 1975 den Pulitzerpreis. Und doch war Snyder nie nur Intellektueller: Die Gesellschaft von Holzfällern genoss er oft mehr als die der intellektuellen Elite.

(dpa / picture alliance / epa ISIFA Beznoska)Der Autor Gary Snyder (dpa / picture alliance / epa ISIFA Beznoska)In seinen Essays nun beobachtet Synder das Wilde, um "dann darüber Geschichten zu erzählen". Gut gelaunt pflückt er dabei die Worte und Bedeutungen auseinander, als wären sie Grünpflanzen. Er ist erst zufrieden, wenn er die Sanskrit-Wurzel ausgegraben hat, auf ihr herumkaut und schmeckt, woher der Begriff Kultur kommt. Mit vollem Mund führt er uns über Landschaftsbeschreibungen zum Kern der Sache: Wir gehören in die Wildnis!

Es ist gar nicht lange her, da gab es noch Übergänge zwischen der Wildnis und unserem gemeinsam genutzten Raum: die Allmende, die der Gemeinschaft gehörte, und aus der Lehm, Steine, Brennholz, Wild, Honig geholt wurden. Heute gibt es sie kaum noch. Und Synder, dieser Poet der Tiefenökologie, fordert sie zurück, indem wir unser Denken ändern, uns besinnen auf Gemeinsames. Auf die Wurzeln.

"Lektionen" ist eine nicht ganz korrekte Übersetzung des Originaltitels "Practice of the Wild". Snyder will durch die Praxis lernen und bewusst dabei sein, im Einklang. Eine der vielleicht schönsten Stellen ist eine seiner buddhistischen Reflexionen über das Nicht-Aufgeben, über das Eindringen in die Tiefe des Seins, wo die Wildnis wieder aufblühen wird: "Verschaffe dir Kontrolle über deine eigene Zeit; bewältige die 24 Stunden. Mach es gut, ohne Selbstmitleid."

Snyder ist radikal. Er wälzt Geschichte um, hinterfragt sie, sucht neugierig nach Antworten, ist spürbar begeistert, seine eigenen mitzuteilen, bleibt dabei humorvoll und schließt den Kreis demütig. Am Ende dieses Essay-Bandes steht ein tibetanisches Tischgebet, das bei Snyder zu Hause täglich gesprochen wird. Bewusst im Kleinen beginnen und dies auch im Großen wiederfinden. Ein Pfad, der zurück zur Wildnis führt.

Besprochen von Michaela Vieser

Gary Snyder: Lektionen der Wildnis
Aus dem Englischen von Hanfried Blume
Matthes & Seitz, Berlin 2011
263 Seiten, 26,90 Euro

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