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Thema / Archiv | Beitrag vom 17.10.2012

Rassistische Erscheinungen "bestehen weiterhin"

Susan Neiman: Fortschritte seit Obamas Wahl ambivalent

Susan Neiman im Gespräch mit Frank Meyer

Allein schon der Einzug der "wunderschönen, intelligenten schwarzen Familie" ins Weiße Haus sei ein Sieg gewesen, sagt Neuman.
Allein schon der Einzug der "wunderschönen, intelligenten schwarzen Familie" ins Weiße Haus sei ein Sieg gewesen, sagt Neuman. (AP)

Die Fortschritte für die nicht-weiße Bevölkerung der USA durch die Wahl Barack Obamas zum Präsidenten seien schwierig zu messen, meint die amerikanische Philosophin Susan Neiman. Bestimmte Vorurteile seien immer noch da.

Frank Meyer: Die Nacht, in der Barack Obama zum Präsidenten gewählt wurde, das war eine der glücklichsten Nächte meines Lebens. Das sagt Susan Neiman, amerikanische Philosophin und Direktorin des Einstein Forums in Potsdam. Sie hat sich im ersten Wahlkampf von Barack Obama sehr für ihn engagiert und mit entsprechender Anteilnahme beobachtet sie jetzt auch den Kampf um seine Wiederwahl. Jetzt ist Susan Neiman für uns am Telefon, seien Sie herzlich willkommen!

Susan Neiman: Vielen Dank!

Meyer: Frau Neiman, wie beurteilen Sie denn die zweite Fernsehdebatte gestern Nacht zwischen Barack Obama und Mitt Romney? Hatten Sie eine große Erleichterung, dass Ihr Kandidat besser gepunktet hat?

Neiman: In der Tat ist Erleichterung das richtige Wort. Allerdings wunderte mich, dass Romney so schlecht abgeschnitten hat! Es war erstaunlich, wie unbereit er war, auf irgendeine detaillierte Frage einzugehen! Er hat einfach einige Parolen runter… also immer wieder wiederholt und war, wie erwartet, überhaupt nicht in der Lage zu antworten zum Beispiel die sehr klare Frage: Alle unabhängigen Beobachter behaupten, er kann das Defizit gar nicht reduzieren, wenn er die Steuern senkt – also, welche Maßnahmen will er unternehmen? Und da hat er nur einfach Plattitüden wiederholt. Also, mich hat gewundert, dass er überhaupt da rausgekommen ist. Aber auf jeden Fall war Obama diesmal in der Lage, einfach über Wahrheit zu sprechen, und das war ganz wichtig.

Meyer: Und ja, wenn wir auf Ihren Kandidaten schauen, Barack Obama: Hat er gestern … Was sagen Sie als Demokratin, hat er ausgiebig deutlich gemacht, genug deutlich gemacht, für welche demokratischen Werte er steht?

Neiman: Auf jeden Fall. Ich meine, einer der besten Kommentare, die ich über die letzte Debatte gelesen habe, war, dass Obama bei der nächsten Debatte nur drei Worte lernen müsste, nämlich: Sie lügen, Governor! Und das hat er, also das Wort Lüge hat er nicht benutzt, aber immer wiederholt: Das ist nicht die Wahrheit. Also, die Werte, für die er steht, sind eine Art von gesellschaftlicher Gleichberechtigkeit, ist auch auf Romney 47-Prozent-Bemerkung gekommen, wo Romney einfach 47 Prozent der Wähler abschreibt. Und immer wieder erzählt von der Gesundheitsreform, wie wichtig das sei, dass es sich … Er hat, was auch sehr gut war: Romney bekam die Frage, sich von George Bush zu unterscheiden, was er relativ schlecht beantwortet hat. Er hat einfach gesagt, ich bin ein anderer Mensch und es sind andere Zeiten. Da hat Obama sehr gut reagiert, indem er sagte, ja, er unterscheidet sich von Bush, er ist eigentlich viel radikaler!

Meyer: Wir wollen mit Ihnen gerne auch auf die Hintergründe dieses Wahlkampfes schauen. Wenn wir mal zurückblicken, die Wahl von Barack Obama vor vier Jahren, die wurde ja auch gefeiert als der große Sieg über den Rassismus in den USA. Sie haben jetzt vor Kurzem in einem Gespräch mit der Tageszeitung "taz" gesagt, die Polarisierung in den USA, die sei eigentlich in den letzten Jahren auch schlimmer geworden und das habe auch mit dem bis heute nicht beendeten Rassismus zu tun. Deshalb die Frage: Hat denn diese enorme Symbolkraft dieser Wahl, hat die gar nichts Positives in Gang gebracht in Sachen Rassismus?

Neiman: Es ist kompliziert. Einerseits ist es immer noch ein Sieg, dass wir eine wunderschöne, intelligente schwarze Familie im Weißen Haus haben. Das wird bleiben, auf so was haben wir in der Bürgerrechtsbewegung nicht mal zu hoffen gewagt. Also, insofern, als es geschehen ist, kann das nicht ungeschehen gemacht werden, und das ist ein Zeichen für Millionen von jungen Menschen überall auf der Welt übrigens, nicht nur in Amerika, dass bestimmte rassistische Formen überwunden werden können. Andererseits hat es natürlich eine Reaktion hervorgerufen: Ich habe vor zwei Tagen im Netz ein Foto von einem T-Shirt gesehen, Romney-Wähler: Bringen wir wieder das Weiß ins Weiße Haus! – Und dass das so offen gesagt wird, dass Romney auch mit dieser sogenannten Birther-Geschichte spielt … Sie wissen, es wurde behauptet, dass Obama gar nicht in Amerika geboren ist, sondern in Kenia, und deshalb sei seine Wahl illegal. Romney spielt mit der Behauptung – behauptet es natürlich nicht ganz, aber freut sich, wenn Donald Trump das behauptet. Also, insofern sind das alles rassistische Erscheinungen, die immer wieder deutlich gesagt werden können, aber die bestehen weiterhin!

Meyer: John McCain, wenn ich mich richtig erinnere, hat sich damals – also, der Rivale von Obama im Wahlkampf 2008 –, der hat sich diese Birther-Debatte verbeten, die eben …

Neiman: Genau.

Meyer: … Obama ausgrenzt. Da verhält sich Mitt Romney anders, wenn ich Sie richtig verstehe?

Neiman: Da war McCain – obwohl ich ihn extrem problematisch erlebt habe –, da war er wenigstens ehrlicher als Romney. Romney ist … Romney ist ein Kaufmann. Und er ist bereit, das haben wir gesehen, alles zu sagen, wenn er der Meinung ist, das wird einem Kunden gefallen. Klare Prinzipien hat er nicht. Ein interessanter Moment bei der Debatte gestern war: Eine junge Frau hat beide Kandidaten gefragt, was sie zu tun gedenken angesichts der Tatsache, dass Frauen immer noch erheblich weniger verdienen als Männer – was ja in Deutschland auch der Fall ist …

Meyer: Ja.

Neiman: Und Obama hat erzählt, dass er eben ein Gesetz – es war eines seiner ersten Gesetze – ins Leben gerufen hatte, unterschrieben, was das verbietet. Es wird nicht immer wahrgenommen, aber jedenfalls ist es gesetzlich wahr. Und dann hat Romney versucht zu sagen, ja, als ich Gouverneur von Massachusetts war, habe ich als Erstes gesagt, es gibt hier zu wenig Frauen, ich möchte, dass Sie mehr Frauen aussuchen, die, also, ins Kabinett oder auch in niedrige Positionen kommen, ich hätte Akten voller Frauen! – Das war erstens eine ziemlich eine … ja, wie soll ich sagen … verachtungsvolle Redeart, aber in der Zeit – wir haben nicht mal 24 Stunden – waren die Fact-Checker am Werk und sie haben herausgefunden, die ganze Geschichte stimmt überhaupt nicht! Es gab eine Gruppe von Frauen, die eben Akten vorbereitet hatten vor den Wahlen in Massachusetts damals in der Hoffnung, man würde mehr Frauen in die Regierung bringen, egal ob republikanisch oder demokratisch. Und Romney hatte nicht im Geringsten damit zu tun gehabt. In der Tat ist die Zahl von Frauen in seiner Regierung gefallen! Also … ja!

Meyer: Susan Neiman, wenn wir noch mal in eine andere Richtung schauen: Die Republikaner und mit ihm Mitt Romney haben ja auch einen sehr rabiaten Ton angeschlagen über illegale Einwanderer aus Lateinamerika in die USA.

Neiman: Ja.

Meyer: Gehört das für Sie mit zum Thema Rassismus in diesem Wahlkampf?

Neiman: Natürlich, natürlich. Und Obama ist der einzige … Ich meine, es ist … Obama ist natürlich gebunden, der kann … Es ist ein schwieriges Thema, das wissen Sie auch aus europäischen Verhältnissen, er kann nicht sagen, also, alle, die hier sein wollen, sollen sofort legal werden, ja …

Meyer: … sollen kommen einfach, ja.

Neiman: Er hat aber gesagt, dass Leute, die als Kinder mit ihren Eltern illegal eingewandert sind, hier aufgewachsen sind, sollen auf jeden Fall Amerikaner werden können, vor allem wenn sie entweder studiert haben oder in der Armee gedient haben. Auf jeden Fall sollen Kinder, die nicht durch ihre Schuld illegal Emigranten geworden sind, soll denen ein Weg gegeben werden. Interessanterweise war Romney – obwohl er das runterspielt –, war Romney gegen diese Maßnahmen, also hat er mehrmals in der Kampagne dagegen gesprochen. Selbst für Menschen, die in der Armee gedient haben! Stellen Sie sich vor, jemand kommt aus Mexiko und kämpft im Irak, möglicherweise schwer verwundet, der darf nicht einmal Bürger werden nach Romney! Also, es ist schon … Es sind schon sehr radikale Positionen, die er bezieht. Und ja, da haben Sie sicherlich recht, mit Rassismus hat das zu tun.

Meyer: Sagen Sie uns zum Schluss bitte noch kurz, nach dieser Debatte in der letzten Nacht: Wie groß sind Ihre Hoffnungen denn jetzt, dass Barack Obama tatsächlich wiedergewählt wird?

Neiman: Meine Hoffnungen sind gleich geblieben, weil ich finde, dass Romney ein noch größeres Desaster wäre als Bush. Es sieht tatsächlich besser aus als nach den Umfragen, also, es war so ziemlich Kopf-an-Kopf-Rennen gestern, aber es wird ein paar Tage dauern, bevor man alle Umfragen durcharbeitet, das hat man gesehen nach der ersten Debatte. Es sah nicht so schlecht für Obama aus in den ersten zwei Tagen, obwohl alle gesagt haben, der hatte eine extrem schlechte Nacht. Und dann sind seine Zahlen gesunken. Also, ich hoffe, dass Romneys Zahlen noch weiter sinken in den nächsten zwei, drei Tagen!

Meyer: Der Wahlkampf in den USA und die rassistische Einfärbung. Das haben wir besprochen mit Susan Neiman, Philosophin und Direktorin des Einstein Forums in Potsdam. Frau Neiman, herzlichen Dank für das Gespräch!

Neiman: Nichts zu danken!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.