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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.01.2016

Rainer Wieland: "Das Buch des Reisens"Eine Reise durch Zeit und Raum

Von Günther Wessel

Ein Wanderer spaziert mit seinem Hund in den Bergen. (Imago / Westend61)
Ein Wanderer spaziert mit seinem Hund in den Bergen. (Imago / Westend61)

In seinem "Buch des Reisens" hat der Autor Rainer Wieland Reportagen aus zweieinhalb Jahrtausenden herausgebracht. Von Hanno dem Seefahrer in der Antike bis zum US-Autor David Foster Wallace hat Wieland Texte gesammelt, die Sehnsucht und Fernweh wecken.

Der weitgereiste britische Schriftsteller Bruce Chatwin behauptete immer, Unterwegssein sei der natürliche Zustand der Menschheit. Sie besitze ein Nomaden-Gen. Schließlich sei sie die meiste Zeit ihres Daseins umhergezogen und auch Babys würden ruhig, trage man sie herum. Und selbst seitdem die Menschheit überwiegend sesshaft lebt, zieht es einzelne Menschen immer wieder in die Ferne – aus Not, Eroberungslust oder Wissensdurst. Rainer Wieland dokumentiert in seinem dickleibigen, wundervoll ausgestatteten Band Reiseberichte aus 2500 Jahren – und zeigt ein Panorama menschlicher Neugierde und Erfahrungen.

Bruce Chatwin ist natürlich in diesem Band vertreten – mit einem Auszug aus seiner stilbildenden, grandiosen Reisereportage "In Patagonien". Es ist einer von 69 chronologisch geordneten Texten - angefangen mit einem Bericht von Hanno dem Seefahrer, der um 470 v. Chr. von Karthago mit einer große Flotte von 60 Schiffen die afrikanische Westküste erforschte, um dort Kolonien zu gründen, bis hin zur Reportage einer Seereise von 1995. Damals nahm der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace an einer Luxus-Karibikkreuzfahrt teil und schrieb anschließend diesen bissig konsum- und gesellschaftskritischen Text. Wunderbar zu lesen.

Von Marco Polo und Christoph Kolumbus bis Albrecht Dürer

Ansonsten finden sich in diesem Band neben den Texten von bekannten Reisenden wie Marco Polo, Christoph Kolumbus und Antonio Pigafetta, dem Schreiber von Magellans Bordbuch, deren lebendige Texte tiefe Einblick in ihre jeweiligen Wünsche und Hoffnungen geben, auch eher Unbekanntes: Die Berichte Albrecht Dürers etwa über seine Reise in die Niederlande, der von Friedrich Gerstäcker über die Fahrt mit dem Auswandererschiff nach New York wie aber auch Artikel neugieriger, tief in die Kulturen der Reiseländer eindringender Frauen. Mary Kingsley bereiste ab 1895 Westafrika und schrieb anschaulich über Völker in Äquatorialafrika – nicht alle Details lesen sich appetitlich. Gertrude Bell ist mit einem Textauszug über ihren Aufenthalt im syrischen Homs vertreten. Sie erkundete ab 1905 den Nahen Osten, wurde zur ersten Syrienkennerin und Mitbegründerin des archäologischen Nationalmuseums in Bagdad.

Rainer Wieland hat eine überraschende und auch subjektive Auswahl von Texten getroffen. Manch Leser mag Autoren wie Paul Theroux oder Helge Timmerberg, um einen deutschsprachigen zu nennen, vermissen. Auch Jack Kerouac fehlt. Dafür gibt es Perlen wie den Auszug aus dem leicht surrealistisch wirkenden Werk "Die Autonauten auf der Kosmobahn" von Julio Cortázar und Carol Dunlop, die 1982 in einer Art wochenlanger Forschungsreise mit strengem Protokoll (jeden Rastplatz anfahren, auf jedem zweiten übernachten) die Autobahn Paris-Marseille erkundeten.

Alle Texte hat Wieland mit einer prägnanten Vorbemerkung versehen sowie mit Hilfe einiger Mitarbeiter eindrucksvolles Bildmaterial für den Band beschafft: Historische Aufnahmen der Orte, Fotos und Skizzen der jeweiligen Autoren, Abbildungen von zeitgenössischen Kunstwerken. Der Verlag hat schönes Papier und ein Lesebändchen spendiert. So ist ein Prachtwerk herausgekommen, das mehr als nur Lust zum Lesen macht: Es weckt Sehnsucht und Fernweh.

Rainer Wieland: Das Buch des Reisens. Von den Seefahrern der Antike zu den Abenteurern unserer Zeit.
Propyläen Verlag, Berlin 2015
496 Seiten, 48 Euro

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