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Lesart | Beitrag vom 09.01.2016

Rabinovici / Sznaider: "Herzl reloaded" & Avineri: "Herzl"Den Zionismus in die Gegenwart katapultieren

Von Ofer Waldman

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Der Begründer des politischen Zionismus ("Der Judenstaat", 1896), Dr. Theodor Herzl (undatiert).  (picture alliance / dpa)
Der Begründer des politischen Zionismus ("Der Judenstaat", 1896), Dr. Theodor Herzl (undatiert). (picture alliance / dpa)

Zwei Neuerscheinungen zu Theodor Herzl gehen gegensätzliche Wege: Die eine will dem Begründer des Zionismus ein Denkmal setzen – und gerät selbst zum historischen Dokument. Das andere wirft den Zionismus in die Gegenwart, setzt sich hart mit der Wirklichkeit in Israel/Palästina auseinander – und ist sehr lesenswert.

Ein historiografischer Text zeugt zuweilen eher von seinem Entstehungskontext als von seinem behandelten Stoff. So drängt sich angesichts der gleich zwei beim Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag erscheinenden Bücher über den 1904 verstorbenen Theodor Herzl die Frage auf, warum gerade jetzt der Rückblick auf den Vater des politischen Zionismus ein aktuelles Anliegen zu sein scheint.

Neue Einsichten aus alten Tagebüchern

Buchcover "Herzl. Theodor Herzl und die Gründung des jüdischen Staates" (Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag)Buchcover "Herzl. Theodor Herzl und die Gründung des jüdischen Staates" (Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag)In der biographischen Studie "Theodor Herzl und die Gründung des jüdischen Staates" insistiert der israelische Politikwissenschaftler Shlomo Avineri auf einer neuen Lesart der Tagebücher des ungarisch-jüdischen Journalisten. Im geübten Stil, aus dem Englischen von Eva-Maria Thimme überzeugend übersetzt, umreißt Avineri die Lebensstationen des 1860 im österreich-ungarischen Pest geborenen Autors, Feuilletonisten und Journalisten. Der gängigen Meinung, die Dreyfus-Affäre sei die Ursache für Herzls Entschluss gewesen, sich mit der "Judensache" zu beschäftigen, widerspricht Avineri:

"Nicht der Prozess gegen Alfred Dreyfus, sondern Herzls über einen langen Zeitraum durchgeführte Analyse des Scheiterns der Emanzipation, dazu das Aufkommen des deutschen und österreichischen Antisemitismus führten ihn zu seiner radikalen Schlussfolgerung."

Im Mittelpunkt des Buches liegen die Entstehung des politischen Plans zur Errichtung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina, Herzls unermüdlicher Einsatz an den Höfen der - meist antisemitischen - europäischen Mächte sowie die Etablierung der zionistischen Organisationen. Diese werden, die Stimme Herzls zum Leben wiedererweckend, detailliert aus der Perspektive der Tagebücher und durch Zitate aus Herzls Schriften – vor allem "Altneuland" und "Der Judenstaat" – rekonstruiert.

Als hätte Palistina nur auf die jüdische Besiedlung gewartet

Avineris Bewunderung für Herzl und sein politisches Bestreben ist offensichtlich: Sie lässt jedoch eine kritische Distanz zum Forschungsgegenstand vermissen. Herzl-Zitate, etwa: "So werden wir aus der Sandwüste unseres Landes eine schöne Mark machen", bleiben unkommentiert. Avineri verzichtet hier gänzlich auf eine kritische Auseinandersetzung mit der Herzl'schen Wahrnehmung Palästinas als ein fast unbevölkertes, auf jüdische Besiedlung nur wartendes Land. Dem in Wien und Paris erdachten politischen Plan konform, folgt Avineri uneingeschränkt Herzls Bild des erwünschten jüdischen Gemeinwesens als Nachfolgestaat der langsam zerbröckelnden K.-u.-k.-Monarchie: als ein europäisches Projekt.

Wie schon Herzl blendet auch sein gründlicher Biograf die Gegebenheiten Palästinas aus. Avineris Feststellung, beim Herzl'schen Zionismus handele es sich nicht um "koloniale Herrschaft", verstärkt diesen Vorwurf eher als dass er ihn entkräftet.

Avineri ist 1933 geboren, er ist angesehener Akademiker, Staatsdiener und Publizist Israels, seine Biografie ist mit der Geschichte Israels verwoben, er selbst folglich dem klassischen Zionismus verpflichtet. Und daraus ergibt sich die Antwort auf die eingangs gestellte Frage, warum dieses Buch gerade jetzt erscheint: Wohl weil Avineri dem Zionismus und seiner Generation –  der Gründergeneration Israels – ein Denkmal setzen will. Das historiographische Buch gerät damit selbst zum historischen Dokument.

Hart an der Gegenwart

Während Avineri die Leser in Herzls Gedankenwelt zurückversetzt, holen Doron Rabinovici und Natan Sznaider in ihrem "Herzl Relo@ded. Kein Märchen" den jüdischen Visionär in die Gegenwart.

Buchcover "Herzl reloaded. Kein Märchen" (Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag)Buchcover "Herzl reloaded. Kein Märchen" (Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag)Eines Dezembertages, so der angebliche Anlass für dieses Buch, bekommt Rabinovici eine E-Mail von teddyherzl@altneuland.com, verschickt von keinem minderen als Theodor Herzl. Der ist freilich 1904 gestorben – die E-Mail besteht aus historischen Zitaten. Daraufhin entwickelt sich ein diachronisches Gespräch, das die Diskrepanz zwischen der Vision Herzls und der aktuellen Realität Israel/Palästinas offenlegt.

Aus dem berühmten Herzl'schen Zitat "Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen", ist Realität geworden: Gleich zu Beginn des Buches wird die nahöstliche Melange aus Besatzung, religiös-nationalistischer Radikalisierung und politischer Irreführung schonungslos von Rabinovici dargestellt. Er antwortet Herzl, auf dessen Roman "Altneuland" anspielend:

Eine fiktive Diskussion mit Herzl

"Ich weiß ja nicht, in welchem Roman Sie da stecken, aber Sie sollten ihn lieber schnell zuklappen und in die Bücherei zurückbringen."

Die E-Mails Herzls, die aus authentischen Zitaten bestehen, dienen dem in Israel geboren und in Wien lebenden Schriftsteller Rabinovici und dem in einem DP-Lager in Deutschland geborenen und in Tel Aviv lebenden Soziologen und Historiker Sznaider als Vorlage für eine ausführliche Diskussion. Gemäß seines Handwerks wird es Sznaider zuteil, die Geschichte des Zionismus nüchtern aufzurollen; Rabinovici füllt sie mit den bewegenden Erinnerungen seiner Familie.

Brisant ist das Buch im Umgang mit der jetzigen Lage in Israel/Palästina: Aufgewärmte Lösungsvorsätze des Nahostkonflikts sind hier nicht zu finden. Rabinovici plädiert aus der Sicht der Wiener Diaspora – die er mit Herzl teilt – für eine Neujustierung des Zionismus, der an der heutigen israelischen Politik und der Besatzung Palästinas leidet.

Für Sznaider hingegen sind diese bloßen Symptome ein zionistischer Geburtsfehler –  wie der Glaube, es könne eine moderne, säkulare, jüdische Nation europäischer Prägung geben.

Zombies der Ideengeschichte

Und genau hier entbrennt der Disput: zwischen dem Wunsch Herzls (und Rabinovicis), ein Volk wie alle Völker zu sein – europäische Völker, wohlbemerkt – und dem kritischen Gegenmodell von einem gesonderten Jüdischen in der Geschichte; zwischen Universalismus und Partikularismus also.

Sznaider hält nicht mit provozierenden Äußerungen zurück:

"Ein jüdischer Nationalstaat als alleiniger Schutz gegen Antisemitismus und Pogrome, aber ganz ohne religiöse Komponente, gleichsam ein Zionismus ohne Zion, ein Staat in dem jegliche Religion private Angelegenheit wäre und alle Staatsbürger in der Tat gleich sind, kann im Nahen Osten nur illegitimer Kolonialismus sein."

Und weiter:

"Das Problem ist die Auffassung einer homogenen Nation, die auf einem geschlossenen Territorium leben soll. Von diesem Konzept sollten sich sowohl die Palästinenser als auch die jüdischen und nichtjüdischen Israelis verabschieden […]. Die Zweistaatenlösung hat da ungefähr denselben Stellenwert wie der Sozialismus. Eine der Ideen der letzten Jahrhunderte, welche da wie ein Zombie unter uns weilt."

Eine aufwühlende, lohnende Lektüre

Die Kritik der Autoren verschont weder den heutigen Antisemitismus noch das westliche selbstgefällige Moralisieren. Israel als Antwort auf die Schoah zu begreifen, schreiben sie, schaffe die Grundlage für die hohen moralischen Maßstäbe, an denen es gemessen wird. Dabei würden seine Realitäten verkannt:

"Wie der Kampf um Jerusalem zeigt, ist ein Westfälischer Frieden für die Region nicht denkbar."

Die Form des Briefwechsels könnte allerdings der Stimmenheterogenität Israels gerechter werden – sie gerät hier sehr mitteleuropäisch, ohne sephardische Juden. Dabei muss natürlich bemerkt werden, dass der Zionismus damit in seine sprachliche Heimat zurückgeführt wird: ins Deutsche.

Rabinovicis schonungslose Darlegung der Lage zwischen Mittelmeer und Jordan und Sznaiders unorthodoxer Umgang mit der Geschichte des Zionismus, seine Absage an die ewig zwischen Ein- und Zweistaatenlösung pendelnde Debatte garantieren eine aufwühlende Lektüre, die tief greift ohne sich zu verheddern. Aus der zirkulären Diskussion um Israel/Palästina ausbrechend, stellt das Buch mit seinen unerwarteten, anregenden Denkansätzen einen äußerst lesenswerten Beitrag sowohl zum Nahostkonflikt als auch zur jüdischen Geschichte dar.

Dafür war es anscheinend notwendig, Herzl wieder kurz ins Leben zu rufen: tatsächlich ein kleines Wunder, oder gar Märchen. 

Doron Rabinovici, Natan Sznaider: Herzl reloaded. Kein Märchen
Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
207 Seiten, Hardcover: 19,95 Euro, E-Book: 16,99 Euro

Shlomo Avineri: 
Herzl. Theodor Herzl und die Gründung des jüdischen Staates
Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
361 Seiten, Hardcover: 24,95 Euro, E-Book: 21,99 Euro
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