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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 05.08.2012

Protest gegen weiteren Ausbau der Elbe

Umweltverbände und evangelische Kirche arbeiten an "Wittenberger Erklärung"

Von Annegret Faber

Ufer der Elbe zwischen Steckby und Barby in Sachsen-Anhalt (picture alliance / dpa / Jens Wolf)
Ufer der Elbe zwischen Steckby und Barby in Sachsen-Anhalt (picture alliance / dpa / Jens Wolf)

Die Elbe soll nun doch Hauptwasserstraße werden. Im entstehenden Gesamtkonzept Elbe des Bundesverkehrsministeriums wird von einem ganzjährig befahrbaren Fluss geschrieben. Das lässt die Alarmglocken bei den Umweltverbänden läuten, und nun auch bei der evangelischen Kirche.

Ernst Paul Dörfler hilft den Tagungsteilnehmern ins Schlauchboot. Seit über 20 Jahren setzt er sich für die Elbe ein. So naturnah wie möglich soll sie bleiben, wünscht sich der Elbesprecher vom BUND, dem Bund für Umwelt und Naturschutz. Um die Schönheit des Flusses vorzuführen, lädt er jedes Jahr zum "Dialog im Boot" ein. Politiker, Journalisten und Elbeschützer sitzen dann gemeinsam in einem großen Schlauchboot und betrachten den Flusslauf aus einer ganz neuen Perspektive.

"Also, es ist egal, ob man die Verbreitung der Störche sich anschaut, oder die Verbreitung der Seeadler. Diese Arten sind dort, wo die Elbe ist und das ist die herausragende Bedeutung dieser Flusslandschaft. Sie ist die Arche, die Arche in Deutschland, für viele, viele Arten."

Während Ernst Paul Dörfler spricht, kreisen zwei Seeadler über der Elbe. Greifvögel, die in Deutschland beinahe ausgestorben sind. Der Fluss ist ein wertvolles Biotop und darf nicht durch Schifffahrt zerstört werden, verlangt er und neuerdings auch die evangelische Kirche.

Im Anschluss an die Elbefahrt eröffnet Joachim Liebig, Kirchenpräsident Landeskirche Anhalt, eine Tagung, in der es alles um dieses Thema dreht:

"Wir sind der Auffassung, dass die Elbe als eine der wenigen noch frei fließenden Flüsse in ihrem möglichst naturnahen Zustand bleiben muss. Aus ganz unterschiedlichen, übrigens auch wirtschaftlichen Gründen, die dahinter stehen."

Joachim Liebig sitzt mit circa 50 Vertretern aus Kirche, Umweltverbänden und Anrainern in der Evangelischen Akademie Sachsen Anhalt. Es wird leidenschaftlich diskutiert. Die Formulierung der Wittenberger Erklärung bekommt einen letzten Schliff. Mit diesem Papier wird das Verkehrsministerium aufgefordert, die Elbe nicht auszubauen. Der Fluss sei Teil der Schöpfung und dürfe nicht zerstört werden, so die einhellige Meinung der Tagungsteilnehmer. Reinhard Benhöfer, Umweltbeauftragter der Evangelischen Kirche Deutschland erklärt, der Elbe-Ausbau wäre eine Zerstörung von Naturschätzen, außerdem ein finanzielles Debakel:

"'"Die erste Begründung wäre: Die hohen Kosten, um eine Schiffbarkeit zu erreichen, sind allein deswegen nicht notwendig, weil der Bedarf an Güterschifffahrt auf der Elbe kontinuierlich zurückgegangen ist und gleichzeitig auch noch Alternativen insbesondere mit der Bahn möglich sind, die nicht nur billiger sind, sondern obendrein auch noch umweltverträglicher. Und im Anderen muss man sagen, die Naturschätze im Lebensraum Elbe sind so einmalig und so bedeutsam, dass wir sie nur riskieren können, wenn andere wertvolle Güter deutlich dagegen ständen und das sehen wir nicht. Also ist das Riskieren dieses Naturschatzes nicht zu legitimieren.""

Die Elbe auszubauen könne wirtschaftlich kaum einen Nutzen bringen, weil es ein Niedrigwasserfluss ist, erklärt auch Prof. Hans Ulrich Zabel, der an der Universität Halle- Wittenberg den Lehrstuhl Betriebswirtschaft inne hat:

"Und vor allem die Schäden aus dem Elbe-Ausbau werden exorbitant hoch sein. Die Klimawandelfolgen, etwa dadurch, dass man den Elb-Auenwälder das Wasser entzieht und außerdem wird es natürlich bedingt durch den zunehmenden Wasserentzug für all diejenigen Nutzer, die aufs Wasser angewiesen sind, schwierig. Sie werden Ertragseinbußen haben."

Hans Ulrich Zabel nennt Schäden für Land und Forstwirtschaft, die Fischerei und Tourismusbranche. Allein in Sachsen-Anhalt hätten 20.000 Menschen durch den Elbetourismus Arbeit gefunden. 150.000 Radler fahren jedes Jahr den Fluss entlang und lassen Geld in den Elbe-Ortschaften:

"Dazu kommt noch, dass ein Elbe-Ausbau gegen die EU-Wasserrahmenrichtlinie gerichtet wäre, weil der Elbe-Ausbau den ökologischen Zustand verschlechtert, sodass die EU sicherlich gegen den Elbe-Ausbau Strafzahlungen verhängen wird."

Das Ziel, die Elbe ganzjährig befahrbar zu machen, muss deshalb aufgegeben werden, ist die zentrale Forderung der Wittenberger Erklärung. Hubert Weiger, der Vorsitzende vom BUND Deutschland, steht voll hinter der Erklärung:

"Und das bedeutet im Klartext, es müssen die überzogenen Baumaßnahmen zurückgebaut werden, es müssen die Altwässer angeschlossen werden, es muss alles getan werden, um die Eintiefung des Flusses zu verhindern und das bedeutet wir brauchen ein Gesamtkonzept für die Elbe."

Im Bundesverkehrsministerium wird gerade am Gesamtkonzept Elbe gearbeitet. Allerdings mit einem anderen Ziel. Schiffbar soll sie werden. Das Umschlagsvolumen am Hamburger Hafen werde sich in den nächsten Jahren erhöhen, sodass der Elbe eine neue Aufgabe zukäme, ist dort zu lesen. Ziel ist die konstante Fahrrinnentiefe von 1,60 Meter bei Niedrigwasser. Das soll zeitnah umgesetzt werden. Für die Tagungsteilnehmer ist das ein Vorhaben, das einzig Steuergelder in die Elbeländer fließen lässt, und zwar für sinnlose Baumaßnahmen. Denn der Fluss trägt zu wenig Wasser. Egal wie tief die Sohle ist.

Mehr zum Thema bei dradio.de:
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