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Reportage / Archiv | Beitrag vom 24.06.2014

ProtestBauern gegen Weltkonzern

Eine polnische Gemeinde kämpft gegen Fracking

Von Ernst-Ludwig von Aster

Bloß nicht aufgeben: Die Bewohner der Gemeinde Zurawlow protestieren gegen Probebohrungen nach Gas.  (Foto: v. Aster)
Bloß nicht aufgeben: Die Bewohner der Gemeinde Zurawlow protestieren gegen Probebohrungen nach Gas. (Foto: v. Aster)

Schon die Voruntersuchungen hatten beunruhigende Konsequenzen: Der Energiekonzern Chevron plant in einer ländlichen Gegend in Polen Probebohrungen nach Gas. Die Anwohner protestieren heftig.

Der rote Traktor wirkt wie ein winziger, brummender Käfer inmitten der Wiesen und Felder, die sich bis zum Horizont erstrecken.

"Ich bin auf dem Weg zum Gras mähen..."

Zwölf Hektar Land bewirtschaftet er, hier in Ostpolen, rund um die Gemeinde Zurawlow. Doch bevor er den Mähbalken senkt, will er erst einmal protestieren.

"Occupy Chevron" fordert ein Transparent am Straßenrand. Darunter mahnen auf Stöcken gespießt sechs Gasmasken. Chevron, einer der größten Energiekonzerne der Welt, will hier nach Schiefergas suchen, besitzt die Konzession für eine Probebohrung.

Andrzej klettert vom Traktor. Stapft auf einen großen Bauwagen zu, der beklebt ist mit Protestplakaten "No Fracking" steht da. Und "Chevron go home". Daneben ein grünes Versammlungszelt und ein großer Hänger, meterhoch beladen mit Strohballen. Tomek, ein anderer Landwirt, wartet rauchend am Straßenrand..

"Natürlich ist das nicht einfach, beides zu kombinieren, Kollege."

"Wir müssen, wir müssen das schaffen..."

"Natürlich ist es nicht einfach Protest und Landwirtschaft unter einen Hut zu bringen", sagt Andrzej. Aber wir kriegen es schon hin. "Das muss sein", sagt Tomek und nickt immer wieder bestätigend. "Das muss sein."

"Ich komme fast jeden Tag hierher"

Andrzej deutet kurz nach rechts, aufs Nachbarfeld: Da liegt das Chevron-Camp. Ein Bauwagen, ein Dixi-Klo, ein orangener Generator, ein Mast mit einer Scheinwerferbatterie, ein zweiter mit einer Rundum-Überwachungskamera. Ein Sicherheitsmann in schwarzer Uniform mit gelber Leuchtweste blickt herüber, greift zum Mobil-Telefon. Er bewacht eine Schaufel, einige Holzpfosten und ein paar Rollen Zaundraht....

"Jeden Tag, fast jeden Tag, nicht alle, aber irgendjemand ist immer hier. Ich komme auch fast jeden Tag vorbei."

"Ich komme fast jeden Tag hierher", sagt Tomek. Seit einem Jahr belauern sich der Weltkonzern und die Landwirte hier auf dem Acker. Einmal kam der Konzern mit schwerem Baugerät, die Bauern blockierten die Zufahrt. Denn die führt über ihren Acker. Dann wollte das Unternehmen das gepachtete Gelände einzäunen. Wieder stellten sich ihm die Anwohner in den Weg.

Nach fünf Minuten stoppt ein schwerer, schwarzer Pickup vor dem Feld. Noch ein Sicherheitsmann steigt aus, wuchtet einen Kanister von der Ladfläche. Stapft über den Acker zum Chevron-Generator. Barbara, die hier alle nur Basha nennen, blickt ihm nach. Sie kennt das schon.

"Sie haben gesehen, wie der Sicherheitsmann angerufen hat, sie kamen sofort und brachten Treibstoff, damit sie sie Kamera betreiben können. Jedes Mal wenn wir kommen, geht das so, ist diese Reaktion da..."

"Der eine Sicherheitsmann ruft an ", sagt sie. "Und dann kommt sofort sein Kollege. Und bringt Treibstoff. Damit sie ihre Überwachungskamera betreiben können."

Big-Brother auf dem Acker. Doch die Einwohner von Zurawlow wissen sich zu wehren. Sie haben Strohballen als meterhohen Sichtschutz auf einen Hänger gestapelt:

Der alte Bauwagen ist die Schaltzentrale der Fracking-Gegner. Vier Frauen, alle Mitte 40, stämmig, mit kräftigen Händen, beugen sich drinnen über einen Laptop, kontrollieren die Bildqualität. Den Strom liefert ein Solarmodul auf dem Dach.

Die Bewohner entdeckten Lücken in der Zulassung

"Eine Kamera überwacht die Straße, und schickt uns laufend die Bilder aufs Smartphone", sagt Basha. Ihre Mitstreiterinnen nicken. So haben sie bis jetzt verhindert, dass Chevron seinen Probebohrturm aufbauen konnte. Die Trecker sind immer schneller vor Ort als die Baumaschinen.

In der Ecke steht ein alter Kanonenofen aus Traktorteilen, an der Wand hängen Zeitungsartikel, eine Landkarte mit Bohrkonzessionen. Hunderte Seiten Unterlagen warten griffbereit in den Ordnern.

"Es dauerte eine ganze Zeit, bis wir alles zusammen hatten, bis wir wussten, auf welche Dokumente Chevron noch wartet. Bis wir Widerspruch einlegen konnten, dauerte es ein ganzes Jahr. Dann haben wir uns an das Umweltministerium gewandt."

Die Anwohner entdeckten Lücken in der Zulassung, legten Widerspruch ein, wo es ging. Verwiesen immer wieder auf das riesige Grundwasser-Reservoir der Region. In Zurawlow kommt das Trinkwasser direkt aus dem Untergrund, jeder hat hier seinen Hausbrunnen. Als Chevron im Nachbarort mit seismischen Voruntersuchungen begann und Druckwellen durch die Erde schickte, versiegten einige Brunnen, bei anderen wurde das Wasser dunkel, erzählt Basha.

"Was dort passiert ist, macht uns Angst. Wenn schon solche Erkundungen schon Problemen machen, was passiert dann, wenn richtig nach Gas gebohrt wird. Wir haben rausgefunden, dass Chevron's Lizenzen ein Gebiet umfassen, in dem die Grundwasserreservoirs für drei Städte liegen. Bei einem Fehler würden Tausende ohne Trinkwasser sein."

Das gesamte Dorf muss vor Gericht

Chevron aber pocht weiter auf seine Konzession. Und die Bewohner der Region auf ihr Widerstandsrecht. Ein paar Mal musste die Polizei schon auf dem Acker für Ordnung sorgen

"Es gibt eine Anklage für 32 Leute, eine für zwölf und eine für 14..."

Es gibt drei Anklagen: eine gegen 32 Bewohner, erzählen die Frauen, eine gegen 12 , eine gegen 14. Fast das gesamte Dorf muss demnächst vor dem Richter erscheinen. Der Vorwurf: Widerstand gegen die Staatsgewalt, Sachbeschädigung.

"Wir freuen uns schon auf die Verhandlung", sagt die 41-jährige Bozena. Und findet: "Der Protest hat uns klüger und stärker gemacht."

Mehr zum Thema:

Fracking - "Da muss viel Transparenz rein" (Deutschlandradio Kultur, 04.06.2014, Umwelt und Verbraucher)

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