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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 02.03.2013

Propaganda mit Rechenfehler

Über die Unlogik des Wasserverbrauchs pro Rind

Von Udo Pollmer

Wieviel Wasser verbrauchen Rinder wirklich? (Stock.XCHNG / Wendy Domeni)
Wieviel Wasser verbrauchen Rinder wirklich? (Stock.XCHNG / Wendy Domeni)

Umweltverbände fordern, der Verbraucher solle wasserbewusst einkaufen und sich etwa klarmachen, wie viel sogenanntes virtuelles Nass angeblich durch jedes Kilo Rindfleisch verbraucht werde. Warum die angestellten Wasserrechnungen Unfug sind, erklärt Udo Pollmer.

Das Wasser wird knapp – und die Industrie schert sich eine feuchte Pfütze darum. Während der Bürger in seinem Badezimmer Wasserspartasten installiert und seinen Kindern erzählt, dass die Wasservorräte der Erde begrenzt sind, werden bei der Erzeugung von Lebensmitteln offenbar gewaltige Mengen verschwendet. Jedes Kilo Rindfleisch, so lese ich in den Schriften der Umweltverbände, verbraucht 15.000 Liter - und im südlichen Afrika verdurstet das Vieh. Es ist ja alles so furchtbar.

Prüfen wir doch mal die Berechnung. Der Wasserverbrauch für ein Kilo Rindsgulasch wird ermittelt aus dem, was das Rind trinkt, dem Wasser für den Anbau seines Futters und schließlich dem, was Schlachthof und Wurstfabrik nutzen – namentlich für die Reinigung. Klingt logisch – klingt logisch, ist aber Unsinn.

Als Wiederkäuer frisst ein Rind vor allem Raufutter, also Gras, Heu, Maissilage, dazu etwas Futtergerste. Damit Gras, Mais und Futtergerste auf den Äckern und Weiden gedeihen, muss es natürlich erst mal regnen. Sobald der Regen auf Wiesen, Weiden und Äcker fällt, wird er in der Sprache der Ökopropaganda "verbraucht". Und schon fließen ganze Sturzbäche in die Statistik ein. Der Regen fällt auch dann, wenn da nichts wächst. Das Wasser ist nicht einfach weg – sondern weiter im Naturkreislauf.

Nichts anderes gilt für das, was ein Rind oder auch ein Reh trinkt. Ihre Ausscheidungen sind Wasser mit Naturdünger. Die Rindergülle wird heute zunehmend in die Biogasanlagen gekippt, auf die Felder kommt stattdessen geruchsneutraler Kunstdünger. Die Ausscheidungen der Verbraucher sind weniger vorteilhaft, denn Klärschlamm ist ein fragwürdiges Düngemittel. Aber auch hier bleibt das Wasser im Kreislauf. Es wird ebenso wenig verbraucht wie das Wasser im Meer, auf dem die Schiffe ihre Fracht mit Kiwis oder Kaffee um den Globus schippern. Könnte man aber in die Wasserbilanz reinrechnen.

Ein Bulle liefert etwa 500 Kilo. Mit je 15.000 Liter Wasser multipliziert, ergibt das aberwitzige siebeneinhalb Millionen Liter pro Tier. Aber da fehlt noch etwas. Denn ein Rind liefert auch Leder. Laut Ökoexpertise verbraucht ein Paar Lederschuhe nochmals 8.000 Liter Wasser – weil auch hierfür ein Rind trinkt, frisst und pisst. Bei den zig Paar Schuhen, die sich pro Rind fertigen lassen, dem Horn und anderen nützlichen Dingen, die es liefert, ergibt das zusammen mit dem Fleisch einen Gesamtwasserbedarf von rund 10 Millionen Liter Wasser. Und dabei fehlt immer noch bei den weiblichen Tieren der Verbrauch für die viele Milch, die sie jeden Tag liefern. Die Kuh - ein Fass ohne Boden. Doch die Umweltorganisationen künden auch Erfreuliches: Mit dem Wasser für ein Kilo Rindsgulasch oder für zwei Paar Schuhe ließe sich ein kompletter Kleinwagen fertigen. Alle diese "Zahlen" der Umweltschützer gehen auf keine Kuhhaut.

Was für den Acker gilt, gilt auch im Haushalt. Das Wasser, das wir beim Duschen "verbrauchen", geht nicht verloren. Wenn die WC-Spülung rauscht, fließt das Abwasser über die Kanalisation in die Kläranlage, wird dort gereinigt und wieder in die Gewässer geleitet. Aus denen wird andernorts Wasser entnommen, aufbereitet und als Trinkwasser verwendet. Immer wieder. Es löst sich kein Wasser in Nichts auf. Und es wird auch nicht verbraucht wie Erdöl, Teddybären oder Klopapier. Die Fähigkeit, Wasser zu klären und aufzubereiten ist eine der größten technischen Errungenschaften der Menschheit. Wasser kann sooft recycelt werden, wie man will. Ohne diese Technik gäbe es keine moderne Zivilisation.

Doch die Deutschen sparen Wasser. Wie zum Hohn steigt im Sommer der Mief aus den Kanaldeckeln, weil die Abwasserkanäle nicht mehr richtig gespült werden. Nun pumpen die Stadtwerke frisches Wasser hinein. Allein in Berlin rauschen an manchen Tagen bis zu einer halben Million – nicht Liter – einer halben Million Kubikmeter frisches, sauberes Wasser durch die Kanalisation. Es stinkt zum Himmel!
Mahlzeit!

Literatur:
Anon: 15.000 Liter Wasser für ein Kilo Rindfleisch. Focus Online 22. 3. 2012
Sonnenberg A et al: Der Wasser-Fußabdruck Deutschlands. WWF Deutschland, Frankfurt/M. 2009
Neubacher A: Deutschland – ein Ökomärchen. Der Spiegel 2012; H.11: 60-64
Hoekstra AY, Mekonnen MM: The water footprint of humanity. PNAS 2012; 109: 3232-3237
BUND Landesverband Schleswig-Holstein: Virtuelles Wasser. Kiel ohne Jahr
Wasser Stiftung / Waterfoundation Ebenhausen: Wasserfakten; Homepage: Wasserstiftung.de

Mahlzeit

Biodiesel Der Alptraum von der grünen Energie
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