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Lesart / Archiv | Beitrag vom 06.10.2013

Prinzipiell verhandlungsbereit

David Patrikarakos: "Atommacht Iran - Die Geburt eines nuklearen Staats"

Rezensiert von Albrecht Metzger

Irans Präsident Hassan Rouhani schlägt versöhnliche Töne an. (picture alliance / dpa / Abedin Taherkenareh)
Irans Präsident Hassan Rouhani schlägt versöhnliche Töne an. (picture alliance / dpa / Abedin Taherkenareh)

Der Iran drängt auf das Recht, Atomkraft souverän nutzen zu können. Das Land wolle damit seinen Mangel an Prestige gegenüber dem Westen kompensieren, meint der britische Journalist David Patrikarakos. Der Staat strebe nach Respekt und einem Platz in der internationalen Ordnung.

Kaum ein Land ist so voller Komplexe und gleichzeitig so überzeugt von seiner Rolle als regionaler Großmacht wie der Iran. Das betrifft sowohl die Islamische Republik wie das Vorgängerregime unter Schah Reza Pahlevi.

Dies zu erkennen ist von großer Bedeutung, wenn man die Geschichte des iranischen Atomprogramms verstehen will. Mehr noch: Ohne die Vergangenheit zu berücksichtigen, wird es kaum gelingen, die gegenwärtige verfahrene Lage zu entschärfen und einen militärischen Konflikt zu vermeiden.

Der britische Schriftsteller und Journalist David Patrikarakos analysiert dies auf beeindruckende Weise. Dazu hat er Zeitzeugen interviewt und einschlägige Dokumente studiert. Die zentrale Aussage seines Buches lautet:

"Die Atomkraft hat per se für den Iran einen hohen Stellenwert. Daran zeigt sich der Wunsch eines Entwicklungslandes, alle mit der Atomkraft verbundenen Vorteile zu erlangen, um das Defizit an Prestige aufzufüllen, das es gegenüber den westlichen Ländern empfindet."

Für den Westen stand allerdings immer die Frage im Vordergrund, ob der Iran Atomwaffen herstellt und besitzt. Diese Frage wurde umso drängender, nachdem die Islamische Revolution 1979 ein Regime an die Macht brachte, das paranoid war, dazu antiwestlich und antiisraelisch.

Auch wenn es keine direkten Beweise für ein iranisches Atomwaffenprogramm gibt: Viele Indizien deuten darauf hin, dass ein solches existiert. Zu oft hat Teheran sein Tun verschleiert, so zum Beispiel sein Programm zur Anreicherung von Uran. Obwohl es bereits seit 1985 bestand und der Iran verpflichtet gewesen wäre, es der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien mitzuteilen, geschah dies erst Jahre später.

Mittlerweile, soviel scheint festzustehen, beherrschen iranische Wissenschaftler den atomaren Kreislauf. Mit anderen Worten: Sie könnten Nuklearwaffen entwickeln, wenn das von der politischen Führung gewollt würde.

Atomkraft als Symbol für wissenschaftlichen Fortschritt

Mit seiner Analyse will David Patrikarakos dem Westen helfen, das Denken und Verhalten der iranischen Elite besser zu verstehen, um so zu einem Kompromiss zu finden. Der Beginn des iranischen Atomprogramms geht in die sechziger Jahre zurück. Schah Reza Pahlevi wollte sein Land mit aller Gewalt in die Moderne katapultieren. Und die Atomkraft war das Symbol für wissenschaftlichen Fortschritt.

Außerdem versprach sie aufstrebenden Schwellenländern wie dem Iran, in Energiefragen autark zu werden. Denn wenngleich der Iran eines der ölreichsten Länder der Erde ist, erkannte der Schah früh, dass die fossilen Ressourcen endlich sein würden.

Lesart Cover: Patrikarakos - Atommacht Iran (Europa Verlag)Cover - David Patrikarakos: "Atommacht Iran" (Europa Verlag)Und er erkannte auch, dass die USA, deren wichtigster Verbündeter er in der Region war, nicht akzeptieren würden, dass der Iran sich über Kraftwerke hinaus auch Kernwaffen verschafft. Deswegen war er – im Gegensatz zu Indien, Pakistan und Israel – bereit, den Atomwaffensperrvertrag zu unterschreiben, der verpflichtet, sich den Kontrollen der Internationalen Atomenergiebehörde zu unterstellen. Ungeachtet dessen hielt er sich insgeheim die Option offen, in Zukunft doch noch Atomwaffen zu entwickeln, wie er in Interviews andeutete.

Mit der Islamischen Revolution 1979 verwandelte sich ein treuer Freund des Westens in einen Todfeind. Besonders die USA galten von nun an in Teheran als Ausgeburt des Teufels, hatten sie doch schon 1953 mitgeholfen, einen demokratisch gewählten Ministerpräsidenten zu stürzen. Sich als stolze Nation weder von Nachbarländern noch von Großmächten gängeln zu lassen, wurde zur Staatsdoktrin der Mullahs.

Die Konfliktlinien seitdem sind klar: Die Islamische Republik besteht auf ihrem Recht, die Kernenergie zivil nutzen zu dürfen. Der Westen dagegen misstraut ihr, verdächtigt sie, sich schrittweise die Technologie zu verschaffen, um die Atombombe zu bauen.

David Patrikarakos redet das Risiko nicht klein, macht aber Hoffnung:

"Besonders wichtig (..) ist, dass der Iran das System nicht ablehnt, sondern um mehr Unabhängigkeit innerhalb des Systems kämpft. Er will die internationale Ordnung nicht überwinden oder zerstören, sondern er will seinen rechtmäßigen Platz in dieser Ordnung: als starker Mann am Golf, der in der Weltpolitik ein gewichtiges Wort mitzureden hat."

Die islamischen Revolutionäre verstehen sich dabei als Wortführer der Schwellenländer. Es geht ihnen um Anerkennung und Respekt.

Und darauf sollte der Westen eingehen. Zum Beispiel könnten die Amerikaner den Iranern Sicherheitsgarantien geben, dass sie nicht angreifen werden – wie etwa vor zehn Jahren den Irak. Beide Länder standen ja schon mal kurz vor der Versöhnung. Ausgerechnet Mahmud Ahmadinedschad, ein Hardliner und Revolutionär der ersten Stunde, war 2010 bereit, sich mit Barack Obama an einen Tisch zu setzen, scheiterte aber an innenpolitischem Widerstand.

Nun gibt es eine neue Chance. Sein Nachfolger Hassan Rouhani schlägt versöhnliche Töne an und macht sogar Tempo. Binnen dreier Monate könnte der Atomstreit gelöst sein. Dann würde er sein Land zudem rasch vom Joch der Wirtschaftssanktionen befreien.

David Patrikarakos scheint so etwas erwartet zu haben. Mit seinem Buch macht er sensibel dafür, dass jetzt diplomatisches Geschick verlangt ist. Es geht ja nicht nur darum, die Offerte aus Teheran als glaubwürdig einzuschätzen, sondern zu berücksichtigen, dass sich auch der neue Präsident innenpolitisch gesehen unverändert über hindernisreiches Terrain bewegt. Wie dem auch sei, prinzipiell hält der Journalist das islamische Regime für verhandlungsbereit.

"Die Region hat Grund, die iranischen Ambitionen zu fürchten, aber der Iran ist nicht vollkommen unvernünftig. Er ist nicht Nordkorea."


David Patrikarakos: Atommacht Iran - Die Geburt eines nuklearen Staats
Aus dem Englischen von Ursel Schäfer
Europa Verlag, Berlin April 2013
432 Seiten, 24,99 Euro

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