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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 26.06.2014

Porträt"Die Erfahrung ist die Botschaft"

Die Welt des Interface-Designers Ivan Poupyrev

Von Michaela Vieser

Berührung der Handfläche mit einem Finger (picture alliance / dpa / Andreas Gebert)
Training des Tastsinns durch Berührung der Handflächen (picture alliance / dpa / Andreas Gebert)

Reibt man die Seite eines Buches, offenbart sich eine versteckte Botschaft. Streichelt man ein Schmetterlingsbild, überträgt sich das Flattern des Flügels auf die Haut: Der in Russland geboren Ivan Poupyrev ist einer kreativsten Interface-Designer - preisgekrönt und weltweit gefragt. Zu seinen spektakulärsten Entwicklungen zählt der erste Touch Screen der Welt.

"Haptik wird von Vögeln angewendet, man muss sie nur beobachten. Sie steuern ihren gesamten Körper durch die Haptik. Sind sie in der Luft, dann spüren sie wegen dieser haptischen Rückmeldung, wie sie Flügel und Winkel bedienen müssen. Dasselbe gilt für Fische und wie sie durch Strömungen navigieren, das können sie nur Dank Haptik. Indem sie fühlen, wie das Wasser auf ihre Haut wirkt, kontrollieren sie Geschwindigkeit und Richtung."

"Als Menschen tun wir das nicht. Aber früher, in den guten alten Zeiten, wenn man beim Zahnarzt eine Betäubungsspritze erhielt, dann konnte man drei Tage lang nicht sprechen und es fühlte sich echt komisch an. So als würde sich der Mund nicht mehr richtig bewegen. Das fühlte sich dann mehr so an, als sei es der Mund eines Riesen. Aber so ist das natürlich nicht. Man hat nur die haptische Rückmeldung ausgeschaltet und dadurch gerät alles außer Kontrolle."

Der Tastsinn als Schlüssel

Und genau das hat Ivan Poupyrev getan: Er hat die Mensch-Computer-Interaktion um die Dimension der Haptik erweitert. Wenn die Dinge, die der gebürtige russische Forscher angekurbelt hat, erst einmal Mainstream sind, dann werden wir Filme mit dem Körper fühlen; Türen durch Klopfzeichen öffnen, anstatt mit einem Schlüssel. Und wir können die Lautstärke unseres Radios verändern, indem wir uns an einer bestimmten Körperstelle berühren. Denn in der Welt, zu der Ivan Poupyrev die Tür geöffnet hat, wird alles zu einem Interface, zu einer Schnittstelle und dient der Kommunikation zwischen Mensch und Computer. Und der Schlüssel zu dieser Tür ist unser Tastsinn.

Ivan Poupyrev ist mit vielen Welten vertraut: Er wuchs in der Sowjetunion auf, forschte in Japan und arbeitet heute in den USA. Egal ob im Sony Computer Science Lab in Tokyo, bei Disney Research in Pittsburgh oder bei Google Labs im Silicon Valley: Der Mitte 40-jährige lässt die Grenzen zwischen der echten und der virtuellen Welt verschwinden. Er hat zahlreiche Preise erhalten und gilt als einer der führenden Forscher auf diesem Feld.

Der Paper Generator erntet Energie. Wenn man mit dem Finger über Teflon streicht, werden die Elektronen elektrostatisch aufgeladen. Dank dem Paper Generator wird diese Energie genutzt, um LED Lampen zum Glühen zu bringen, einen kleinen Buzzer erklingen zu lassen oder E-paper zu aktivieren. Nur durch Berührung können Bücher so zu interaktiven Spielplätzen werden.

Der jugendlich aussehende Forscher liebt es zu erzählen: von seiner Kindheit in der Sowjetunion, von seiner Mutter, die mit ihm und einer Axt das Bett teilte, von seinem Vater einem Mathematiker und von seinem Onkel Wanja, einem Alkoholiker, der ihm eintrichterte, dass nur Glück das Leben bestimme. Stimmt nicht, glaubt Ivan Poupyrev: Durchhaltevermögen ist eine Eigenschaft, die er sehr schätzt. Und so achtet er bei jedem neuen Mitarbeiter darauf, ob der wirklich hart arbeiten kann. Kreativ sind wir doch alle, fügt Ivan Poupyrev lachend hinzu. Geprägt hat ihn seine Zeit im Sportinternat, wo er als Ruderer auch das Durchhaltevermögen trainierte, das ihn bis heute ausmacht: Nur nicht aufgeben, weiterzusuchen, nach einer Lösung, die den Idealzustand nah kommt.

"Du musst dort den ganzen Tag trainieren. Du wachst auf, gehst auf den Hof und da steht diese Statue von Lenin, mit der Vogelkacke auf dem Kopf. Und dann steht man da am Morgen und der Rektor der Schule kommt raus und brüllt Dich an: 'Ihr seid alle Champions, denn Euer Land macht Euch dazu. Euer Land zahlt für Eure Ausbildung. Darum müsst Ihr Champions werden und wenn Ihr keine Champions werdet, dann seid Ihr eine Truppe von Verlierern! Und das war es.' Jeden Tag hört man sich diese Standpredigt an, über die blöden Verlierer und danach ging es zum Training. Und Du denkst Dir:  'Okay, ja, so ist es.'"

Ishin Denshin als neuer Weg der Kommunikation

Vielleicht muss man durch solche eine Lebensschule gehen, um auf die Idee zu Ishin Denshin zu kommen. Ishin Denshin ist ein japanischer Begriff und beschreibt eine Art von Kommunikation ohne Worte, bei der man aber genau weiß, was der andere meint.

Ein Mensch hört Musik über Kopfhörer, steckt einem anderen Menschen seinen Finger ins Ohr und dieser kann nun, durch den Finger seines Partners im Ohr, auch die Musik hören. Die Technologie hinter Ishin Denshin beruht darauf, dass ein Audiosignal in ein nichthörbares Signal umgewandelt wird, was dann wiederum selbst durch den menschlichen Körper wandert. Durch die Berührung des Fingers mit dem Ohr nimmt das Trommelfell diese Schwingungen auf und der Empfänger kann hören, was der Sender hört.

2013 erhielt Ivan Poupyrev für diese Erfindung den "Honorary Mention" bei der Ars Electronica. Als seine beste Inspirationsquelle nennt er das Buch des englischen Sciencefiction- Autors Douglas Adams "Per Anhalter durch die Galaxis". Das ganze Buch stecke voller Ideen! Jede einzelne sei absolut genial und vor allem die Stelle über die unendlichen Möglichkeiten in einem unendlichen Universum, entspreche seinem eigenen geheimen Weltbild.

"Man muss also nichts mehr selbst erschaffen. Man braucht nur noch zu ernten. Die natürliche Erweiterung dieser Vorstellung wäre eine Horde Affen, die Buchstaben in eine Schreibmaschine tippen und dann durch Zufall einen Shakespeares schreibt. Die Wahrscheinlichkeit ist gegeben. In einem unendlichen Universum gilt dieselbe Idee. Das lustige daran aber ist, dass manchmal genau solche Dinge passieren."

Nach seinem Mathematikstudium an der Moskauer Aerospace Universität erhielt der damals Anfang 20-jährige 1989 überraschend ein Stipendium, mit dem er an der Universität von Hiroshima studieren konnte. In Japan fühlte er sich zum ersten Mal als Teil einer internationalen Forschungsgesellschaft, zu der unbedingt gehören wollte. Um zu verstehen, wie man in der westlichen Gesellschaft eine Karriere als Forscher angeht, las er deshalb zahlreiche Biografien führender Wissenschaftler und suchte nach einem gemeinsamen Nenner in ihrem Leben. Prompt fand er ihn: Jeder, der berühmte Wissenschaftler gehörte zu einer Gruppe von Forschern, die an etwas bahnbrechendem gearbeitet hatten. Also, es muss einem nicht selbst ein genialer Durchbruch gelingen, es reicht schon aus, nur einer Gruppe anzugehören, die an etwas Unbekannten forscht. Und prompt fand Ivan Poupyrev eine solche Gruppe im Human Interface Technology Lab der Universität Washington.

Mit virtuellen Brillen, sensorischen Handschuhen und Kabeln vernetzt, forschte die Gruppe zu grundlegenden Fragestellungen: Wie bewegt man sich in Räumen, die nicht existieren? Wie können diese Räume real erlebt werden? Wie gehe ich mit Objekten um, die in der virtuellen Welt Bedeutung haben?

Durch die erfolgreiche Zusammenarbeiten mit den Forschenr des „Human Interface Technology Lab" erhielt Ivan Poupyrev seine erste Anstellung als Forscher, damals bei Sony. Er hatte es also geschafft und einen Platz in einem der wichtigsten Forschungslabore der Welt erhalten: Seitdem forscht er zu „Empower Humanity". Technologie, die Menschen neue Erfahrungen ermöglicht. Das tactile Interface, das fühlbare Interface etwa.

  

Blick auf die Knöpfe eines Mischpults (Stock.XCHNG / Matteo Discardi)Blick auf die Knöpfe eines Mischpults (Stock.XCHNG / Matteo Discardi)

Bei dieser Technik, spürt man, wenn man auf einem Touchscreen einen Knopf drückt, auch wenn da nur eine flache Scheibe ist. Das Gefühl des Drückens, des Widerstandes, ist aber echt.

Die Idee vom Gerät ohne Knöpfe

Ivan Poupyrev beharrte damals bei Sony darauf, tragbare Geräte nur mit einem Screen und einem Knopf zum Ein- und Ausschalten auszustatten. Das war sieben Jahre vor der Einführung des Iphones und kaum ein Produktmanager konnte sich damals digitale Geräte ohne Knöpfe vorstellen. Außer Poupyrev. Heute geht es in seinen Erfindungen nicht mehr nur um ein Gefühl im Finger, sondern um den ganzen Körper. Sein Traum ist es, den Körper in einen bisher unbekannten Zustand zu versetzen.

"Ich stelle mir das in etwa so vor, wie in Wasser eintauchen: Der Körper wird dann ein Teil von etwas anderem. Diese Vision, körperlich komplett in etwas anderem aufzugehen, nicht bloß mit dem Finger, der etwas berührt, nicht irgendetwas das auf deinem Rücken passiert, sondern der ganze Körper in einer Entität, darum geht es."

Die technologische Basis zu dieser Vision hat der 44-Jährige bereits bei Disney Research, wo er von 2009 bis 2014 arbeite, geschaffen: die "Surround Haptics".

Durch visuelle Impulse und haptische Stimulation wird ein Gefühl erzeugt, als ob Dinge über die Haut fahren würden. Das Gefühl dabei ist nicht, wie oft bei Computern, mit einem vibrierenden Unterton verbunden, sondern es fühlt sich echt an. Es können ganz unterschiedliche Empfindungen nachgestellt werden: Käfer, die auf dem Rücken krabbeln, eine Schlange, die sich um den Körper windet, das Gefühl ein Laserschwert in der Hand zu halten.

Bahnbrechend an Poupyrevs Arbeit ist, dass er zum ersten Mal Algorythmen für den taktilen Sinn entwickelt hat und diese mit visuellen Impulsen paaren kann. Andere Forscher sind jetzt dabei eine Art "Bibliothek für Erfühlbares" zu entwerfen und dann diese Informationen in so etwas wie "jpeg" abzuspeichern. So, wie Bilder in Pixel sollen haptischen "jpges" dann taktiles Empfinden komprimieren und speichern. Poupyrev hat dazu die Grundlage geliefert.

Als Wissenschaftler und Forscher erfinde ich Technologien, die durch tausende von Faktoren skalierbar sind. Wenn man mit sensitiven Technologien arbeitet, kann man – nun, ich würde nicht sagen unendlich viele, aber doch hunderte und tausende neuer Anwendungen für diese Technologien finden. Skalierbarkeit ist wirklich das wichtigste an der Sache. Aber es ist auch das schwerste. Und das ist der Unterschied zwischen jemandem, der Interactions-Technologien erfindet und einem Interaction-Designer: Die Disziplinen überschneiden sich, aber der größte Unterschied liegt in der Skalierbarkeit von dem, was du baust.

Dass Erfindungen nur dann relevant sind, wenn sie skalierbar sind, hat der studierte Mathematiker schon früh gelernt. Auch deshalb unterscheidet er zwischen dem Inventor, also dem Erfinder einer neuen Technologie, und dem Innovator, also dem, der die Neuerungen dann wirklich einführt und Anwendungen dafür findet.

"Ich bin am besten, wenn ich einfach Dinge erfinde. Das ist das, was mir Spaß macht. Das designen, das macht mir auch Spaß, aber ich kann es nicht so gut. Wenn ich es tun muss, dann mache ich es. Aber ich habe die bewusste Entscheidung getroffen, nur die Aufgaben anzugehen, in denen ich gut bin. Und mich nicht in Tätigkeiten zu verzetteln, die mir nicht liegen. Und das ist schrecklich!"

Wie fühlt sich etwas an, das keine feste Form hat? Mit "Projekt Aireal" kann man Schmetterlinge auf der Handfläche spüren, die gar nicht da sind. Ein fast schon poetisches Erlebnis. Der aus Pakistan stammende Ingenieur Ali Israr hat es zusammen mit Ivan Poupyrev entwickelt: 

"Wir haben neue Wege gesucht, um die Welt um Dich herum zu stimulieren. Also haben wir damit angefangen, Luftwirbel zu erzeugen. Wenn man ein Gefäß hat, das mit Luft gefüllt ist und diese Luft ganz schnell raus stößt, dann entsteht in einiger Entfernung ein Luftring, wie eine Art Doughnut. Der Ring bleibt für einige Zeit in der Luft, dann löst er sich auf. In dem Moment, wenn er dich berührt, fühlt es sich so an, als würde jemand, tap tap tap, an deinen Arm tippen."

Wieder ist es die Verbindung eines visuellen Impulses, der hilft, das, was nicht existiert, doch zu spüren. Weil Schmetterlinge zeitgleich mit dem Ausstoßen der Luft auf die Haut projiziert werden, hat man das Gefühl von Flügelschlagen auf der Haut.

"Ich denke, wir sollten uns keine Gedanken darüber machen, was die Visionen für die Zukunft sind, sondern darüber nachdenken, was wir jetzt gerade tun und wie die Dinge, an denen wir jetzt forschen, die Zukunft beeinflussen werden. Denn die Zukunft ist jetzt, nicht in 150 Jahren. Wir erschaffen die Zukunft jetzt, in diesem Moment."

Ein visionärer Handwerker, der Grundsteine legt

Auch wenn das, was Ivan Poupyrev erfindet, wie Science Fiction anmutet, er selbst sieht sich nicht als Visionär eher als Handwerker, der jetzt die Grundsteine für Dinge, die einmal absolut normal sein werden, legt. Das sei vergleichbar mit der Erfindung des Internets, sagt er lachend, auch wenn keiner weiß, wie diese Dinge dann von den Menschen umgesetzt werden.

"Aber was passiert, wenn die Menschen dann tatsächlich anfangen, diese Technologien zu benutzen. Alles, was man sagen kann, ist, dass dieses Wissen wie ein riesiges Wörterbuch, wie eine Enzyklopädie genutzt wird, zu der jeder Zugang hat. Wenn man sich also erste Ideen im Netz anschaut, geht es immer darum: wir schenken der Welt Wissen. Und wir werden die Welt belehren. Aber was ist wirklich passiert: Die Leute wollen einfach nur Bilder von ihren Katzen posten. Die populärsten Webseiten in Japan sind Seiten, wo Leute ihr Katzenbilder reinstellen. Das war´s. Und noch was: Niemand will mehr etwas lesen. Alle wollen lieber selber schreiben."

Das amerikanische "Fast Magazin" listete Ivan Poupyrev als einen der 100 kreativsten Köpfe der Welt, noch vor Ai Weiwei und Fred Graver, der TV mit Twitter verbindet. Die BBC, die englische Tageszeitung „Times" und die amerikanische "Washington Post" bezeichneten seine Forschung als "mindblowing" – als überwältigend. In Deutschland hingegen ist der gebürtige Russe bislang nur Insidern bekannt. Das könnte mit seinem "Touché Projekt" anders werden.

Touché kann mit wenig technischem und finanziellem Aufwand die ganze Welt in ein Touch-Interface verwandeln. Durch die hohe Empfindlichkeit von Touché kann ein Türgriff wissen, ob er angefasst wird, und wenn ja, dann ob mit der ganzen Hand oder nur mit einem Finger. Ein Tisch weiß dann, ob jemand vor ihm sitzt oder nicht, ob jemand eine Hand auf ihn legt, sich mit einem Ellbogen abstützt oder mit beiden Händen. Selbst lebende Pflanzen können zu Touch-Interfaces werden, wie er bei Botanicus Interactus beweist: Ein Bambus spürt, an welchem Segment er angefasst wird – etwa ob der Stamm oder ein Blatt gestreichelt wird.

Die Touché -Technologie funktioniert bei allen Gegenständen, egal aus welchem Material sie sind; sie funktioniert bei Pflanzen, Wasser und auch beim Menschen. Dabei ist die Technologie dahinter relativ einfach, erklärt ihr Erfinder.

"Wir haben also die Methode entwickelt, durch verschiedene Frequenzen zu scannen, die dadurch erzeugte Wirkung aufzugreifen und sind nun in der Lage, durch nur einen einzigen Berührungspunkt, festzustellen, wie dein Körper gerade konfiguriert ist. Stehst du oder sitzt du, hast du deine Hand auf dem Knie, berühren sich deine Hände oder berührst du mit einer Hand deinen Arm. Wie hälst du etwas. All diese Dinge können wir jetzt plötzlich ermitteln. Und es reicht aus, sich dabei nur auf die Antwort des Signals und seiner Frequenz zu achten. Es handelt sich also um einen völlig neuen Ansatz menschliche Gesten und menschliche Interaktionen aufzuspüren. Und selbst innerhalb von Disney – leider darf ich darüber nicht sprechen – aber da gab es 10 bis 15 Ansätze mit verschiedenen Unternehmensbereichen, wie man das anwenden könne. Es war ein Feuerwerk von Ideen."

Die vier Jahren, die Ivan Poupyrev bei Disney gearbeitet hat, waren seine produktivsten. Was vielleicht daran lag, dass jede Erfindungen gleich in den Themenparks umgesetzt werden können. Anders als bei Sony, wo alles auf die Frage hin getestet wurde, welches Consumer-Produkt sich daraus entwickeln lasse, ging es bei Disney immer um das eine Thema: Create magic – Entwickle etwas Magisches. Das hat geprägt, erinnert sich Joanna Dauner. Die Interaction Designerin war sechs Monate lang Praktikantin bei Ivan Poupyrev.

Joanna Dauner: "Wir denken immer irgendwie in Geschichten. Was ist die Geschichte. Was einen auch immer bei Projekten hilft: Was will ich erzählen? Was wollen wir machen? Wir wollen den Menschen ein Erlebnis schenken, oder sie in eine Welt entführen, sie etwas Neues erleben lassen. Und dafür braucht man eine Geschichte."

Antwort auf Berühung

Wie sich unsere Erfahrungen in Erlebnisparks wohl verändern werden, wenn plötzlich alles, was man anfasst, dies registriert und darauf antwortet, egal ob es die Pflanzen, die Ohren von Mickey Mouse oder das Cockpit eines Raumschiffs ist? Für Touché erhielt Ivan Poupyrev 2012 den "Best Paper Award" auf der Chi Konferenz – eine Art olympische Goldmedaille in der Welt der Interaction-Designer.
Atmo Leute in seinem Büro sprechen im Hintergrund über Thermalen Lärm etc.

Ivan Poupyrev, der mittlerweile auch in Princeton lehrt, ist so etwas wie ein Pop-Star auf wissenschaftlichen Konferenzen geworden. Er reist von Kontinent zu Kontinent, spricht mal in Halifx im Norden Kanadas, dann in Belgien oder in Tokyo. Und hat dabei vor allem eine Beobachtung gemacht: Es sind immer weniger die Spezialisten, die zu solchen Konferenzen pilgern, also keine Elektroingenieure, Computer-Programmierer oder Interaction-Designer, sondern Menschen, die dank der Vernetzung durch das Internet ihr eigenen digitalen Lösungen bauen wollen. Menschen mit einer Affinität für Technik.

"Vielleicht haben wir ja einen Level erreicht, bei dem auch die Technologien so einfach anzuwenden sind, dass jeder mit ihnen umgehen kann. Es ist wie in der Renaissance. Die Leute können ein bisschen programmieren, sie können Webseiten designen oder in einem Biolab genetische Experimente ausprobieren und gleichzeitig können sie alles auf ihrem Blog veröffentlichen, tweeten, Fotos, Radio und Fernsehprogramme machen, sie bauen kleine Geräte, die sie durch Kickstarter finanziert bekommen. Und dann können sie auch noch darüber reden. All das ist möglich. Und das ist für mich die Definition von Renaissance."

Er selbst nennt das eine neue Weltsicht, "The New Renaissance". Ähnlich wie heute, sei auch zu Zeiten der Renaissance viel möglich gewesen: Die politische Situation erlaubte den Menschen relativ frei und relativ wohlhabend zu leben und sich dadurch der Technologie zu widmen. Die Technologie holte auf, brachte neue Antworten. Es wurden Ferngläser entwickelt, um die Sterne zu betrachten, durch neue Farbpigmente waren andere Gemälde möglich und tausende von Möglichkeiten eröffneten sich durch die Verbindung von Kunst und Technologie. Heute, so Ivan Poupyrev, sei das ganz ähnlich.

"Es ist eine Befreiung durch Technologie."

Die Technologie liefert den Hebel, den Menschen wie Ivan Poupyrev bedienen, um die Welt aus ihren Fugen zu hebeln. Als Poupyrev den Computer für sich entdeckte, erkannte er darin seine wahre Stärke: Während die Mathematik ein Geisteskonstrukt ist, in dem alles möglich ist, hat der Computer Grenzen. Und mit diesen Grenzen zu arbeiten und sie zu sprengen, erforderte eine Art von Kreativität.

"Computer programmieren bedeutet nicht, Regeln anzuwenden oder sich verrückte Spielräume auszudenken. Computer programmieren bedeutet, die Grenzen der Maschine durch Kreativität zu durchbrechen."

"Grenzen sprengen", vorgefertigte Ideen auf den Kopf stellen oder mit neuen Ideen paaren, das ist sein Mantra geworden. Sich von der virtuellen Realität dann wieder den menschlichen Sinneserfahrungen zu zuwenden, passt dazu. Man muss sie nur anreichern. Dennoch: Viele Forscher, die Ivan Poupyrevs Arbeiten kennen, mockieren sich über seine Ergebnisse. Eigentlich ganz einfach, sagen sie. Das mag sein, doch liegt Poupyrevs Genialität darin, Dinge miteinander zu verbinden, die zunächst niemand sieht. Das ist seine wissenschaftliche Stärke, sagt Joanna Dauner und erzählt über die Arbeitsatmosphäre in seinem Team.

Joanna Dauner: "Irgendwo habe ich das Gefühl, dass jeder so ein bisschen eine Ahnung davon hat, was der andere macht. Wenn es um eine Konstruktionsfrage geht, dann weiß ich, ich gehe zu Mathew, der ist Mechanical Engineer und der kann mir sagen, wie belastbar das ist und ob das so passt, ob das statisch so passt, oder nicht oder wenn ich eine Frage zum 3-D Druck habe, gehe ich zu Eric und frage den. Das ist eigentlich das schöne, das ist das fabelhafte an Disney Research in Pittsburgh, dass ich die Möglichkeit habe, mit ganz verschiedenen Leuten zusammen zu arbeiten."

Entdeckungen passieren dann, wenn man neu in ein Feld einsteigt

"Ich glaube es ist wichtig, von Zeit zu Zeit seine Disziplin zu wechseln. Nicht in Bereiche, die du schon etwas kennst, sondern in solche, von denen du absolut keine Ahnung hast. Und wenn du dich dann darin vertiefst, entdeckst du vielleicht Muster oder Ideen, die von den Experten übersehen wurden. Es kann also sehr hilfreich sein, sich auf so etwas einzulassen, auch länger, denn durch diese neue Sichtweise findet man oft Dinge, die zwar total an der Oberfläche liegen und vielleicht genau deshalb übersehen werden. Viele meiner neueren Projekte habe ich genauso erarbeitet."

Im Fachjargon nennt man das Cross-Innovation. Viele Technik-Gurus versprechen, dass die nächste große Innovationswelle kommen wird, wenn zwei oder drei Disziplinen, die nichts miteinander zu tun haben, zusammen kommen. Ivan Poupyrev ist das beste Beispiel dafür, wie viel kreatives Potential frei gesetzt wird, wenn man beginnt, vernetzt zu denken und sich auf Bereiche einlässt, die anfangs fremd wirken. Seit Januar 2014 arbeitet er als Direktor für ein geheimes technisches Programm bei „Google Advanced Technology and Projects". Noch ist nicht richtig bekannt, auf was er sich diesmal spezialisieren wird. Aber anders als bei Disney, wo es um die Erforschung der Sinneswahrnehmung ging, scheint er sich nun für die Verbindung von synthetischer Biologie und Kunst zu interessieren.

Für Joe Davis etwa. Der Künstler arbeitet eng mit dem MIT, dem Institut für Technologie Massachusetts und der Harvard Medical School zusammen. Schon in den 1980er Jahren versuchte er die Grenzen des technisch-biologischen zu sprengen und ließ Zellen zu Jazz tanzen, legte die Sternenkarte der Milchstraße in den genetischen Code des Ohrs einer transgenetischen Maus ab oder sendete die Tonfrequenz einer sich contrahierenden Vagina ins All. Momentan arbeitet der Künstler daran, in die DNA einer der ältesten Apfelsorten die Information von Wikipedia einzuimpfen.

"Ich glaube fest daran, dass der einzige Grund, warum wir Menschen bisher überlebt haben, der ist, dass wir mit Technologien so gut umgehen können. Wir leben nicht mehr in Höhlen, sondern in unglaublichen Städten, die wir selbst gebaut haben. Wir benutzen Handys. Und wir können diesen ganzen Planeten mit seinen neun Milliarden Menschen ernähren. Nicht besonders gut, das könnten wir viel besser, aber das scheitert nicht an der Technologie, sondern an der Politik. Nur deshalb hängen wir hinterher. Oder politische Strukturen sind letztlich auch nur eine Art Technologie, eben die die sagt, wie man Menschenmassen organisiert. Und auch das wir uns ausgedacht. Wir haben die Gesetze erfunden und festgelegt, wie wir miteinander leben und umgehen wollen. Die westliche Zivilisation hat die Demokratie entwickelt. Das Erbe der Menschheit ist die Technologie."

Und so verschenkte er 2013, auf der „Resonate open source Konferenz" in Belgrad, ein „open source board" - das er bei Disney entwickelt hatte. Der Großkonzern kochte vor Wut, denn schließlich war das Board eine Entwicklung, die er während seiner Zeit bei Disney Labs gemacht hatte. Doch das interessierte den Entwickler selbst wenig, zu sehr ist er davon überzeugt, dass Innovationen nur dann entstehen, wenn man neue Technologien teilt.

Aber woher nimmt sich Ivan Poupyrev die Freiheit auf verschiedenen Ebenen zu denken und alles auf den Kopf zu stellen?

"Wenn deine Mutter dich wirklich liebt und zu dir hält, hast du alle Freiheiten der Welt. Dann spürst du keine Ängste. Für ein Kind ist das das wichtigste. Meine Mutter stand 100 Prozent hinter mir. Egal ob sie wütend war, mich disziplinierte oder mit mir stritt, ich wusste immer, dass sie da ist und das ist so ein starkes beruhigendes Gefühl. Es setzt ein Kind frei die Welt zu entdecken."

Als Ivan Poupyrev bei Disney arbeitete, musste er jeden Tag an einer Mickey Mouse Statur vorbei, die im roten Umhang ihren Zauberstab schwingt. Und das ist schon fast sinnbildlich: The scinece behind the magic – die Wissenschaft hinter der Magie. Klein und fast nicht zu sehen, sind die Technologien, die dieser Mann in unsere Welt streut, wie die Funken aus einem Zauberstab. Sie landen in unserer Welt und verändern sie, reichern sie an, verhelfen zu neuen Wahrnehmungen. "Die Erfahrung ist die Botschaft", beschrieb Ivan Poupyrev einmal selbst seine Arbeit. Tragen wir sie in die Welt – in die digitale und reale.

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