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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.11.2015

Plädoyer für die Faulheit"Nichtstun kann man sich nicht mehr leisten"

Stephan Lessenich im Gespräch mit Nana Brink

Heute mal faul: Ein Sonnenanbeter im Pariser Jardin du Luxembourg (dpa / picture alliance / Uwe Gerig)
Ein vorsätzlich fauler Sonnenanbeter - sind wir zu leistungsbesessen, um einfach mal nichts zu tun? (dpa / picture alliance / Uwe Gerig)

Und, haben Sie das Wochenende schon durchgeplant? Dann gehören Sie auf jeden Fall zur großen Mehrheit. Wir sind allesamt Getriebene, sagt der Soziologe Stephan Lessenich, und auch noch selbst daran schuld: "Wir spielen das Spiel auch mit."

Jeder sehnt es herbei, das Nichtstun - doch irgendwie bekommen wir es einfach nicht hin. Selbst Wochenenden und Freizeit sind vollgepackt mit Aktivitäten - Faulheit dagegen gilt als verschwendete Zeit. "Ein Phänomen der hochentwickelten Gesellschaften" ist das, meint der Soziologe Stephan Lessenich. Leistung sei heutzutage in allen Belangen gefragt und angesagt: "Auch jenseits der Arbeit, wenn man als jemand gilt, der sich hängen lässt, und gar nichts tut und sich nicht einbringt, dann ist man auch nicht gut beleumundet."

Das Problem, so der Soziologe, sind wir dabei selbst: "Wir sind ja einerseits strukturell Getriebene - allesamt - das mag schon sein. Aber wir spielen das Spiel natürlich auch mit." Selbst wenn wir uns zurücklehnten, "dann nicht auf Dauer, sondern um in der nächsten Periode wieder mehr leisten zu können."

Dabei lasse sich durch Nichtstun Zeit zum Denken gewinnen, so Lessenich. Doch da lauert dem Soziologen zufolge schon das nächste Problem: "Viele haben wahrscheinlich auch individuell die Sorge, dass sie dann in Sinnkrisen stürzen könnten und mal über das nachdenken, was sie wirklich treibt."


 

Das Interview im Wortlaut:

Nana Brink: Das Wochenende naht und ich könnte mir vorstellen, dass Sie schon eine ziemliche Liste haben, einkaufen, Hausputz, Steuererklärung, Freunde sehen, Fahrrad putzen, Hausaufgaben mit den Kindern erledigen, Enkel betreuen und so weiter. Und wahrscheinlich beschleicht Sie auch bisweilen der Gedanke, warum mache ich einfach mal gar nichts? Einfach nix machen! Einfach aufwachen und in den Tag hineinleben! Muße haben – ein Traum! Stephan Lessenich ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und 2014 hat er die Einleitung zur Neuauflage von Paul Lafargues Schrift "Das Recht auf Faulheit" aus dem 19. Jahrhundert geschrieben. Ich grüße Sie, schönen guten Morgen!

Stephan Lessenich: Guten Morgen, Frau Brink!

Brink: Ist denn Ihr Wochenende auch schon verplant?

Lessenich: Mein Wochenende ist weitgehend verplant. Also, der Sonntag ist verplant, ich muss zugeben, dass ich morgen noch ein paar freie Zeitslots habe.

Brink: Und da haben Sie sich schon überlegt, was Sie machen, oder haben Sie einfach mal gesagt, ich mache gar nichts?

Lessenich: Nein, ich bräuchte eigentlich noch mal ein Paar neue Schuhe, deswegen werde ich wohl noch mal rausgehen, statt nichts zu tun.

Brink: Wir wollen über die Faulheit sprechen in den nächsten Minuten und bei den Nachrufen auf Helmut Schmidt ist mir immer wieder aufgefallen, dass sein Arbeitseifer so betont worden ist, also diese deutsche Tugend, diese Disziplin, auch ein Zeichen unserer Zeit, dass man das wieder bewundert, dass Langeweile und Faulheit als, kann man sagen, Untugenden gelten ...

Lessenich: Ja, wobei das jetzt glaube ich womöglich bestimmte deutsche Charakteristika auch noch mal hat, aber ich glaube, das ist ein allgemeineres Phänomen der hoch entwickelten Gesellschaften. Auch die Nachrufe auf Helmut Schmidt aus aller Herren Ländern haben eigentlich das betont. Also, er war im Grunde genommen auch ein Vorbild der Leistungs- und Disziplingesellschaft und als solcher war er auch bei allen beliebt und bekannt. Und wir leben nun mal in einer Gesellschaft, in der Leistung in allen Belangen, und zwar nicht nur in der Arbeit, sondern mittlerweile eben auch stark in der Freizeit, in der Nicht-Arbeitszeit, wo Leistung gefragt und angesagt ist, und im Grunde genommen kann man sich Faulheit oder das Nichtstun heute ja nicht mehr leisten. Und übrigens ist das natürlich ein soziales Spiel, andere können sich ihre Faulheit auch nicht leisten. Also, wenn Sie in Ihrer Redaktion als faul gelten, dann ist das eine Position, die nicht ganz angenehm ist. Und auch jenseits der Arbeit, wenn man als jemand gilt, der sich einfach hängen lässt und gar nichts tut und sich nicht einbringt, dann ist man auch nicht gut beleumundet.

Brink: Hat es vielleicht aber irgendwas mit diesem Wort zu tun? Faul, das klingt ja irgendwie im Deutschen schon abwertend, wie es ja auch bestimmt ... Wie Sie es jetzt gerade beschrieben haben, also, wenn jemand faul ist, in der Ecke herumliegt, dann hat das keinen guten Ruf. Die Franzosen nennen das aber einfach laisser faire, oder wenn wir das deutsche Wort Muße benutzen: Würde es dann besser gehen?

Lessenich: Ja, schon. Faulheit ist offensichtlich ein wertender Begriff und ein abwertender Begriff und wir kennen es aus der öffentlichen Diskussion, faule Arbeitslose werden alle Jahre wieder entdeckt. Und Gerhard Schröder hat die faulen Lehrer adressiert. Muße ist interessanterweise ein Selbstkonzept, mit dem sich die bürgerlichen Klassen historisch beholfen haben, also ihre Nicht-Arbeit als Muße zu adeln. Das ist aber wiederum ein Konzept, was stark kulturell aufgeladen und voraussetzungsvoll ist. Also, in Zeiten der Muße macht man ja eigentlich nicht nichts, sondern man beschäftigt sich mit sich selber, und zwar das in einer wertvollen und sinnvollen Weise. Und ich gehe davon aus, dass der Leistungsmensch Helmut Schmidt in seiner Mußezeit so was getan hat wie die Toccata von Bach zu spielen.

Der Soziologe Stephan Lessenich ist Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität in München (dpa / picture alliance / dpa-Zentralbild)Der Soziologe Stephan Lessenich ist Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität in München (dpa / picture alliance / dpa-Zentralbild)

Brink: Nun haben Sie ja – ich habe es schon erwähnt – die Einleitung zur Neuauflage von Paul Lafargues Schrift "Das Recht auf Faulheit" geschrieben. Was hat Sie daran interessiert, was ist daran heutig?

Lessenich: Erst mal ist, glaube ich, heutig, dass wie damals auch das Recht auf Faulheit – gerade weil Faulheit negativ bestimmt ist in unserer Gesellschaft –, dass das Recht auf Faulheit zu fordern natürlich in einer Weise eine Provokation ist und gegen den Trend läuft. Paul Lafargue hatte eigentlich damals eine einigermaßen aus heutiger Sicht reformistische Idee, er hat nämlich eigentlich für eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung plädiert. Aber auch das ist ja heute eigentlich nicht auf der Tagesordnung, wir hatten das in den 80er-Jahren, da hatten die Gewerkschaften nach allgemeiner Arbeitszeitverkürzung gestrebt, sind damit auf die Nase gefallen - in der historischen Rekonstruktion sagt man, nicht nur bei den Arbeitgebern, sondern auch bei den Arbeitnehmerinnen selbst, die jetzt nicht allesamt weniger arbeiten wollten. Und deswegen ist, das Recht auf Faulheit heute zu fordern, eigentlich eine plakative Formel dafür, dass wir nachdenken müssen darüber, ob immer noch mal eine Schippe drauflegen individuell und gesellschaftlich eigentlich eine kluge Sache ist.

Brink: Weil, interessant ist ja auch, dass all die Diskussionen, die wir ja führen über die Aufladung des Akkus – das ist irgendwie so ein Begriff, der begegnet mir gerade dauernd in den Feuilletons – nach dem Motto, wir müssen regenerieren, damit wir aber eigentlich wieder leistungsfähig sind, das ist doch eigentlich eine Diskussion, die wir so nicht haben wollen. Sondern faul sein sollte doch dann eigentlich etwas sein, was keinen Grund hat.

Lessenich: Na ja, ob wir das so nicht haben wollen, weiß ich nicht.

Brink: Haben sollten!

Lessenich: Wir sind ja einerseits strukturell Getriebene, und zwar allesamt, das mag schon sein. Aber wir spielen das Spiel natürlich auch mit. Und wenn wir das nicht haben wollten, dann hätten wir es auch nicht unbedingt. Also, es scheint schon da auch eine Übereinkunft zu geben, dass genau in dem Sinne, den Sie gerade sagen, wenn man sich zurücklehnt, dann halt nicht auf Dauer, sondern um in der nächsten Periode wieder mehr leisten zu können. Und alle unsere Kommunikation in der Gesellschaft weist auch auf entsprechende Mechanismen hin. Also, ich habe glaube ich gestern in der Zeitung gelesen, dass wir weltweit nur noch auf Platz sechs des Digitalisierungsrankings liegen. Und das ist natürlich schlimm, nur noch auf Platz sechs! Dann heißt es, sich auf die Hinterbeine zu stellen, die Konkurrenz schläft ja auch nicht.

Brink: Was können wir durch mehr Faulheit gewinnen?

Lessenich: Na ja, ich glaube, wir können durch mehr Faulheit zuallererst – da beißt sich die Katze aber in den Schwanz –, zallererst Zeit gewinnen, um mal darüber nachzudenken, ...

Brink: ... was Faulheit ist!

Lessenich: ... was wir eigentlich tun, was Faulheit sein könnte und wie unser Leben eigentlich durch die Vermeidung von Faulheit geprägt ist. Ich meine, viele haben wahrscheinlich auch individuell die Sorge, dass sie dann in Sinnkrisen stürzen könnten und mal über was denken, was sie wirklich treibt, aber darum geht es, glaube ich, eigentlich. Aber ich möchte vor allem sagen, aus soziologischer Sicht gilt natürlich, das ist einerseits ein individuelles Problem, aber individuelle Probleme haben gesellschaftliche Hintergründe. Und im Grunde genommen müsste es, so wie wir beide das jetzt öffentlich tun, einen gesellschaftlichen Verständigungsprozess darüber geben, dass es im Grunde genommen mit dem Immer-mehr nicht weitergehen kann.

Brink: Das heißt, Sie würden dann also auch gegenüber Ihren Mitarbeitern sagen, ich gehe jetzt mal ins Wochenende und bin faul?

Lessenich: Das ist immer die fiese Frage, weil Sie dann mich überführen wollen, dass ich das natürlich nicht tue. Aber es müsste so sein. Also, man müsste auch legitimerweise sagen können, ich lasse jetzt mal den Griffel fallen und ich gehe jetzt nicht ins Fitnessstudio, sondern ich hänge jetzt einfach mal ab.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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