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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 13.11.2009

Pixel statt Pinsel

Vor 50 Jahren fand die erste Fluxusaktion des Künstlers Nam June Paik statt

Von Wolf Schön

Der Videokünstler Nam June Paik (AP)
Der Videokünstler Nam June Paik (AP)

Am 13. November 1959 trat in Düsseldorf erstmals der Koreaner Nam June Paik mit einer Musikaktion an die Öffentlichkeit. Bald darauf entdeckte der Begründer der Videokunst das neugeborene Fernsehen als kreatives Medium und begleitete den Siegeszug der populären Flimmerkiste mit einem absurd poetischen Kontrastprogramm.

Der chaotische Lärm nach den freundlichen Klavierklängen ist nicht die Folge eines Unglücks, sondern akustisches Markenzeichen der "Danger Music". Gefährliche Musik - so nannte der koreanische Komponist Nam June Paik Ende der 50er-Jahre seine Happenings, bei denen mitunter rohe Eier flogen oder ein Flügel zersägt wurde. Der quirlige Asiate, der 1932 in Seoul zur Welt kam und von Deutschland aus international berühmt werden sollte, hatte am 13. November 1959 seinen ersten Konzertauftritt in der Düsseldorfer Galerie 22. Drei Jahre später sattelte er um, vom verstörenden Ohrerlebnis zu visuellen Provokationen.

Sein neues Instrument ist der Fernseher, die magische Flimmerkiste, die gerade dabei ist, flächendeckend die Wohnstuben in Pantoffelkinos zu verwandeln. Paik attackiert die hochglanzpolierten Fernsehtruhen, experimentiert mit Störsendern, bringt die Schaltkreise durcheinander, manipuliert die Röhren, bis sie seine eigenen Sendungen produzieren: Bilder, bis zur Unkenntlichkeit verzerrt und verfremdet, ein aufrüttelndes Kontrastprogramm für die mediale Konsumgesellschaft.

Dabei wurde ihm das übermächtige Bildmöbel niemals zum Hassobjekt, er hat es geliebt und es als praktizierender Zenbuddhist ebenso häufig zu Meditationen verwendet, wie er dem Zauberkasten mit dem Gewaltpotenzial eines Karatekämpfers zu Leibe rückte. Dazu der Kunsthistoriker und Paik-Spezialist Wulf Herzogenrath:

"Genau die Mischung ist ja das, was Paik ausmacht. Er ist ganz sicher kein politischer Künstler. Er ist ganz sicher auch nicht nur einer, der der Elektronik verfallen ist. Er sagt immer, ich muss die Technologie erst genau kennenlernen, muss sie auch mal nutzen können, um sie dann auch wirklich zu vermeiden oder zu kritisieren und ihre Gefährlichkeit mitzusehen. Also, einen Fernseher zu nehmen und zu entkernen, eine Kerze reinzustellen oder das ganze Programm auf einen Strich zu machen - Zen for TV -, ist genauso Paik, wie eine Wand aus 166 Fernsehern mit einem großen Aufwand herzustellen."

Mit Paik, dem Stammvater der Videokunst, hat der Maler den Pinsel mit dem Pixel vertauscht und die Museen mit elektronischen Bildern versorgt. Indem er dann seine Monitore aufeinandertürmte und seine Idee von einer Videoskulptur verwirklichte, gab er den flüchtigen Bildern auch den festen, künstlerisch gestalteten Halt. Vor 20 Jahren, lange bevor der Klimawandel tägliche Schlagzeilen machte, vollendete Paik seine Plastik "Arche Noah", einen archaischen Holzkahn, dessen Containerladung aus gestapelten Fernsehgeräten besteht. Der Künstler kommentierte damals sein prophetisches Werk in seiner eigentümlichen, am Rande der Verständlichkeit poetisierenden Sprache, die man "Paikisch" genannt hat.

"Das bedeutendste Schiff in der Menschengeschichte ist die Arche Noah, weil: Sintflut war überall in der Welt - ein Ereignis besonders wegen Hitze und Treibhauseffekt. Neue Sintflut kommt, wissen Sie! Morgen vielleicht mehr Regen, heute noch gibt es Treibhauseffekt."

Mit seiner unterhaltsamen wie philosophisch tief verankerten "Arche" demonstriert Paik, dass die Rettung der Menschheit aus der modernen Technik erwachsen kann. Noahs biblisches Rettungsboot, mit den Prototypen des Lebens an Bord, war für ihn die erste Speicherfestplatte, die Mutter aller Datenbanken.

Als der Kulturerneuerer aus Fernost 2006 in Florida starb, musste er sich um den Nachruhm nicht sorgen. Aus dem Pionier der Medienkunst war längst der Klassiker mit einem breit gefächerten Werk geworden. Paiks eigene Reizüberflutung besteht aus bunt strahlenden Robotern, kaleidoskopartigen Videoclips, futuristischen Bildschirmplantagen, den Türmen und Wänden aus bewegten und bewegenden Bildern. Als seine geistige Heimat hat der Global Player stets das Rheinland gesehen, wo er an der Düsseldorfer Kunstakademie als Professor lehrte, nachdem er die kunsttaugliche Mattscheibe als sein Fenster zur Welt entdeckt hatte.

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