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Tonart | Beitrag vom 12.02.2016

Pianist Jan Lisiecki"Ich diene der Musik mit Herz und Seele"

Von Arkadiusz Luba

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Der Pianist Jan Lisiecki (Mathias Bothor/DSO)
Jan Lisiecki: "Ich bin dziemlich normal. Ich fahre Ski und Rad, ich lese Bücher und schaue fern." (Mathias Bothor/DSO)

Pianist wurde Jan Lisiecki aus purem Zufall: Er war als Kind sehr lebhaft und brauchte eine zusätzliche Beschäftigung. Heute ist der 21-Jährige ein Star am Klavier. Soeben hat er Werke von Robert Schumann für die Deutsche Grammophon eingespielt – und geht nun auf Deutschlandtour.

Mit oft geschlossenen Augen, aber in keinster Weise verträumt, spielt Jan Lisiecki die "Träumerei" aus Robert Schumanns Zyklus "Kinderszenen"; und dabei ist er – selbst wenn erst knapp 21 – alles andere als Kind. Sein Gesicht ist eher ernst und konzentriert, der Rücken gerade. Leidenschaftlich tanzen seine Finger auf der Tastatur.
 
Lisiecki: "Es ist nicht so, dass ich mich besonders darum bemühe, reif zu werden. Das ist man oder man ist das nicht. Vielleicht habe ich einfach nur Glück. Ich denke nicht daran, perfekt zu spielen. So etwas wie "perfekt" gibt es in der Musik gar nicht."
 
Es mag eine enorme Spielerfahrung sein, aus der die Tiefe seiner Interpretationen stammt. Aber zurück zu den Anfängen.

Geboren im kanadischen Calgary

Lisieckis Eltern verließen Polen 1988 mit der ersten Migrantenwelle. Ihr Sohn wurde im kanadischen Calgary geboren. Er liebt Kanada, fühlt sich aber in der polnischen Kultur zu Hause. Darin sieht er seine Bindung zu Chopin. Er muss auch Chopins "Skizzen zur Methodik des Klavierspiels" genau gelesen haben. Er hat Singen gelernt, denn "jeder Ton müsse singen", wie der alte Meister seine Schüler angewiesen hat. Lisiecki lässt eigene "Gefühle als Klang werden". Seine Klavierkunst ist, wie die Chopins, persönlich.

Lisiecki: "Musik ist meine Leidenschaft! Ich liebe Musik. Ich diene ihr mit Herz und Seele. Und ich versuche ihre volle Schönheit zu zeigen. Die klassische Musik und meine Gefühle dabei mit anderen zu teilen bereitet mir große Freude."

Dass er Konzertpianist werde, wusste er anfangs nicht; weder seine Eltern noch er selbst hatten diesen Ehrgeiz. Dies ist purer Zufall. Im Kindergarten riet man der Familie, dem lebhaften Kind eine zusätzliche Beschäftigung zu geben. Und so kam das erste Klavier ins Haus:

Lisiecki: "Es war nicht im Budget meiner Eltern. Aber eine Freundin wusste es und hat uns ihr altes Piano geliehen. ‚Der Kleine werde ein, zwei Jahre spielen, danach war’s das und ihr gebt mir das Piano wieder zurück‘. Und wir haben auch das Instrument zurück gegeben, aber aus einem völlig anderem Grund: Ich brauchte ein besseres." 

Er steht früh auf, um bei Sonnenaufgang zu üben

Jan hat nicht nur nicht aufgegeben zu spielen, er steht sogar jeden Morgen früh auf um zu üben:

Lisiecki: "Ich sehe gern die Sonne aufgehen. Es ist etwas, was mich inspiriert. Es gibt meiner Musik etwas. Die klassische Musik wird durch ihre verschiedenen Farben erst recht interessant. Bei einem Sonnenaufgang kann ich aus Millionen Farben auswählen. Und so nehme ich mir daraus auch eine Farbe, um in ihr zu spielen."

Genau wie in der Farbenvielfalt, fühlt sich Lisiecki auch im Repertoire vieler verschiedener Komponisten wohl. Er spielt Werke von Bach, Beethoven, Liszt, Mendelssohn Bartholdy, Mozart und Schumann. Am meisten jedoch mag er Chopin. Seine Musik ist zutiefst polnisch – aus all seinen Werken spricht eine romantische Sehnsucht nach Polen.

Lisiecki: "Trotz ihrer Universalität hat Chopin seine Musik immer über Polen geschrieben. Jede Person wird seine Musik anders empfinden. Ich z.B. fühle darin polnische Tänze, sehe die polnische Landschaft. Das ist wunderschön. Die Betrachtungsperspektive hilft: Wer Polen gesehen hat, wird die Musik Chopins besser verstehen."

Zu seinem 18. Geburtstag erschien 2013 Lisieckis Album mit Etüden von Fryderyk Chopin Opus 10. und 25. Um Schönheit und Musik gehe es in diesen Werken, der hohe technische Schwierigkeitsgrad sei zweitrangig, erklärt Jan. Jedes Stück sei außerdem wie ein Poem und erzähle eine Geschichte – doch nicht notwendigerweise eine, die mit dem Titel übereinstimme:
 
Lisiecki: "Die Etüde op. 10. Nr. 12 kennt man als 'Revolutionsetüde', doch so sehe ich sie nicht. Für mich benennt sie einen Schmerz, ein echter Krieg sogar. Ich erzähle diese Geschichte, das Publikum kann jedoch eine andere heraushören."

Ein Fünf-Jahres-Vertrag beim Label Deutsche Grammophon

Seine Aufnahmen-Kariere begann jedoch mit Mozart. 2012 unterschrieb Lisiecki einen fünfjährigen Vertrag mit der Deutschen Grammophon. Die Klavierkonzerte Nr. 21 & 22 kamen noch im gleichen Jahr auf die erste CD. Aus einem besonderen Grund: Mozarts Kompositionen seien sauber, also perfekt, und würden zeigen, wie man als Musiker sein sollte:

Lisiecki: "Ist man ein aufbrausender Künstler, der laut und schnell spielt, oder eher ein ruhigerer. Mozart lässt die Wahl. Natürlich sind das auch wunderschöne Konzerte, die ich aufgenommen habe. Aber mit meinem ersten Album wollte ich zeigen, wer ich als Künstler bin und meine Ideen dazu teilen."

Mit sechs träumte Jan Lisiecki, in der Carnegie Hall Klavier zu spielen. Mit dreizehn ging dann sein Wunsch in Erfüllung. Der blonde großgewachsene Pianist ist ein Weltbürger und seitdem immer unterwegs. Ob in Ottawa, wo er vor der Königin von England auftrat, ob in der Warschauer Philharmonie, oder in Bologna, wo er einmal auf Anfrage von Claudio Abbado für seine Kollegin Mártha Archerích einsprang. Und was macht er in seiner Freizeit?

Lisiecki: "Wenn ich gerade nicht spiele, dann mache ich Verschiedenes. Ich bin darin ziemlich normal. Ich fahre Ski und Rad, ich lese Bücher und schaue fern. Auf meinen Reisen mag ich immer auch die Städte besichtigen und deren touristische Attraktionen entdecken."

Jan Lisiecki – ein ganz normaler Junge im Alltag, ein Interpretationstalent auf dem Klavier – eine gesunde Mischung also, die Kunst lebendig hält.
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