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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 22.09.2015

Pflanzengift GlyphosatVon der Wunderwaffe zum Gesundheitsrisiko

Von Susanne Harmsen

Ein Landwirt fährt mit einer Dünger- und Pestizidspritze über ein Feld mit jungem Getreide nahe Neuranft im Oderbruch (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Glyphosat wird als Herbizid eingesetzt, es steht im Verdacht, krebserregend zu sein. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Glyphosat ist seit den 70er-Jahren eines der weltweit meisteingesetzten Herbizide. Seit Jahren macht es Schlagzeilen als potenziell gesundheitsschädigend. Ende 2015 läuft die EU-Zulassung aus - Baumärkte haben das Mittel schon jetzt aus dem Regal genommen. Umweltaktivisten wittern ihre Chance, Lobbyisten gehen in Stellung.

Meyer: "Wir haben die neue Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation, dass Glyphosat wahrscheinlich krebserregend für den Menschen einsortiert worden ist, nach einer Vielzahl von Studien und deshalb nicht einfach eine weitere Verlängerung gegeben werden darf."

Hemmerling: "Diese neuartigen Verfahren, dass man nicht mehr soviel pflügen muss, als Ackerbauer, sind auch ein Stück weit darauf angewiesen, dass man dieses Glyphosat zu Verfügung hat als Unkrautbekämpfungsmittel."

Solecki: "Glyphosat und das Abbauprodukt AMPA wurden auch im Urin von Mensch und Tier nachgewiesen. Die gemessenen Konzentrationen liegen sehr weit unter den festgelegten Grenzwerten. Deshalb kann nach unserem gegenwärtigen Kenntnisstand keine gesundheitlichen Risiken aus diesem Vorkommen abgeleitet werden."

Das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat ist in den Schlagzeilen. Bei seiner Einführung vor mehr als 40 Jahren wurde es als Wunderwaffe gepriesen gegen alle störenden Pflanzen auf dem Acker, im Garten oder auf Arten. Unter dem eingängigen Markennamen "Roundup" vermarktete es der Agrarriese Monsanto zunächst allein.

Ein Schmetterling sitzt auf einer Blume vor einer Plastikflasche mit der Aufschrift "Roundup". (imago / Steinach)Monsanto brachte unter dem Markennamen "Roundup" das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat auf den Markt. (imago / Steinach)

Seit dessen Patent auslief, gibt es dutzende Hersteller weltweit, die das Mittel produzieren und in 130 Ländern vertreiben. Es wirkt gegen alle grünen Pflanzen gleichermaßen, weil es die Photosynthese unterbricht und alles abstirbt, bis hinein in die Wurzeln. Bevor er also sät, kann der Landwirt seinen Acker von aller Konkurrenz für seine Kulturpflanzen befreien. Ein Vorteil des Mittels ist zudem, dass es binnen Tagen von Bodenorganismen zu ungiftigen Stoffen wie Phosphat, Ammonium und Kohlendioxid abgebaut wird. Gerade zum Umweltschutz seien die Landwirte auf Glyphosat angewiesen, begründet Udo Hemmerling vom Deutschen Bauernverband:

"Das Ganze hängt zusammen auch damit, dass die Landwirte in den letzten 20 Jahren sehr stark den Pflug abgeschafft haben und auf pfluglose Bodenbearbeitung, grubbern, gesetzt haben. Das hat Vorteile für den Bodenschutz, weniger Erosionsgefahr, auch weniger Kraftstoffeinsatz, also es hat auch viele Umweltvorteile."

Doch im März dieses Jahres stufte die Internationale Krebsforschungsagentur Glyphosat als "wahrscheinlich krebserregend für den Menschen" ein. Die Agentur, die zur Weltgesundheitsorganisation gehört, wertete dazu rund 1000 Studien aus, die weltweit veröffentlicht worden waren. Genau zum Ende dieses Jahres entscheidet die EU-Kommission, ob die Substanz für weitere zehn Jahre in Europa zugelassen wird. Deutschland kommt eine besondere Rolle bei der Entscheidung zu, denn es ist Berichterstatter für die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde. Diese empfiehlt der EU-Kommission, was zu tun ist. Die Fraktion der Grünen im Deutschen Bundestag möchte die weitere Zulassung von Glyphosat verhindern. Der Sprecher für Gentechnik Harald Ebner erklärt, warum:

"Glyphosat ist auch das am häufigsten eingesetzte Herbizid weltweit. Die Menge nimmt global zu, und auch in Deutschland haben wir jedes Jahr um die fünf bis sechs Millionen Kilogramm Glyphosatwirkstoff, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Das sind schon Größenordnungen, die sind beängstigend."

Die hohen Mengen kommen dadurch zustande, dass Glyphosat nicht nur einmal im Jahr, sondern auf manchen Flächen auch mehrmals versprüht wird. Erst vor der Aussaat, damit die Kulturpflanzen den Platz auf dem Acker nicht mit Wildpflanzen teilen müssen. Dann manchmal vor der Ernte, damit zum Beispiel kein wucherndes Unkraut durch das Getreide wächst und den Mähdrescher behindert. Und dann nach der Ernte auf das Stoppelfeld, um eventuelle Unkrautreste auch im Boden abzutöten. Diese häufigen Anwendungen wurden im vergangenen Jahr verboten. Das versteht auch der Deutsche Bauernverband, sagt Udo Hemmerling:

"Also die Anwendungsbestimmungen wurden in Deutschland im letzten Jahr noch mal verschärft. Die sind aber auch richtig aus Sicht der Landwirtschaft. Weil eine zu häufige Anwendung von Glyphosat auch ein Resistenzrisiko bringt."

Den Umweltschützern ist das "Totalherbizid" seit Jahrzehnten ein Dorn im Auge, erklärt Florian Schöne vom Naturschutzbund Nabu:

"Als Naturschützer ist das wesentliche Problem bei Glyphosat, das wir flächendeckend sozusagen Vogelfutter in der Agrarlandschaft verlieren. Die Flächen werden tot gespritzt. Und das hat erhebliche Auswirkungen auf das Nahrungsvorkommen für höhere Organismen. Das fängt bei Schmetterlingen, Insekten an, und hört dann eben bei Vögeln und Säugetieren auf. Deshalb haben wir frühzeitig gesagt, zunächst mal müssen wir die Anwendungsbestimmungen für Glyphosat deutlich verschärfen."

Baumarktketten aus Glyphosat-Bereich ausgestiegen

Es wird vermutet, dass vor allem durch die Behandlung von Getreide oder Kartoffeln kurz vor der Ernte Glyphosat und seine Zerfallsprodukte auch den Weg in den Körper von Tier und Mensch finden. Die Mengen sind gering, liegen unterhalb der Grenzwerte, die die Behörden als gefährlich ansehen. In Österreich wurde die Vorerntebehandlung inzwischen dennoch verboten. In Deutschland der Naturschutzbund durch Überredung einen Durchbruch erreicht: Die meisten deutschen Baumärkte haben freiwillig glyphosathaltige Mittel aus den Regalen genommen. Der erste Baumarkt, der einlenkte, war Toom aus der REWE Gruppe. Florian Schöne vom Nabu überzeugte den Geschäftsführer:

"Vor einem Jahr hat er gesagt, das können wir nicht verantworten, das ist unser Umsatzbringer Nummer 1. Mittlerweile hat sich die Situation geändert, und Toom-Baumarkt ist als erster an die Öffentlichkeit gegangen und hat dann gesagt, jawohl, wir ziehen dieses Mittel aus dem Verkehr. Wir haben eine Verantwortung unseren Kunden gegenüber und der wollen wir gerecht werden. Und nachdem Toom-Baumarkt ausgestiegen ist, haben wir eine Kampagne gestartet, die dazu geführt hat, dass reihenweise alle großen Baumarktketten aus dem Bereich Glyphosat ausgestiegen sind."

Zwar werden von Kleingärtnern und Hausbesitzern nur etwa ein Prozent der jährlichen Glyphosatmenge verspritzt, aber gerade aus diesem Bereich landet viel im Abwasser und in Seen. Wenn gegen Unkraut in der befestigten Einfahrt oder am Wegrand gespritzt wird, wäscht es der nächste Regen aus. Und im Wasser ist Glyphosat giftig, weil es nicht von Bodenbakterien abgebaut wird. Zudem nutzen Gärtner selten Schutzkleidung, beim sprühen und ihre Kinder spielen danach im Garten, wo es über Haut und Hände in den Körper gelangen kann. Beim Deutschen Bauernverband fürchtet man jetzt weitere Einschränkungen oder gar ein Verbot von Glyphosat. Udo Hemmerling:

"Also die sogenannte Sikkation, das ist praktisch das Spritzen vor der Ernte, mit Glyphosat, wurde auch im letzten Jahr weitgehend in Deutschland jetzt eingeschränkt. Das ist auch in Ordnung, es muss allerdings für Ausnahmesituationen, große Ernteverzögerungen, durch immer wieder Regen und es ist schon Durchwuchs und man kann sonst gar nicht mehr das Getreide in den Mähdrescher hineinbekommen, muss es noch Möglichkeiten geben. Die gibt es. Also wir müssen schon erwarten können, dass wir von den Fachbehörden Grenzwerte vorgegeben bekommen, die als sicher gelten, und die müssen wir dann einhalten."

An dieser fachlichen Einschätzung der Behörden gibt es aber auch Zweifel. Zum Beispiel ist in Deutschland das Bundesinstitut für Risikobewertung für die Einschätzung von Gefährdungen zuständig. Harald Ebner von der grünen Bundestagsfraktion:

"Ich habe den Präsidenten des Bundesinstitutes für Risikobewertung, den Herrn Hensel, erlebt, wie er in einer eher frechen Weise den Agrarausschuss vorführen wollte. Und davon gesprochen hat, dass Glyphosat auch nicht gefährlicher sei als Kochsalz. Und dem Agrarausschuss, also immerhin ein Gremium des Deutschen Bundestages, vormachen wollte, das Vorsorgeprinzip im Sinne der Gesundheitsvorsorge für die Bürgerinnen und Bürger im Land, das wäre sozusagen auf einer gleichen Ebene zu betrachten, wie ein, wie er es genannt hat, "ökonomisches Vorsorgeprinzip". Also das heißt, was für Schäden würden ökonomisch entstehen, den anwendenden Betrieben, den Herstellern, wenn man Glyphosat jetzt tatsächlich als gefährlich einstufen würde."

Eben dieses Institut muss nun auf die Einschätzung der Internationalen Krebsagentur IARC reagieren, die nach Auswertung hunderter internationaler Studien zu dem Schluss kam, dass Glyphosat wahrscheinlich krebserregend für den Menschen ist. Eine abschließende Stellungnahme des BfR liegt noch nicht vor, sagt Roland Solecki für seine Behörde und verliest einige vorbereitete Antworten.

"Um zu klären, wie sich die bislang unterschiedliche Bewertung gleicher Studien einerseits durch IARC und andererseits durch die amerikanischen und kanadischen Behörden, als auch der EU-Mitgliedsstaaten, einschließlich des BfR, erklärt, wird derzeit sehr intensiv geprüft. Man kann aber schon sagen, dass ein großer Teil der Studien gleich bewertet worden sind von BfR und IARC. Dass einige Studien dem IARC nicht vorgelegen haben, aber auch IARC Studien bewertet hat, die bislang im BfR noch nicht bekannt waren."

Einflussreiche Hersteller-Studien

Ein Problem der Studien ist, dass die Krebsagentur nur öffentlich zugängliche Untersuchungen ausgewertet hat. Die Zulassungsbehörden stützen sich dagegen auf Studien der Hersteller, die diese einreichen müssen, um ihre Mittel freigeben zu lassen. Doch diese Studien unterliegen der Geheimhaltung, um die wirtschaftlichen Interessen der Hersteller zu schützen. Eine Praxis, die öffentliche Kontrolle verhindert, meint der grüne Bundestagsabgeordnete Harald Ebner:

"Sie haben sich vom ersten Tag an einer Einschätzung des Hauptherstellers von Glyphosat, nämlich von Monsanto, angeschlossen, nahezu wortgleich reagiert, und der Chef von Monsanto hat ja die Arbeit der Krebsforschungsagentur sogar als 'Junk Science' bezeichnet. Und wer sich auf diese Ebene begibt, in den habe ich natürlich wenig Vertrauen, dass er da verantwortungsvoll mit umgeht."

"Schrott-Wissenschaft" nannte der Monsanto-Chef die Einstufung von Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend.

Umweltschützer nehmen die sorgfältig abgewogene Einstufung der Krebsagentur als Argument, das Mittel verbieten zu lassen. Beim Bund für Umwelt und Naturschutz, kurz BUND arbeitet PestizidfachmannTomas Brückmann: 

"Der BUND vertritt die Meinung, dass ein sogenanntes Nulltoleranzprinzip besteht. Das heißt, dass eine Substanz, die wahrscheinlich krebserregend ist, verboten werden muss und gar nicht mehr ausgebracht werden darf. Wir ersparen uns dann die Grenzwertdiskussion."

Wie schwer würde es den deutschen Landwirten denn tatsächlich fallen, auf Glyphosat zu verzichten? Udo Hemmerling vom Deutschen Bauernverband schätzt zehn bis fünfzehn Prozent Mehraufwand:

"Ja dann würden die Landwirte erhebliche Mehrkosten investieren müssen, in eine Umstellung ihrer Ackerbauverfahren, also dann müsste der Pflug entweder wieder raus geholt werden oder angeschafft werden. Wir hätten zusätzliche Risiken vielleicht bei Bodenerosion. Um Resistenzen auch im Ackerbau zu vermeiden, brauchen wir natürlich auch die Möglichkeit, auch mal Wirkstoffe zu wechseln. Und von daher einfach nur zu sagen: Verbietet Glyphosat und macht doch was anderes, ist keine Lösung. Da brauchen wir auch eine Auswahl von Mitteln, auch im Sinne des Umweltschutzes."

Es gibt auch Landwirte, die ganz ohne Herbizide, also chemische Pflanzenschutzmittel auskommen. In Freiberg in Sachsen kaufte 2011 ein junger Biolandwirt mit seiner Familie einen Hof und bewirtschaftet nun 150 Hektar Acker und 50 Hektar Grünland ökologisch. Das entspricht einer Fläche von 150 Fußballfeldern. Pferde, eine Mutterkuhherde, Schafe und Legehennen leben auf und von dem Boden. Der Anfang allerdings war schwer, auch wegen einiger Altlasten im Boden, berichtet Peter Probst:

"Auf einen Acker, den ich übernommen hatte, wurde im Herbst 2010, im Frühjahr 2011 habe ich die Flächen umgestellt, ein glyphosathaltiges Spritzmittel angewendet. Das habe ich mir auch von Experten bestätigen lassen, dass diese Fläche einen sogenannten Glyphosatschaden hatte. Also, ich hatte dort wirklich mit Mindererträgen zu kämpfen, es ist ja auch bekannt, dass das Glyphosat die Nährstoffverfügbarkeit im Boden stark einschränkt und auch die biologische Aktivität. Mittlerweile sieht der Acker gut aus, aber da sind jetzt auch schon drei Jahre vergangen."

Auch nützliche Bakterien und Pilze sterben

Glyphosat tötet alle grünen Pflanzen, weil es ihre Photosynthese verhindert. Es gibt aber auch viele Mikroorganismen, die ähnlich wie Pflanzen funktionieren. Nach Jahrzehnten des Glyphosateinsatzes weiß man, dass im Ackerboden nützliche Knöllchenbakterien und Pilze sterben, die den Pflanzen beim Aufschluss von Nährstoffen helfen. Auf künstlich gedüngten Äckern fällt das nicht so ins Gewicht, ein Biobauer merkt das dagegen stärker. Und auch anderswo könnten Mikroorganismen durch Glyphosat geschädigt werden, ergaben die Befunde von Wissenschaftlern in Göttingen und Leipzig. Denn die Verdauung von Tieren und Menschen funktioniert ebenfalls nur dank einer Vielzahl Bakterien in ihrem Darm. Die ehemalige Direktorin des Institutes für Bakteriologie und Mykologie der Tiermedizin an der Universität Leipzig, Monika Krüger berichtet::

"Wir hatten von 2007 bis 2010 ein vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung gesponsertes Projekt gehabt, mit acht Teilnehmern, und wir hatten festgestellt, dass die Tiere, die vermehrt Clostridium botulinum oder auch das Botulinum Neurotoxin im Panseninhalt oder im Kot beherbergten, eine gestörte Magen-Darm-Flora hatten. Und nun fragt man sich natürlich, wie diese Störung der Magen-Darm-Biota zustande kommt. Und dann hatte ich zufällig 2010 einen Anruf von einem Saatgutvermehrer, und der berichtete von Glyphosat. Dass man vermutet, dass hier bestimmte Schädigungen entstehen können. Und dann hatte ich mich damit befasst und habe festgestellt, dass Glyphosat eben auch eine antimikrobielle Wirkung hat."

Ausgangspunkt der Forschung waren Milchkühe, die Lähmungserscheinungen hatten, die bis zur Notschlachtung führten. Möglicherweise schädigt Glyphosat also auf sehr langsame  Arte, die von den bisherigen Tests für die Zulassung nicht erfasst wird. Das Herbizid steht auch im Verdacht, Missbildungen im Mutterleib hervorzurufen. So brachte ein dänischer Schweinezüchter 41 tote missgebildete Ferkel aus seinem Stall ins Institut, die über das Futter ihrer Muttersauen Glyphosat im Körper hatten. Monika Krüger untersuchte sie:

"Wir sehen ja vor allen Dingen, dass die langlebigen Tiere davon massiv gefährdet  werden, das sind eben die Milchkühe, das sind zum Beispiel Zuchtsauen und das ist natürlich auch der Mensch. Der eben sein ganzes Leben unter Umständen geringe Mengen davon isst und dementsprechend eine entsprechende Wirkung dann auch hinterlässt."

Werden die Gegenspieler durch Glyphosat im Futter geschädigt, können sich die krankmachenden Bakterien verstärkt vermehren und zum Beispiel zu Botulismus bei den Kühen führen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung teilt diese Forschungsergebnisse nicht, sagt Pestizidexperte Roland Solecki:

"Das BfR hat eigene Untersuchungen zur Beeinflussung der Darmflora durch Glyphosat mit der tierärztlichen Hochschule Hannover durchgeführt. Wir konnten die Thesen von Frau Professor Krüger zu Glyphosat nicht bestätigen. Zwischenuntersuchungen zeigen, dass Glyphosat keinen nennenswerten Einfluss auf das Wachstum der in Verdacht stehenden Bakterien hat. Trotzdem sind die Tiere krank. Wir kennen aber noch nicht die Ursache."

Für die Mikrobiologin sind die Wechselwirkungen noch zu wenig erforscht, um die Gefahr einfach als nicht existent abzutun. Monika Krüger:

"Erst in der heutigen Zeit, vielleicht so die letzten fünf bis zehn Jahre, fängt man auch in der Humanmedizin verstärkt an, diese Magen-Darm-Biota stärker in den Fokus zu nehmen. Und deren Bedeutung letztendlich zu klären. Wobei ich aus meinen Untersuchungen weiß, in der Landwirtschaft, in der Tiermedizin, dass diese Bedeutung der Magen-Darm-Mikrobiota für den Stoffwechsel, für die Gesundheit von Tieren natürlich auch für die Leistung der Tiere, riesig groß ist."

Mehr Vorsorge verlangt deshalb auch der Naturschutzbund Deutschland. Florian Schöne:

"Das ist erschreckend, was man scheinbar nicht weiß. Dass wir feststellen, es gibt immer noch Lücken im Zulassungsverfahren, und vielleicht muss deswegen die Politik hier auch einschreiten und dem Vorsorgeprinzip zu mehr Geltung verhelfen. Denn wenn wir manches nicht wissen, dann können wir einfach nicht guten Gewissens eine Zulassung um zehn Jahre weiter verlängern."

Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer (Grüne) (picture alliance / dpa / Carmen Jaspersen)Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer (Grüne) (picture alliance / dpa / Carmen Jaspersen)

Was auf Bundesebene noch nicht entschieden ist, haben andere in die eigene Hand genommen. In Niedersachsen ist der Grüne Christian Meyer Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Unter seinem Vorsitz trafen sich die Verbraucherschutzminister der Bundesländer im Mai. Parteiübergreifend waren sie sich einig, dass der Bund die Verwendung von Glyphosat stark einschränken soll. Atmo weg Christian Meyer:

"Ich bedaure nur, dass der Bund weiterhin sich weigert, diese kritische Einschätzung der Länder so ernst zu nehmen. Und auch die Einschätzung gegenüber der EFSA, der europäischen Genehmigungsbehörde, zu korrigieren."

In der Vergangenheit gab es schon Einschränkungen für Glyphosatrezepturen. Um von den Pflanzen aufgenommen zu werden, benötigt das Mittel Hilfsstoffe, die es in die Pflanze befördern. Durch einige dieser sogenannten Netzmittel, wirkte das Herbizid insgesamt im Tierversuch dreimal giftiger. Seit 2014 ist diese Rezeptur deshalb in Deutschland verboten. Über importierte Futtermittel, können aber auch diese Rückstände weiter in unsere Nahrungskette gelangen. Ein Grund für den Verbraucherschutzminister von Niedersachsen, wichtige Futtermittelimporteure zur Abkehr vom Gensoja zu überreden. Christian Meyer:

"Deshalb setzen wir sehr stark auf gentechnikfreie Futtermittel, wenn wir die hier nach Niedersachsen importieren. Haben auch erste Erfolge, Anfang des Jahres den größten Geflügelhersteller wieder auf gentechnikfreies Soja umgestiegen aus Brasilien, aus Argentinien, das Unternehmen Wiesenhof, das man hier mal loben kann. Aber das haben wir auch in intensiven Gesprächen zusammen mit dem Handel und den Verbraucherverbänden erreicht. Weil wir gesagt haben, wir wollen auch über Importe nicht Gensoja durch die Hintertür haben, denn die Auswirkungen, die wir dann mit verursachen durch unseren Konsum sind in Südamerika aus meiner Sicht fatal."

Seit Monsanto Mitte der 90er-Jahre gentechnisch veränderte Kulturpflanzen einführte, die gegen Glyphosat unempfindlich sind, kann sogar während des Wachstums von Soja oder Getreide das Unkraut auf dem Feld totgespritzt werden. In Deutschland sind derzeit keine Genpflanzen zugelassen sind, aber das Futter für unsere Tiere wächst zu großen Teilen anderswo in der Welt, zum Beispiel in Südamerika. Dort gibt es gigantische Anbaugebiete mit Gensoja, die zum Teil per Flugzeug mit Pestiziden wie Glyphosat besprüht werden. Nach mittlerweile 20-jährigem Einsatz zeigen sich furchtbare Folgen bei der Bevölkerung, wie der Grünen-Bundestagsabgeordnete Harald Ebner vor Ort erfuhr:

"Ich war im April in Argentinien und habe dort mit Medizinern und Wissenschaftlern gesprochen, die eben epidemiologische Studien dort machen. Und sagen, es liegt eben völlig auf der Hand, die Zahlen sprechen für sich, in allen Regionen, in denen Glyphosat angewandt wird, haben wir eine Zunahme ganz bestimmter Krebsarten, ganz bestimmter Missbildungsarten, ganz bestimmter Nieren- und Leberschäden. Also dort haben wir schon viel viel weitergehende Auswirkungen, als sie bei uns zu beobachten sind. Dort ist auch die Anwendung viel viel weitergehend als bei uns."

Auf weniger Pestizideinsatz im Ausland drängen

Entwicklungspolitische Organisationen verlangen deshalb von der deutschen Politik, auch im Ausland auf weniger Pestizideinsatz zu drängen. Sie kritisieren insbesondere Programme des Bundesentwicklungsministeriums und Entwicklung und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, GIZ. Julia Sievers von der Agrarkoordination:

"Wir fordern jetzt speziell von Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit, dass sie sich mehr mit den Gefahren von Pestiziden und auch speziell von Glyphosat beschäftigen. Und darüber im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit aufklären. Statt, was bisher passiert, direkt mit Pestizid-Herstellern zusammenzuarbeiten. Nach wie vor wird der Glyphosat-Einsatz als unproblematisch gesehen, bzw. man verweist auf das Zulassungsverfahren. Leider wird auch vonseiten der GIZ eine weitere Auseinandersetzung mit diesem Thema abgelehnt."

Solange Glyphosat in der EU zugelassen ist, kann es in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Für Niedersachsen aber zog der grüne Minister die Konsequenz und verbot den Einsatz von Glyphosat außerhalb der Landwirtschaft. Die bisher 600 Ausnahmegenehmigungen im Jahr werden seit diesem Frühjahr nicht mehr erteilt. Minister Christian Meyer:

"Das sind Kommunen, das sind private Bahnunternehmen, das sind aber auch größere Grundstücksbesitzer oder Firmen, die ihre Wildpflanzen mit Glyphosat abtöten wollten, um eine andere Maßnahme zu sparen. Die mussten nicht unbedingt eine Sachkunde vorlegen. Deshalb fordern wir den Bund auf, wie in Frankreich, die Abgabe an Privatpersonen, Landwirte müssen ja Sachkundenachweise machen, einzustellen. Was wir noch zusätzlich angeordnet haben, dass derjenige, der die Sachkunde bei den Prüfungen machen, in keinerlei wirtschaftlichem Abhängigkeitsverhältnis zu einem Hersteller von Pestiziden sein darf, damit es da nicht zu Interessenkonflikten kommt. Sondern er auch aufklärt; welche Alternativen es gibt, es gilt das Gebot, möglichst wenig Pestizide einzusetzen."

Wie kann das aber in der Praxis aussehen?

Grünflächenpfleger Frank Frohmüller:

"Wenn ich sagen würde, wir wären eine pestizidfreie Kommune, dann dürfte ich ja nicht einmal Ratten bekämpfen, dann durfte ich nicht einmal Schneckenkorn streuen. Also wir haben hier im Park historische Rosen, wo ich natürlich auch mal, wenn die 100 Jahre alt sind, und geringe Resistenzen haben, auch mal gegen Mehltau oder gegen Rost spritzen muss. Und in dem Sinne können wir keine pestizidfreie Kommune sein. Aber wichtig ist eigentlich, wir sind herbizidfreie Kommune und jetzt auf jeden Fall auch eine glyphosatfreie."

Herbizidfreies  Hannover lässt Wildwuchs zu

Bundesweit gibt es etwa 15 Kommunen, die in ihrem Verantwortungsbereich pestizidfrei arbeiten. Das ist natürlich mit mehr Aufwand verbunden, als einfach chemische Pflanzenschutzmittel zu sprühen. Frank Frohmüller:

"Es sind natürlich höhere Kosten, also ob ich nun mehr Personalaufwand habe für die herbizidfreie Wildkrautbekämpfung, ob ich nun so eine Laufbahn sieben, acht Mal im Jahr mit einer Tennenpflegekombination befahre, ob ich nun hier wie bei diesen Stadtparkwegen mit nen Abflammgerät abbrenne, was ich auch mehrfach im Jahr machen muss. Aber es ist eben auch die Frage, was will ich? Man hat ja eben auch die Vorteile dadurch, dass wir eine höhere Artenvielfalt haben. Es ist auch ein Grundwasserschutz. In 99,9 Prozent sage ich mal gibt es Alternativen, im Bereich der mechanischen, der thermischen Unkrautbekämpfung, und letztendlich auch, einfach mal wachsen lassen. Mehr Natur in der Stadt."

Das ist auch entlang der Straßen zu sehen. Wo anderswo kurzer Rasen grünt, wachsen in Hannover bunte Wildblumenwiesen mit Kamille, Schöllkraut oder Mohn. Das sieht schön aus und bietet Nahrung für viele Insekten. Natürlich gibt es auch Beschwerden, weil es manchem zu unordentlich aussieht. Frank Frohmüller versucht, die Hannoveraner für den Wildwuchs zu gewinnen:

"Es gibt auch heute noch im Bürgerservice Beschwerden, wenn die Baumscheiben zu stark begrünt sind, oder wenn im Mosaikkleinpflaster das Gras wächst oder Löwenzahn. Wir versuchen natürlich, die Bürger zu sensibilisieren, schicken auch Broschüren, Informationen, aber man kann nicht das eine wollen und das andere auch. Also wenn ich mich verpflichte, und das ist auch Wunsch von einem Großteil der Bürger, aus der Politik, auf Herbizide zu verzichten, dann muss ich natürlich auch hinnehmen, dass sie eine Spontanvegetation habe, die ich nicht jederzeit, rund um die Uhr beseitigen kann."

Interessanterweise sind selbst Umweltschützer vom Nabu nicht dafür, Glyphosat sofort auch in der Landwirtschaft zu verbieten. Sie fürchten, dass es nur durch andere, möglicherweise giftigere Mittel ersetzt wird. meint Florian Schöne:

"Lasst uns nicht den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Und auch nicht immer mit der großen Schrotflinte auf die Landwirte losgehen, sondern lieber im Gespräch für Aufklärung sorgen, denn unser gemeinsames Interesse muss sein, von hohen Aufwandmengen runterzukommen. Ohne dadurch andere Probleme, andere Risiken zu induzieren."

Am kommenden Montag findet vor dem Agrarausschuss des Bundestages eine erneute Anhörung zum Thema "Glyphosatzulassung" statt. Die Positionen die dabei ausgetauscht werden sind hinlänglich bekannt. Neu ist allerdings eine Nachricht aus Brüssel. Dort hat die EU-Kommission beschlossen, dass sie erst im Juni 2016 über die Zulassungsverlängerung entscheiden will. Die Gutachtenschlacht geht also noch etwas weiter. Die Einschätzung der deutschen Behörden wird aber richtungsweisend für die ganze EU bleiben. Das Bundesinstitut für Risikobewertung sagt auch in seiner letzten Stellungnahme, das keine gesundheitlichen Auswirkungen sehe, die gegen die weitere Verwendung von Glyphosat in der Landwirtschaft sprächen. Der große Unterschied zur Bewertung als "wahrscheinlich krebserregend für den Menschen" resultiere daraus, dass das BfR nur die Wirkung reinen Glyphosats bewerte. Die Krebsagentur berücksichtige aber Studien, die die Wirkung verschiedenster Pflanzenschutzmittel mit einem Glyphosatanteil einbezögen. Rezeptur und Anwendung der Mittel könnten den entscheidenden Unterschied im Gesundheitsrisiko ausmachen. Gute Nachrichten für den Hersteller.

Einen Stoff isoliert zu betrachten, der in der Praxis nur in Mischungen zum Einsatz kommen, ist wenig hilfreich. Glyphosat wird in Dutzenden Rezepturen verwendet. Wenn wissenschaftliche Gewissheit fehlt, muss die Politik entscheiden, was mehr wert ist: Gefahren für die Gesundheit oder wirtschaftliche Zwänge.

Mehr zum Thema

Harmlos bis krebserregend - Das Ackergift Glyphosat vor der Neuzulassung
(Deutschlandfunk, Wissenschaft im Brennpunkt, 27.09.2015)

Debatte um Glyphosat - "Ich wehre mich gegen diese Hysterie"
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 27.08.2015)

Krebsforschung - Streit um das meistgenutzte Herbizid der Welt
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 04.08.2015)

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(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 30.07.2015)

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