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Pestizide haben in Mineralwasser "nichts zu suchen"

Ernährungswissenschaftlerin fordert klare gesetzliche Grenzwerte

Birgit Hinsch im Gespräch mit Katrin Heise

Ein Drittel der von "Ökotest" im vergangenen Jahr überprüften Mineralwässer war mit Abbauprodukten von Pflanzenschutzmitteln belastet.
Ein Drittel der von "Ökotest" im vergangenen Jahr überprüften Mineralwässer war mit Abbauprodukten von Pflanzenschutzmitteln belastet. (AP)

Es sei dringend notwendig, die ursprüngliche Reinheit von Mineralwasser mit gesetzlichen Grenzwerten zu regeln, so die "Ökotest"-Redakteurin Birgit Hinsch. Die nachgewiesenen Verunreinigungen mit Pestizidmetaboliten und Süßstoffen stünden im Widerspruch mit dem Hauptmerkmal "Natürlichkeit" des Mineralwassers, sagte die Ernährungswissenschaftlerin.

Katrin Heise: Wer seinen Durst mit Mineralwasser löscht, der möchte natürlich sicher sein, dass dieses Mineralwasser unbelastet und natürlich rein. Es gibt sowohl europäische als auch deutsche Richtlinien über die Gewinnung und den Handel mit natürlichen Mineralwässern, die das dann auch sicherstellen sollen. Das Verbrauchermagazin "Ökotest" hat im vergangenen Jahr 143 Mineralwässer getestet und darin Stoffe nachgewiesen, die eben nicht ins Mineralwasser hineingehören. Ich begrüße von der Zeitschrift "Ökotest" die Ernährungswissenschaftlerin Birgit Hinsch, schönen guten Tag!

Birgit Hinsch: Schönen guten Tag!

Heise: Vorab mal die Frage, Frau Hinsch, was ist eigentlich der Unterschied zwischen Mineralwasser, natürlichem Mineralwasser und Tafelwasser?

Hinsch: Also, Mineralwasser ist immer natürliches Mineralwasser, so steht es auch auf den Flaschen drauf. Dafür gibt es eine spezielle Regelung, und das ganz besondere daran ist, es muss von ursprünglicher Reinheit sein. Es wird gewonnen aus einem unterirdischen Quellvorkommen und darf eben auch sehr wenig behandelt werden. Beim Tafelwasser ist es so, da wird in der Regel Leitungswasser eingesetzt, was mit verschiedenen Zusätzen versetzt ist und im Prinzip ein aufgewertetes Trinkwasser ist, kann man sagen, also das ist eben – unterscheidet sich ganz deutlich.

Heise: Bleiben wir jetzt mal bei dem natürlichen Mineralwasser. Das Wort "natürlich" suggeriert es ja eben auch. Ökotest hat aber im vergangenen Jahr bei knapp 30 Prozent der getesteten Mineralwässer Abbauprodukte von Pflanzenschutzmitteln, sogenannte Metabolite festgestellt. Ist das die häufigste Verunreinigung, die Sie da finden konnten oder mussten?

Hinsch: Ja, wenn man das zahlenmäßig sieht, ist es auf jeden Fall die häufigste Verunreinigung. Also rund 30 Prozent, das sind, der Wässer waren mit diesen Pestizidmetaboliten verunreinigt. Das ist eigentlich auch das, was so die Branche sagt, es ist eigentlich bekannt, dass es um diese Größenordnung geht.

Heise: War also keine Überraschung?

Hinsch: Es war für die Branche, es war für die Mineralwasserherstellung war es sicher keine Überraschung, denn die wissen das schon seit einiger Zeit. Für uns beziehungsweise die Öffentlichkeit war es dann schon überraschend. Man weiß, man kennt natürlich Pestizide in Obst und Gemüse, rechnet aber jetzt nicht unbedingt damit, dass das in natürlichem Mineralwasser dann wieder auftaucht, nämlich die werden ja aus sehr, sehr tiefen Quellen gewonnen, und dass dann also Abbauprodukte dieser Pestizide dann auch dort unten landen, das war schon auch neu für uns.

Heise: Sind die eigentlich, wenn man sie im Mineralwasser zu sich nimmt, diese Metabolite, sind die eigentlich gesundheitsgefährdend?

Hinsch: Also in den Mineralwässern findet man sogenannte nichtrelevante Metabolite. Das sind eben Abbauprodukte von Pflanzenschutzmitteln, die aufgrund verschiedener Untersuchungen eher als unbedenklich eingestuft werden. Dazu sind die Mengen sehr, sehr gering und sehr klein. Also man kann jetzt nicht von einer gesundheitlichen Bedenklichkeit jetzt ausgehen. Man weiß es aber nie. Also es gibt auch, gab auch mal eine Überraschung. Ein bestimmter Metabolit, das sogenannte Dimethylsulfamid hat sich im Nachhinein als doch bedenklich herausgestellt, weil in der Zusammenwirkung mit einer Ozonbehandlung, zum Beispiel im Trinkwasserbereich, entstehen krebserregende Nitrosamine. Die filtert man inzwischen raus mit Aktivkohlefiltern, wenn das im Trinkwasserbereich eingesetzt wird.

Aber insofern, also man ist nie sicher, aber letztlich im Moment, das, was gefunden wird, ist wahrscheinlich unbedenklich.

Heise: Und wenn Sie sagen, bei 30 Prozent wurde es gefunden, also dann kann man ja davon ausgehen, dass 70 Prozent auf jeden Fall, es bei 70 Prozent der Wässer möglich ist, dass da eben nichts, wirklich gar nichts drin ist, dass die Quellen da noch natürlich sind?

Hinsch: Ja, das hat unsere Untersuchung auch gezeigt. Also, wir haben ja alle Wässer darauf untersucht und eben in diesen 70 Prozent, in den anderen waren eben keine Abbauprodukte nachzuweisen.

Heise: Was teilweise in unserem Mineralwasser enthalten ist, was nicht dort hineingehört, darüber informiert uns Birgit Hinsch, Redakteurin bei "Ökotest". Frau Hinsch, diese Verunreinigungen werden vom Gesetzgeber ja nicht hingenommen. Das Bundesministerium für Verbraucherschutz arbeitet an einem Gesetzentwurf, der strengere Kontrollen für Mineralbrunnen vorsieht. Was halten Sie davon? Ist das notwendig?

Hinsch: Ja, es ist auf jeden Fall notwendig, hier eine gesetzliche Regelung zu finden. Also, es ist so, dass das besondere Qualitätsmerkmal von diesem natürlichen Mineralwasser eben die ursprüngliche Reinheit ist. Und das ist definiert, es soll frei sein von Stoffen, die jetzt aus menschlichen Einflüssen stammen wie Landwirtschaft, Bergbau und Sonstiges. Das ist im Prinzip auch festgeschrieben. Was es bisher noch nicht gibt, ist ein konkreter Gesetzesgrenzwert, sagen wir mal, in der Mineral- und Tafelwasserverordnung, und daran arbeitet das Ministerium zurzeit.

Heise: Wichtig sind dann ja vor allem immer die Kontrollen. Ein Gesetzentwurf oder ein Gesetz alleine macht es ja nicht. Beziehen sich die neuen Kontrollen, die da geplant sind, denn eigentlich auch nur auf Abbaustoffe von Pflanzenschutzmitteln oder auch auf andere Stoffe?

Hinsch: Das wird man sicherlich erweitern müssen. Denn man hat ja inzwischen auch Süßstoffe in sehr geringen Konzentrationen in einigen Mineralwässern gefunden, die natürlich auch da nichts zu suchen haben und ganz eindeutig eben von dem Menschen stammen. Auch die sollen da nicht rein, es sind unerwünschte Stoffe.

Also insofern wird es darum gehen, diese Begrifflichkeit zu erweitern. Pestizidmetabolite aufzunehmen, Süßstoffe aufzunehmen und Sonstiges, damit eben auch die Überwachungsbehörden da eine Sicherheit haben, Mineralwässer entsprechend beurteilen zu können.

Heise: Jetzt haben Sie selber auch gesagt, in dem Maße, in dem da im Moment was gefunden wird, ist es nicht weiter gesundheitsgefährdend. Die Mineralwasserindustrie befürchtet, wenn da stärker irgendwie mit umgegangen wird, Pleiten mehrerer Firmen, ruft ihre Mitglieder zu massivem Protest auf. Wie groß ist die Gefahr, dass sich die Mineralwasserindustrie da durchsetzt?

Hinsch: Ja, das ist natürlich noch – es ist nicht unbedingt abzusehen. Also ich weiß es, kann mir das eigentlich dann auch nicht vorstellen, dass man an diesem Qualitätsmerkmal wirklich so weit dreht, dass man hinterher also diese Stoffe in größeren Konzentrationen akzeptiert. Und zum anderen ist es auch so, dass die Überwachungsbehörden der Länder also auch im Großen und Ganzen hinter dieser Regelung stehen, nämlich es gibt ja aktuell schon einen sogenannten Orientierungswert in einer Verwaltungsvorschrift, an den man sich anlehnt in der Beurteilung. Also die stehen dahinter, hinter diesem Wert. Insofern ist, hoffe ich einfach auch, dass das Ganze dann gesetzlich geregelt wird.

Heise: Das heißt, im Moment würden Sie aber schon sagen, dass die Kontrolle dieser Mineralbrunnen verlässlich ist?

Hinsch: Ja, die Mineralbrunnen selbst, ja, das ist das eine, die Hersteller kontrollieren ihre Produkte, sie müssen ja dann die entsprechenden Verordnungen einhalten, das liegt in ihrer Verantwortung. Und dann ist es Sache der Überwachungsbehörden, hier einfach noch mal einfach genauer nachzuprüfen, wird es auch gemacht? Also wenn das Thema auf der Tagesordnung steht, dann guckt man da auch genauer.

Heise: Sie haben die Wässer ja getestet, Stiftung Warentest ebenfalls. Ist es eigentlich notwendig, viel Geld auszugeben für ein besonders reines Wasser?

Hinsch: Das ist nicht unbedingt nötig. Also man kann – wir haben auch diverse Discountwässer, Wässer von Discountern zum Beispiel, also ein Wasser von Aldi Süd, "Aqua Culinaris", aus der Noé-Quelle oder "REWE Aqua Mia" zum Beispiel untersucht, jetzt auch aktuell noch mal, die sind frei von diesen Verunreinigungen und auch von sonstigen problematischen Stoffen. Also da kann man schon auch mit wenig Geld ein gutes Wasser bekommen. Aber es gibt auch diverse Wässer von gerade kleineren Unternehmen, zum Beispiel "Azur" in Hessen oder "Eiffelsanft" aus Rheinland-Pfalz oder die Rheinfelsquellen aus Nordrhein-Westfalen zum Beispiel, die einfach eine Superqualität haben und zudem auch noch in Mehrwegflaschen angeboten werden, was natürlich auch von Vorteil ist.

Heise: Viele Verbraucher trinken ja gar kein Mineralwasser aus Flaschen, sondern Leitungswasser, das sie vielleicht auch selber mit Kohlensäure versetzen. Ist das eigentlich besser? Weil, Leitungswasser wird doch an und für sich mindestens genau so scharf kontrolliert wie Mineralwässer.

Hinsch: Ja, die Kontrollen von Leitungswasser, die unterliegen dem örtlichen Gesundheitsamt. Also sind auch gesetzlich geregelt, wie häufig so etwas zu passieren hat. Also große Wasserversorger müssen beispielsweise täglich das Leitungswasser überprüfen. Also es ist auf jeden Fall gut kontrolliert. Es ist auch nach den Maßgaben, die man da angelegt hat, gesundheitlich also unbedenklich. Und es ist natürlich ökologisch von Vorteil, da man ja keine Verpackung braucht. Der Nachteil ist, dass man vielleicht Probleme hat mit Nitrat, was aus der Landwirtschaft in Wässer, Grund- oder Oberflächenwasser übergehen kann, oder auch mit Uran. Es gibt zwar jetzt auch aktuell einen Grenzwert, der festgelegt wurde. Aber wer jetzt hier ganz genau wissen will, welche Qualität sein Leitungswasser hat, kann beim örtlichen Wasserversorger nachfragen, auch auf der Homepage, und dann hat er dann auch gewisse Informationen.

Heise: Würden Sie denn eine Empfehlung abgeben: lieber Leitungswasser oder lieber gekauftes Mineralwasser?

Hinsch: Es kommt ein bisschen darauf an. Leitungswasser ist sicherlich unbedenklich, aber man muss sich schon, wenn man jetzt ein ganz reines Produkt haben will, also Pestizidmetabolite findet man auch im Leitungswasser. Das ist natürlich schon auch klar. Aber es ist unbedenklich, das kann man natürlich schon sagen. Aber eben, es enthält in der Regel wenig Mineralstoffe. Also eigentlich eine besondere Eigenschaft des Mineralwassers ist ja auch, eine gewisse Menge an Mineralien zu liefern. Und das hat das Mineralwasser, das hat das Leitungswasser in dem Sinne nicht. Viele Discounterwässer im Übrigen auch nicht. Also da kann man auf das Etikett auf der Flasche gucken, findet man dann also Angaben. Also wer darauf Wert legt, ist natürlich mit einem Mineralwasser dann besser bedient.

Heise: Das Für und Wider. Wie rein unser Wasser tatsächlich ist, darüber unterhielt ich mich mit Birgit Hinsch, Ernährungswissenschaftlerin und Redakteurin bei "Ökotest". Ich danke Ihnen, Frau Hinsch. Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen noch!

Hinsch: Danke schön, auch! Vielen Dank.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema bei dradio.de:
Leitungswasser überzeugte mehr als Supermarktwasser - Stiftung Warentest prüfte stille Mineralwässer, (DLF, Umwelt und Verbraucher)

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