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Buchkritik

ErziehungLasst Kinder so sein, wie sie sind
25. Weltkindertagsfest in Berlin (picture alliance / dpa / Foto: Jörg Carstensen)

"Kindheit ist keine Krankheit" heißt das Buch von Kinderarzt Michael Hauch. Es ist ein gut geschriebener Ratgeber vor allem für Eltern, die alles perfekt machen wollen. Müssen sie nicht, sagt Hauch. Jedes Kind ist anders und deshalb mahnt er: "Hört auf Kinder zu normieren".Mehr

Biografie über Rudyard KiplingDer Dschungelkönig
Das zeitgenössische Porträt von William Strang zeigt den englischen Schriftsteller Joseph Rudyard Kipling (1865-1936).  (picture alliance / dpa)

Das "Dschungelbuch" von Rudyard Kipling ist weltweit bekannt, während der britische Autor selbst in Vergessenheit geriet. In der Biografie von Stefan Welz erscheint er als innerlich zerrissener Mann - der sich mit zunehmendem Alter im Nationalismus verlor.Mehr

Sachbuch über RoutinenZwischen Beharren und Veränderung
Ein Mann putzt seine Zähne. (imago / Medicimage)

Jede Routine ist im Gedächtnis verankert, aber auch im Lebensumfeld – in der Wohnung und im Freundeskreis. Der Psychotherapeut Vincent Deary beschreibt, wie Routinen entstehen und wann wir aus ihnen ausbrechen. Kein typischer Ratgeber, aber trotzdem lehrreich und unterhaltsam.Mehr

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 31.07.2012

Perfektes enfant terrible

Elena Poniatowska, "Frau des Windes", Insel-Verlag, Berlin 2012

Die nach Mexiko ausgewanderte surrealistische Künstlerin Leonora Carrington (picture alliance / dpa)
Die nach Mexiko ausgewanderte surrealistische Künstlerin Leonora Carrington (picture alliance / dpa)

Leonora Carrington war die eigensinnige Tochter eines reichen Industriellen. Vor allem aber war sie eine prägende Künstlerin des Surrealismus und die Geliebte von Max Ernst. Die Roman-Biografie von Elena Poniatowska ruft die Künstlerin ins Gedächtnis zurück.

Sie ist die weibliche Ikone des Surrealismus. Mit ihren rätselhaften Bildern und Texten prägte sie jener Künstlerbewegung der 1930er Jahre ihren provokanten Stil auf. Obwohl Leonora Carrington (1917 – 2010) zu den berühmtesten Künstlerinnen des vergangenen Jahrhunderts gehört, gibt es keine umfassende Biographie über sie. Stattdessen regt sie offenbar umso mehr die Phantasie von Romanciers an wie im letzten Jahr die unsägliche Schmonzette "Himmelsdiebe" von Peter Prange.

Um vieles seriöser ist zum Glück die Romanbiographie der mexikanischen Journalistin Elena Poniatowska. Die Autorin, die abonniert scheint auf außergewöhnliche Lebensläufe, hat unter anderem schon einen Roman über die politische Revolutionärin und Fotografin Tina Modotti ("Tinissima", 1992, dt. 1996) geschrieben. In die "Frau des Windes" erzählt sie nun auf literarisierte Weise, streng linear, die abenteuerlichen Stationen aus dem Leben der Leonora Carrington nach.

Ihrer Heldin war ein rebellischer Zug von Kindheit an eigen. Sie flog von mehreren Schulen und trotzte ihrem strengen Vater, einem reichen Industriellen, ein Malereistudium ab. Statt sich mit standesgemäßen Heiratskandidaten zu arrangieren, schrieb sie an einem "Handbuch des Ungehorsams". Als sie mit knapp zwanzig Max Ernst, den Doyen des Surrealismus, kennenlernt, brennt sie mit ihm nach Frankreich durch, wo die beiden in einem kleinen Haus in der Ardèche leben, lieben und arbeiten. Die Attacken von Ernsts Ehefrau pariert sie ebenso wie seinen unablässigen Versuch, sie zur Muse seiner Kunst zu machen.

Perfekt spielt sie die Rolle des enfant terrible. In der Pariser Kunstszene – Picasso, Breton, Dalì zählen zu ihren Freunden - sind ihre Auftritte legendär, im Café Flore legt sie einen Striptease hin, in einem Restaurant setzt sie sich mit senfbeschmierten Zehen zu Tisch. Vor allem aber schreibt und malt sie: abgründige Erzählungen, in denen Tiere sprechen; Bilder voller Fabelwesen und Schreckgesichtern.

Um ihrer unglücklichen amour fou, aber auch dem Zugriff des Vaters zu entrinnen, flüchtet sie sich in die Ehe mit einem mexikanischen Diplomaten und lässt sich in Mexico nieder, wo sie bis zu ihrem Tode lebte, bis ins hohe Alter rastlos an ihrer Kunst arbeitend.

Elena Poniatowska, die mit Leonora Carrington befreundet war, schreibt mit identifikatorischer Empathie. Zuweilen mit zuviel Empathie. So zeigt sie weniger die innere Zerrissenheit ihrer Heldin, deren Ambivalenz zwischen Wahn und Wirklichkeit, zwischen Perioden der Angst und Selbstbehauptung. Stattdessen hebt sie das Extravagante im Leben der Leonora Carrington hervor, ihre bizarren Verhaltensweisen, den Freiheitsdrang. Carrington habe etwas von einer ästhetisierenden Herrennatur an sich gehabt, die keine Autorität über sich ertragen mochte – das erfüllt die Autorin mit allzu distanzloser Bewunderung. Auch bleibt die Schilderung des wilden Lebens der Surrealisten eigentümlich blass.

Trotzdem lohnt sich die Lektüre des Buches. Denn es holt eine bislang unzureichend gewürdigte Künstlerin ins Gedächtnis zurück, eine Künstlerin, deren poetischer Wagemut bis heute Zeichen setzt. Und es regt dazu an, sich in ihre bizarren Bilderwelten zu vertiefen, ihre Texte zu lesen, allem voran "Das Hörrohr" - ein grandioser Anti-Altersheim-Roman.

Besprochen von Edelgard Abenstein

Elena Poniatowska: "Frau des Windes"
Aus dem Spanischen von Maria Hoffmann-Dartevelle
Insel-Verlag, Berlin 2012
500 Seiten, 25,95 Euro