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Lesart / Archiv | Beitrag vom 26.01.2016

"Percy Jackson erzählt: Griechische Göttersagen"Antike trifft Jugendsprache

Von Susanne Billig

Marmorstatuen-Gruppe "Herkules und Nessus" (um 1600) des flämisch-italienischen Bildhauers Jean de Boulogne (1529-1608), genannt "Giambologna", in der Uffizien-Galerie in Florenz am 23.02.2015. (picture alliance / dpa / Maurizio Degl' Innocenti)
Die Dramen der griechischen Götterwelt werden bei Rick Riordan für Jugendliche aufbereitet (picture alliance / dpa / Maurizio Degl' Innocenti)

Schluck, weg war sie. So lapidar klingt es bei Rick Riordan, wenn etwa der Titan Kronos seine Tochter Hestia verschlingt. Riordan erzählt antike Mythen in Jugendsprache, ohne bemüht und anbiedernd zu wirken.

"Prometheus betrat die Erde, Sprössling des alten Göttergeschlechtes, kluger Erfindung voll."

Er war nicht schlecht, der große deutsche Nacherzähler der griechischen Götter- und Sagenwelten Gustav Schwab – aber jetzt kommt Rick Riordan:

"Kronos riss den Mund auf – superweit, sein Unterkiefer war so ausgeklinkt wie bei einer Riesenschlange, die eine Kuh fressen kann. Er stopfte sich Hestia in den Mund und schluckte sie hinunter. Einfach so: SCHLUCK, und weg war sie."

Instinktsichere Übersetzung von Gabriele Haefs

Die Kostprobe zeigt, wo es langgeht in dem neuen Buch von Rick Riordan – Jahrtausende altes Drama trifft zeitgenössische Jugendsprache. "Percy Jackson erzählt: Griechische Göttersagen" lässt diese Rechnung hervorragend aufgehen, obwohl sich der Autor hier viel enger an die Vorlage hält als in seiner bisherigen Serie an Percy-Jackson-Büchern.

Übersetzerin Gabriele Haefs trägt wesentlich dazu bei, dass dies auch im Deutschen gelingt. Einmal mehr liefert sie eine hervorragende Leistung, und der Text wechselt schwerelos und instinktsicher zwischen anspruchsvollen, oft erhebend poetischen Wendungen und einer lässig-coolen jugendlichen Ausdrucksweise, die an keiner Stelle bemüht oder anbiedernd wirkt.

Intelligente Aufbereitung der griechischen Mythen

Autor Rick Riordan bespielt derweil in seiner intelligenten Aufbereitung der griechischen Mythen mehrere Erzählebenen. Zunächst arbeitet er die dramatische Wucht des Materials in vollem Umfang heraus – ein kluger Schachzug, denn Jugendliche werden heute in Buch und Film mit aufwendigen Geschichten konfrontiert und sind mit Recht verwöhnt, was das Erzählen angeht.

Dieses Niveau hält Rick Riordans Buch mit Bravour, indem es all die atemberaubenden Abgründe und Verwicklungen des Götterlebens reichlich auskostet.

Während Gymnasiallehrer Gustav Schwab die griechische Sagenwelt um einen Großteil ihrer grausamen und erotischen Passagen beraubte, kennt Rick Riordan alias Percy Jackson auch hier keine falsche Scham. Es spritzt das Blut, es dampfen die Leiber. Zeus, Hera, Apollo und Poseidon hassen, lieben und meucheln in erzählerischem 3D.

Seitenhiebe auf das Leben von heute

Genüssliche 500 Seiten nimmt sich Rick Riordan, um vom uranfänglichen Chaos ausgehend ("eine düstere Nebelsuppe, in der alle Materie im Kosmos einfach so umherschwamm") Geburt und wilden Lebenswandel aller zwölf olympischen Götter vor seinen jungen Leserinnen und Lesern auszubreiten:

"Alle am Tisch fingen gleichzeitig an zu picheln. Wer zuerst fertig war, hatte gewonnen. Was er gewonnen hatte? Na ja, nichts – aber es war super zum Angeben, denn keiner sieht titanischer aus als jemand, dem Nektar über das Kinn läuft."

Seine frische Zugangsweise zu den alten Geschichten bietet weit mehr als eine Übertragung in zeitgenössische Sprache. Witzig, ironisch und doppelbödig spickt der Autor sein Buch mit Seitenhieben auf das Leben, mit dem Jugendliche heute zurechtkommen müssen und in dem es an Brutalitäten und Eitelkeiten nicht mangelt. Wie aktuell die griechischen Reflexionen über solches Treiben sind – mit diesem Buch lässt sich das hautnah erleben.

Rick Riordan: "Percy Jackson erzählt: Griechische Göttersagen"
Übersetzt von Gabriele Haefs
Carlsen Verlag, Hamburg 2016
496 Seiten, 16,99 Euro

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