Seit 19:05 Uhr Oper
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 19:05 Uhr Oper
 
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 19.03.2013

Papst Franziskus wird die Kirche "nicht neu erfinden"

Kardinal Marx erwartet Reform der Kurie

Papst Franziskus bei seiner ersten öffentlichen Audienz im Vatikan (picture alliance / dpa / Claudio Peri)
Papst Franziskus bei seiner ersten öffentlichen Audienz im Vatikan (picture alliance / dpa / Claudio Peri)

Für Reinhard Kardinal Marx werden mit Papst Franziskus ein neuer Stil, ein anderer Ton und klare Ideen in den Vatikan einziehen. Mit grundsätzlichen Traditionen und Überzeugungen werde der neue Papst aber nicht brechen.

Nana Brink: Noch anderthalb Stunden, dann beginnt in Rom im Petersdom die prunkvolle Krönungsmesse, die feierliche Amtseinführung von Papst Franziskus. Mehrere Hunderttausend Pilger werden auf dem Petersplatz stehen, daneben auch Vertreter anderer Religionen, Regierungsdelegationen aus aller Welt, und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel ist nach Rom gereist. Und viele Katholiken warten ja gespannt auf weitere Zeichen des neuen Papstes, der sich schon so selbstverständlich in diesem Amt zu bewegen scheint, als mache er dies nicht erst seit gestern. Einer ist gleich mit dabei, Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising. Einen schönen guten Morgen, Kardinal Marx!

Reinhard Marx: Guten Morgen!

Brink: Sind Sie schon fertig angezogen und bereit?

Marx: Halb fertig angezogen, aber wir haben noch etwas Zeit, aber dann geht es schon langsam los, denn der Papst möchte, so haben wir gehört, vorher schon auf dem Petersplatz die Gläubigen begrüßen, und da fängt das sicher etwas früher an.

Brink: Sie haben nach der Wahl von Papst Franziskus gesagt, Sie erwarten die eine oder andere Überraschung von ihm. Welche denn zum Beispiel?

Marx: Ja, zunächst waren wir ja selber über uns überrascht, weil wir haben ja gewählt, und es hat sich dann so ergeben, aber wir hatten ihn vorher eigentlich nie so in den Plänen drin. Und die erste Überraschung war dann der Name auch, Franziskus, da wussten wir, das ist ein Programm, und da war mir klar, von diesem Papst können wir das eine oder andere noch erwarten. Was das sein wird, ist eben überraschend – also im Stil wird sich einiges ändern, er wird sicher auch die Kurienreform voranbringen, er wird in seiner pastoralen Ausrichtung sicher einen neuen Ton finden. Aber wie gesagt, ich habe nur das Gefühl, er ist mutig, er ist offen, er hat klare Ideen, aber wir müssen jetzt sehen, wie er sie umsetzt und was er genau sagt, denn ich kenne ihn jetzt so genau auch nicht.

Brink: Aber Sie gehörten ja – Sie haben es erwähnt – zu den sechs deutschen Papstwählern im Konklave. Und mehrfach wurde ja schon angedeutet, man habe sich sehr schnell auf ihn geeinigt. Heißt das denn auch, dass die Kirche sich einig war in ihm?

Marx: Offensichtlich, also ich habe gespürt, dass hier eine Bewegung im Gange ist – also ich denke als gläubiger Mensch, dass hier der Heilige Geist seine Finger im Spiel hatte. Das haben wir gespürt, dass hier eine Bewegung da ist, die eben vorher, in den Wochen vorher, wo vielleicht der eine oder andere Gedanke da war, wer wird den Papst werden, nicht da war, und deswegen glaube ich ganz fest daran, dass die Kardinäle hier mitwirken durften an etwas, was Gott selber in Gang gebracht hat. Ich habe es sogar so formuliert, das Volk Gottes betet, die Kardinäle wählen und der Liebe Gott entscheidet.

Brink: Und was ist dann die vordringlichste Aufgabe des Papstes?

Marx: Zunächst einmal glaube ich, es ist wichtig, auch – ich will es mal menschlich ausdrücken – das Bild der Kirche etwas positiv wieder ins Blickfeld zu rücken. Wir haben ja doch nicht so ganz leichte Jahre – etwa in Deutschland, aber auch in anderen Ländern – hinter uns, und da ist es wichtig, ins Zentrum der Botschaft hineinzuschauen. Das hat er in den ersten Tagen auch in seiner einfachen, schlichten Art schon getan: Christus in den Mittelpunkt stellen, was ist eigentlich die Aufgabe der Kirche, das Evangelium für die Armen, die sozialen Gerechtigkeit, aber eben ganz im Zentrum Christus, das Evangelium. Das ist, glaube ich, ganz gut. Dann brauche wir natürlich eine Diskussion darüber, wie geht eigentlich Weltkirche, wie läuft das. Es ist ja eine unvergleichliche Gemeinschaft, die weltweit verbunden ist, aber kulturell doch sehr unterschiedlich: von Indien bis nach New York, von Berlin bis nach Südafrika, und so weiter. Wie kann man hier eine Gemeinschaft organisieren, zusammenführen, die ein Zentrum in Rom hat, ja, aber die auch Vielfalt ermöglicht und auch Vielfalt will? Und das Dritte ist natürlich schon eine Reform, eine Erneuerung der Kurie, da ist in den letzten Jahren doch einiges so gelaufen, dass wir nicht ganz zufrieden sind. Mehr möchte ich dazu eigentlich nicht sagen.

Brink: Doch, da möchte ich trotzdem noch mal nachhaken.

Marx: Ja?

Brink: Denn die Kurie und auch die Vatikanbank stehen ja sehr massiv in der Kritik. Der Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki sagte: Ich denke, dass er versuchen wird, auch in der Kurie einen neuen Stil hineinzubringen. Wird er die jesuitische Schule, also straffe Führung, in Rom durchsetzen?

Marx: Wir müssen das abwarten, aber wir haben ja in den Wochen oder in den Tagen vor dem Konklave sehr intensiv gesprochen, und da war er ja dabei. Wir wussten, der neue Papst ist unter uns, wir wissen nur noch nicht, wer es ist. Und da sind alle Punkte angesprochen worden, sowohl die großen Herausforderungen der Evangelisierung, aber auch der Kurienreform, bis hin zur Bank, zu den finanziellen Problemen oder anderen Vorwürfen, die da im Raum stehen – all das ist angesprochen worden, und ich bin überzeugt, das wird er anpacken. Aber das geht nicht von heute auf morgen, Schritt für Schritt wird er da vorangehen, davon bin ich ganz tief überzeugt – und das ist ja auch notwendig, absolut.

Brink: Vielleicht wagen Sie mit mir mal einen ketzerischen Gedanken: Müsste nicht einer, der sich Franziskus nennt und eine arme Kirche predigt, eine Institution wie die Vatikanbank, durch die ja auch nachweislich schmutziges Geld floss, einfach auflösen?

Marx: Er wird das genau anschauen, ich sage, eine Bank ist an sich ja nicht ein unsittliches Unternehmen, das würde ich jetzt nicht sagen. Aber es ist die Frage, wie sie organisiert wird und was man mit dem Geld macht. Man kann auch vieles mit dem Geld für die Armen machen, das muss man tun, aber es muss sauberes Geld sein, und es muss in guter Weise transparent nachprüfbar verwaltet werden, nach Kriterien, die auch ethischen Überprüfungen standhalten. Das gilt für den ganzen Finanzmarkt – das habe ich auch immer wieder in meinen Äußerungen gesagt, aber das gilt erst recht dann für kirchliche Unternehmen, die es ja auch gibt. Aber deswegen würde ich sagen, muss man nicht unbedingt hier eine Bank abschaffen. Vielleicht ist es tatsächlich hilfreich, sich davon zu trennen, das kann ich jetzt noch nicht beurteilen, ich habe die Unterlagen nicht, aber das Entscheidende ist Transparenz, Nachprüfbarkeit, ethische Kriterien, und das muss er in Gang bringen.

Brink: Viele Katholiken, auch hier in Deutschland, beschäftigen ja noch ganz andere Fragen, wie geht der neue Papst mit den Geschiedenen um, dem Zölibat, der Rolle der Frauen, Verhütung, Stellung von Homosexuellen? Wird sich da etwas bewegen, was denken Sie?

Marx: Ja, ein Papst erfindet die Kirche nicht neu, und das, was der Vorgänger gesagt hat, was die Bischöfe bei uns sagen oder weltweit sagen, liegt ja auch vor. Da gibt es, glaube ich, nicht jetzt die Erwartung, zu sagen, er fängt mit einer neuen Lehre an oder wird das ganz anders sagen. Das glaube ich nicht, es wird sich da an den grundsätzlichen Überzeugungen der Kirche, auch im Bereich der Moral, wird sich nichts ändern.

Brink: Also er wird bei der Tradition verhaftet bleiben, die auch Benedikt XVI. hatte?

Marx: Die wir alle haben, das ist ja nichts Neues. Der Papst ist ja nicht die Kirche, sondern er ist ja eingebettet. Aber es wird sicher auch manche Veränderungen geben, es gibt ja nicht nur eine starre Lehre, es gibt etwa im Bereich, im Blick auf die Homosexualität sprechen wir sicher heute anders als vor 100 Jahren, das denke ich schon, hoffentlich.

Brink: Sie haben ja selber mal gesagt, der Zölibat ist eine prekäre Lebensform?

Marx: Ja, wie die Ehe, die unauflösliche Ehe auch eine Lebensform ist, die herausfordernd ist und wo man sich sehr viel Mühe geben muss, und wo man sehr viel Kultur der Liebe und des Vergebens und der Verzeihung braucht, bei der Ehe, und das braucht man eigentlich beim Zölibat auch, ein gutes geistliches Fundament. Es ist eine herausfordernde Lebensform, und deswegen, glaube ich, ist sie immer auch gefährdet, aber das heißt nicht, dass sie unmöglich ist.

Brink: Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising – gleich dabei bei der Krönungsmesse. Schönen Dank, dass Sie noch die Zeit gefunden haben für das Gespräch mit uns!

Marx: Alles Gute!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Große Feier für Papst Franziskus

Interview

Kraft des LachensHumor trotz(t) Demenz?
Der ehemalige Journalist Ulrich Fey arbeitet heute als Clown in Seniorenheimen. (picture alliance / dpa / Foto: Roland Holschneider)

Humor im Umgang mit Demenz lohnt sich – für Pflegende wie Erkrankte, sagt der Gerontopsychiater Rolf-Dieter Hirsch. Peinlichkeiten oder Aggressivität lassen sich entschärfen. Und Lachen muss kein Auslachen sein.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur