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Päckchen per Dreirad

Ökologischer Frachtverkehr in Paris

Von Bettina Kaps

In der Innenstadt von Paris ist für Autos und LKWs in der Regel kein Durchkommen.
In der Innenstadt von Paris ist für Autos und LKWs in der Regel kein Durchkommen. (AP)

Täglich frische Waren liefern nach Paris? Das ist keine einfache Aufgabe, denn die Straßen rund um die Hauptstadt sind ständig verstopft. Eine große Supermarktkette setzt jetzt auf eine Alternative: Zuerst per Schiff und dann per Fahrrad werden die Waren in die Innenstadt-Läden transportiert.

Acht Uhr früh in Paris im Hafen von Tolbiac, nahe der Pariser Nationalbibliothek. Auf dem Kai, neben ein paar Silos, lagern große Säcke mit Sand und Kies. Baumaterialien, wie sie schon immer auf der Seine transportiert werden. Aber neuerdings ist im Hafen auch ein flacher Frachtkahn mit dem Namen Vokoli vertäut. Daneben parkt ein Lastwagen voller Pakete. Der Fahrer lädt sie aus und hievt die Fracht mit einem Kran ins Schiff.

"Es sind Büroartikel. Viele Firmen, aber auch Einzelpersonen beziehen ihr Material. Wir tragen einen Teil der Waren in Paris aus."

"Vert chez Vous" steht auf der Bordwand, auf Deutsch: "Grün kommt zu euch", so heißt die Firma, die dieses Schiff gepachtet hat. Etwa 2500 Kartons stapeln sich jetzt an Bord des Kahns. Der Kapitän schwenkt den Kran ein, dreht am Ruder, legt ab.

"Wasserstraßen sind die ältesten und die sinnvollsten Verkehrswege. Vor allem in einer Stadt wie Paris, die jeden Morgen völlig verstopft ist. Wir Kapitäne können garantieren, dass die Waren pünktlich ankommen. Schauen Sie auf der Brücke vor uns. Die Lastwagen stecken fest. Sie verschmutzen die Luft viel mehr als wir, außerdem verbreiten sie Lärm und visuell sind sie auch eine Plage. Das Schiff schneidet in allem besser ab."

Ein Mann mit jungenhaftem Lachen kommt in die Kabine. Gilles Manuelle hat die Transportfirma "Vert chez Vous" gegründet, der 37-Jährige will beobachten, wie der Transport verläuft. Er schaut aufs Ufer, wo jetzt das Pariser Wirtschafts- und Finanzministerium vorbeizugleiten scheint. Das brückenartige Gebäude sieht aus, als stünde es mit zwei Füßen im Wasser. In Paris, sagt Manuelle, gibt es kaum noch Lieferzonen und Logistikzentren, weil Grund und Boden so teuer geworden sind.

"Heutzutage muss ein Lieferant 10 oder 15 Kilometer außerhalb von Paris einladen. Die Fahrer verlieren bis zu anderthalb Stunden, um überhaupt ins Zentrum zu kommen. Wir haben eine Alternative gesucht, die ökologisch und effizient ist. Wir vermeiden die Staus, dadurch sind wir konkurrenzfähig. Der Transport per Schiff ist zwar teuer, aber diese Kosten kompensieren wir völlig durch unsere Organisation."

Der Unternehmer kombiniert das Schiff mit dem Fahrrad - auch das eine originelle Lösung. Aber für so enge Stadtzentren wie das von Paris sei es das am besten geeignete Verkehrsmittel überhaupt, sagt Gilles Manuelle.

"Ein Lastwagen in Paris transportiert im Durchschnitt nicht mehr als 100 Kilogramm Ware. Das ist ein Irrwitz, nicht nur ökologisch betrachtet. Es macht auch ökonomisch absolut keinen Sinn, einen anderthalb Tonnen schweren LKW mit nur 100 Kilo zu beladen. Bei Lieferungen im Nahbereich ist ein Fahrrad viel leistungsfähiger."

Und deshalb parken im Bauch des Schiffes "Vokoli" ein Dutzend Lieferfahrräder: Genauer gesagt: Dreiräder mit Elektroantrieb, auf deren Hinterachse ein zwei Meter hoher Transportkasten montiert ist. An den Wänden des Schiffes sind Metallregale aufgereiht. Jede Stellage ist einem der 20 Arrondissements der Stadt zugeordnet.

Der Kahn macht jetzt am Quai Henri 4 fest, vor dem Bug ist Notre Dame zu sehen. Hier steigen fünf Lieferanten der Firma an Bord. Einer von ihnen ist Loic, ein schlaksiger Kerl mit langem braunen Pferdeschwanz. Der 24-Jährige studiert die Lieferzettel, sortiert die Pakete, bepackt sein Fahrrad.

"Heute transportiere ich neben dem Büromaterial auch Medikamente für Apotheken und Kosmetika der Firma Dr. Hauschka. Die Kartons liefere ich im fünften, sechsten und siebten Arrondissement aus, also am linken Seineufer von Paris."

Loic schiebt sein Fahrrad in einen Metallkäfig, der Ladekran hebt es an Land. Loic radelt über die Austerlitz-Brücke, fährt am Jardin des Plantes entlang, nimmt eine Einbahnstraße gegen die Fahrtrichtung, die für Fahrräder erlaubt ist. In wenigen Minuten erreicht er die Rue Mouffetard, eine Fußgängerstraße mit vielen Marktständen. Alle Halteplätze in der Nähe sind besetzt, aber Loic genügt eine Lücke zwischen zwei parkenden Autos. Er stellt das Fahrrad ab, holt eine Lieferkarre aus dem Stauraum, legt zwei Kartons hinauf. Der junge Mann hat ein besonderes Interesse an seiner Arbeit.

"Ich habe Transportwesen studiert und dabei untersucht, wie man den Lieferverkehr in Städten verbessern kann. Mit dem Rad können wir viele Strecken abkürzen und auch viel näher am Kunden parken. Außerdem hält mich das Radfahren in Form."

Loic schätzt, dass er und seine 20 Kollegen mit ihren Transporträdern etwa 25 Kleinlaster pro Tag ersetzen. Der junge Mann geht in einen Weinladen, dort liefert er einen Karton mit Verpackungsmaterial ab. Die Besitzerin unterzeichnet den Lieferschein. Natürlich wisse sie, sagt sie, wie die Ware zu ihr kommt.

"Na, wie denn wohl? Nicht zu Fuß und nicht zu Pferd. Mit dem Auto natürlich! Ist doch logisch!"
"Nein, ich komme per Fahrrad, schauen Sie, da vorne steht es."
"Wirklich? Ja das ist eine Überraschung!"

Loic steigt wieder aufs Fahrrad. Und Gilles Manuelle, der Erfinder des Transportmodells Schiff-Fahrrad, expandiert. Noch im Dezember will er Toulouse mit einem Frachtschiff auf der Garonne beliefern und ab März die Innenstadt von Lyon.

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