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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 04.01.2007

"Organhandel ist eine Perversion"

Transplantations-Mediziner ist gegen eine Ökonomisierung des Körpers

Moderation: Liane von Billerbeck

Nagel plädiert für eine Widerspruchsregelung, bei der jeder Mensch als Organspender verbucht sei.  (AP)
Nagel plädiert für eine Widerspruchsregelung, bei der jeder Mensch als Organspender verbucht sei. (AP)

Forderungen nach einem regulierten Markt für Organhandel hat Eckart Nagel, Leiter des Transplantationszentrums Augsburg und Vize-Vorsitzender des Nationalen Ethikrates, scharf kritisiert. In Deutschland sei noch keine Situation entstanden, in der ein Mensch sein Organ aus wirtschaftlicher Not habe verkaufen müssen.

Von Billerbeck: Wir sprechen jetzt mit Prof. Eckart Nagel. Er ist Transplantationsmediziner auch an der Universität Bayreuth und zudem stellvertretender Vorsitzender des Nationalen Ethikrates. Müssen wir, wie Oberender es vorschlägt, nach Methoden suchen, um an mehr Spenderorgane zu kommen?

Nagel: Es ist ja ohne Fragen, dass wir nach Methoden oder besser Wegen suchen müssen, wie wir mehr Organe realisieren können in unserem Land. Wir haben gerade wieder ein Jahr hinter uns, in dem es uns nicht gelungen ist, potentiell mehr Organe in unserem Land zu spenden beziehungsweise mehr Organe zu gewinnen, muss man wohl sagen, und das tun wir nun seit zehn Jahren. Zehn Jahre wird 2007 das Transplantationsgesetz alt, und dieses Transplantationsgesetz sollte genau das versuchen, es sollte eine Rechtssicherheit geben für diesen Bereich in unserem Land und gleichzeitig eben den damals schon 1997 beklagenswerten Organmangel verbessern. Das hat es nicht getan, also insofern hat Peter Oberender völlig Recht, wenn er sagt, wir brauchen neue Wege.

Von Billerbeck: Aber es klingt so, als ob Sie diese Wege, die Oberender vorschlägt, nicht akzeptieren wollen.

Nagel: Also ich finde den Weg von Peter Oberender, so wie er ihn vorschlägt, mit dem regulierten Markt völlig absurd, und glaube auch, dass es ein Zeichen für eine Verödung unseres Geistes ist, wenn man glaubt, man müsse alles mit der Ökonomie regeln. Ich sage das so scharf und so deutlich, weil ich glaube, dass die Problematik der Organspende von kommerziellen Gesichtspunkten völlig klar getrennt werden muss. Ich denke auch, dass Peter Oberender irrt an dem Punkt, wo er glaubt, dass das Transplantationsgesetz schuld daran sei, dass nicht ausreichend Organe gespendet würden. Es sind sicherlich sehr vielfältige Gründe, die können lang und detailliert erörtert werden, warum das so ist, warum das auch weltweit ein Problem ist, aber ich glaube nicht, dass wir mit der weiteren Ökonomisierung unseres Lebens und damit auch unseres Körpers dazu beitragen werden, dass dieses Problem grundsätzlich so gelöst werden kann, dass wir es auf der einen Seite ethisch vertreten und auf der anderen Seite damit auch noch leben wollen.

Von Billerbeck: Welche Alternativen zur Legalisierung des Organhandels gibt es denn angesichts dieser vielen Menschen, die auf Wartelisten stehen und vergeblich auf ein Spenderorgan hoffen?

Nagel: Also ich glaube, es ist nochmal ganz wichtig zu sagen, dass der Organhandel in sich eine Perversion ist, etwas, was eigentlich nicht stattfinden dürfte, und wogegen sich die Transplantationsmediziner ganz eindeutig gewendet haben. Es ist uns gelungen in Deutschland auch lange Jahre ohne ein Gesetz die Organtransplantation zu entwickeln, und ich glaube, dass wir stolz darauf sein können, dass in diesem Land noch nicht einmal eine Situation entstanden ist, wo tatsächlich jemand sein Organ verkaufen musste und wir sozusagen aus der wirtschaftlichen Not eines Menschen einen Vorteil für einen anderen gewonnen haben. Das widerspricht grundsätzlich unseren Vertragsbedingungen, unseren ethischen Grundlagen für das gemeinsame Zusammenleben. Andere Wege, die begangen werden können, sich ja auch schon genannt worden in Ihrem Bericht, zum Beispiel die Frage der Widerspruchslösung, das ist eine andere gesetzliche Regelung. Dagegen hatte man sich nach einer langjährigen Diskussion 1997 in Deutschland entschieden, man hat gesagt, wir nehmen eine andere, eine Zustimmungslösung, um die individuelle Freiheit eines jeden Einzelnen zu gewährleisten. Ich persönlich war damals auch sehr dafür, für diese Lösung, und muss feststellen, dass die Hoffnung, die ich damit verbunden habe, nämlich dass sich Menschen, jeder Einzelne von uns Gedanken dazu macht und einen Organspenderausweis zu sich nimmt, und zwar nicht immer im Sinne von positiv, sondern man kann im Organspenderausweis ja auch sagen, ich bin dagegen, dass das eine deutliche Verbesserung hätte bringen können, weil, wenn Sie Umfragen machen, ja 80 Prozent unserer Bevölkerung für Organspenden sind.

Von Billerbeck: Ja, bloß konkret sind es dann eben sehr viel weniger. Also ich habe gerade eine Zahl gelesen, da ist im ersten Halbjahr 2006, davon gibt es also nur Zahlen, haben 627 Menschen nach ihrem Tod deutschlandweit ihre Organe gespendet. Das sind exakt ganze 17 mehr als im Vorjahr 2005, und das bei einem Volk von 80 Millionen, das ist natürlich sehr wenig.

Nagel: Das muss man sagen, man muss feststellen, dass wir in Deutschland deutlich hinter Zahlen in Spanien, Österreich, aber auch in den Vereinigten Staaten liegen, und da ist eben, glaube ich, der Ansatzpunkt zu suchen. Die Widerspruchslösung, die in den Ländern existiert, in denen die meisten Organspenden realisiert werden, scheint offensichtlich gesamtgesellschaftlich die einzige Form zu sein, um hier die Menschen zu motivieren, weil wir einen offensichtlichen Widerstand dagegen haben, uns mit der Frage eines freiwilligen Organspenderausweises auseinanderzusetzen. Wenn der Gesetzgeber es dann regelt, das heißt unsere Gemeinschaft es so regelt, dass wir alle potentielle Organspender sind, und dann am Ende aber, wenn wir das nicht möchten, was ja durchaus sein kann, das im Rahmen eines Ausweises kenntlich machen müssten, dann wäre meines Erachtens schon relativ viel gewonnen.

Von Billerbeck: Das Problem, an das Peter Oberender ja auch erinnert hat, ist ja dadurch, jedenfalls bis dahin, wenn es denn zu einer Widerspruchslösung in Deutschland kommt, nicht gelöst, nämlich dass es anderswo, in Rumänien oder Indien, einen grauen Markt für solche Organe gibt, und da sterben eben sehr viele Leute dran, weil zum Teil die Organe unter unsäglichen Bedingungen entnommen werden. Wie kann man dem Herr werden, also was ist da Ihre Antwort, was ist Ihre Alternative?

Nagel: Also ich glaube, das ist natürlich unfraglich ein Problem, dass Sie jede Technologie missbrauchen können. Der Organhandel ist ein solcher Missbrauch, eine, wie gesagt, Perversion dessen, was eigentlich mit der Organspende und mit der Organtransplantation erreicht werden soll, nämlich Leben zu retten und Leben zu verbessern. Dass wir diese Situation haben, ist eine wirklich tragische und traurige Problematik. Sie ist weltweit verboten. Die Weltgesundheitsorganisation, aber auch die UNO haben Organhandel als illegal gebrandmarkt, es gibt kein einziges Land in Europa beziehungsweise in der Welt überhaupt, das Organhandel legalisiert hätte, und wir müssen feststellen, dass eben mittlerweile Organhandel doch umfänglich stattfindet. Was man dagegen tun kann, ist eigentlich nur, dass die Organspende in den Ländern, in denen eben viel transplantiert wird, insgesamt deutlich verbessert wird, das heißt, wir alle, jeder Einzelne von uns, indem er sich positiv zur Organspende stellt, kann etwas gegen diesen Missbrauch tun. Anders wird es uns nicht gelingen und sicherlich nicht darüber, dass wir das mit finanziellen Mitteln regeln.

Von Billerbeck: Auf die Vorschläge des Volkswirtschaftlers Prof. Peter Oberender, der einen Markt für Organspenden schaffen und regeln will, antwortete der Bayreuther Transplantationsmediziner Prof. Eckart Nagel. Ich danke Ihnen!

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