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Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.05.2012

Ordnung und Orientierung

"Rasterfahndung" im Kunstmuseum Stuttgart

Von Johannes Halder

In bester Ordnung: Die Ausstellung "Rasterfahndung" im Kunstmuseum Stuttgart
In bester Ordnung: Die Ausstellung "Rasterfahndung" im Kunstmuseum Stuttgart (Johannes Halder)

Das Raster bestimmt wie keine andere Struktur die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Das Kunstmuseum Stuttgart begibt sich mit über 200 Werken von 50 Künstlern auf die Spuren der Struktur und entdeckt das gestalterische Potenzial des Rasters in der Kunst seit 1945.

Das nennt man Künstlerpech: Da malt einer seit Jahrzehnten fast nichts anderes als blaue Kacheln, überzieht seine Leinwände mit penibel konstruierten geometrischen Gefügen, nimmt erfolgreich an der "documenta" teil – und dann das: in dieser Schau ist er nicht dabei, durchs Raster gefallen.

Der Maler Hans Peter Reuter, dem das hier widerfährt, mag sich trösten: Sein populärer Kollege Victor Vasarely, der dem Raster-Prinzip noch viel besessener gehuldigt hat, ist auch nicht mit von der Partie.

Simone Schimpf, die Kuratorin dieser Schau, hat kein Problem damit. Denn das Raster, sagt sie, sei ein so uferloses Thema in der Kunst, dass sie eine radikale Auswahl treffen musste. Und sie wundert sich, dass das Raster, obwohl allgegenwärtig, bisher noch nie Thema einer Ausstellung war.

"Es ist überraschend. Es gibt auch nicht viel Literatur dazu. Ich denke, es liegt an der Flut des Rasters. Man muss sich da erst mal durchkämpfen: welche Künstler nimmt man denn, wie setzt man an, wie strukturiert man es, weil es wirklich keinen Anfang und kein Ende findet."

Das Ergebnis der Recherche lässt sich in vier Kapiteln besichtigen. "Ins Raster passen" heißt das erste, und dass das Erbe Mondrians gerade in der Nachkriegszeit so eifrig fortgeführt wird, ist sicherlich kein Zufall. Denn das Raster hat seinen Reiz ja zunächst darin, dass es Ordnung schafft und Orientierung bietet, dass es mit der Logik seiner Linien eine scheinbar rationale Erfassung der Welt garantiert und das Prinzip von Schönheit und Ordnung in reinster Form zur Anschauung bringt.

Das ist oft pure Spielerei, etwa wenn Carl Andre Metallplatten schachbrettartig auf dem Boden ordnet und so mit minimalen Mitteln die Eigenart des Materials betont, wenn Gerhard Richter über 1000 farbige Quadrate nach dem Losprinzip auf der Fläche verteilt oder wenn die Künstler der so genannten Op Art mit raffinierten Effekten die Netzhaut reizen. Doch das Raster ist stets mehr als reine Form.

"Es ist das moderne System überhaupt von Bürokratie. Es ist etwas, was uns in der Architektur begegnet, es ist etwas, was Moderne ja auszeichnet, dass wir eine Rasterstruktur haben. Und ich könnte mir schon vorstellen, dass es etwas mit einer Weltanschauung auch zu tun hat, eine Sehnsucht danach, etwas in ein System zu packen und einen Zusammenhalt zu kriegen und eben auch Strukturen, die uns begegnen, in ein Raster zu pressen."

Eine eigene Sektion widmet sich dem medialen Raster, wie wir es aus der Drucktechnik kennen. Roy Lichtenstein hat diese Rasterpunkte in der Pop Art groß gemacht, und einer wie Sigmar Polke entlarvt damit ironisch die Bildmuster der Massenmedien.

Und dann gibt es, neben all den sturen Kästchenmalern und fleißigen Pixelkünstlern, auch die Störer des Systems, die ihre Werke aus der Erfahrung schöpfen, dass eine auf rationale Perfektion getrimmte Gesellschaft auch extrem verletzbar ist. Sie spielen die Ordnung dialektisch gegen das Chaos aus und sorgen für Verunsicherung.

Da gibt es einen Raum, in dem in regelmäßigen Abständen Schnüre mit roten Kugeln von der Decke hängen, die den Raum von Wand zu Wand, von der Decke bis zum Boden, wie ein Koordinatennetz definieren. Doch wer den Raum betritt und sich darin bewegt, verliert den optischen Halt und gerät ins Schwanken wie in einem Spiegelkabinett.

Gerade solche Erfahrungen machen die Ausstellung interessant: Für mathematische Tüftler und obsessive Analysten, für pure Ästheten und kritische Gemüter – die Schau ist alles andere als langweilig oder kleinkariert.

"Dazu ist das Raster viel zu vielfältig, und jeder Künstler hat eine neue Lösung dafür gefunden."

Die "Rasterfahndung" schließlich, das vierte Kapitel, befasst sich mit gesellschaftlichen Ordnungsmustern, Überwachungssystemen und Methoden der Gängelung. Der stählerne Gitterkubus der libanesischen Künstlerin Mona Hatoum ist eben nicht nur eine zweckfreie geometrische Konstruktion, sondern wird unweigerlich als Käfig und Gefängnis gedeutet. Und wenn die Amerikanerin Sarah Morris aus den gerasterten Fassaden von Büro- und Bankgebäuden so etwas wie eine Logik der Macht abstrahiert, hat auch das eine deutlich politische Intention.

Wie sehr unsere Gesellschaft in Rastern gefangen ist, zeigt auch die Klangkünstlerin Christina Kubisch, indem sie die elektromagnetischen Wellen, wie sie etwa von Sicherheitsschleusen an Flughäfen abgegeben werden, hörbar macht.

"Das nimmt sie auf mit ganz besonderen Mikrophonen, setzt das eben um und macht daraus eigene Klangcollagen, und macht daraus das unsichtbare Raster der Stadt sichtbar, das uns eben auch umgibt: Ein Raster aus elektromagnetischen Schwingungen."

Schöne Töne sind das nicht. Aber die Vorstellung, von solch unsichtbaren Spionen auf Schritt und Tritt verfolgt und kontrolliert zu werden, ist ja auch ein recht beklemmendes Gefühl: Ein Alarmsignal dafür, dass wir im Alltag schon längst die Geiseln eines digitalen Netzwerks sind.


"Rasterfahndung – Das Raster in der Kunst seit 1945"
Die Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart ist bis zum 7.10.2012 zu sehen. Ein Katalog erscheint Ende Mai.