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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 29.09.2008

Opfer ohne Wirkung

Vor 70 Jahren wurde das Münchner Abkommen unterzeichnet

Von Rolf Wiggershaus

Die Tschechoslowakei war durch das Münchner Abkommen mit Hitler zum Untergang auf Raten verurteilt.  (AP)
Die Tschechoslowakei war durch das Münchner Abkommen mit Hitler zum Untergang auf Raten verurteilt. (AP)

Wer heute von Appeasement spricht, meint damit in der Regel eine Politik ständigen Nachgebens gegenüber einem aggressiven, insbesondere einem totalitären Staat. Als warnendes historisches Beispiel für die Verfehltheit einer solchen Politik gilt das Münchner Abkommen vom 29. September 1938: Die Übergabe des Sudetenlandes an das Deutsche Reich hat den Krieg nicht vermieden, sondern nur aufgeschoben.

Nach ihrer Machtübernahme 1933 konnte die nationalsozialistische Führung in Deutschland eine Reihe außenpolitischer Erfolge verbuchen, so die Wiederbesetzung des Rheinlandes 1936 und den Anschluss Österreichs im März 1938. Tempo und Stil dieser Aktionen machten sie zu Triumphen ohne Blutvergießen, die dem Prestige und der Popularität Hitlers zugute kamen. Ermöglicht wurden solche Coups durch die Ausnutzung der Schwäche und Gespaltenheit der Westmächte, die nicht anders als Deutschland mit den Folgen des Ersten Weltkriegs fertig werden mussten.

Die revisionistischen Erwartungen nationalistischer Kreise schienen erfüllt. Was konnte Hitler nach dem Anschluss Österreichs noch wollen, ohne die Provokation der Westmächte zu weit zu treiben? Wie ein Keil ragte nun ins Deutsche Reich die Tschechoslowakei - ein nach dem Ersten Weltkrieg aus der Zerfallsmasse des Habsburgerreichs neu geschaffener Vielvölkerstaat, in dessen Grenzgebieten als größte Minderheit des Landes Sudetendeutsche lebten. Auch die wollte Hitler noch "heim ins Reich holen". So jedenfalls lautete die Propaganda, verbunden mit einem Trommelfeuer an Klagen über die Unterdrückung der Deutschen durch die Tschechen.

"Und es steht nun vor uns das letzte Problem, das gelöst werden muss und gelöst werden wird. Es ist die letzte territoriale Forderung, die ich in Europa zu stellen habe, aber es ist die Forderung, von der ich nicht ... "
(Das Weitere geht in frenetischem Gebrüll unter.)

In seiner Rede am 26. September 1938 im Berliner Sportpalast bekräftigte Hitler vor ca. 20.000 Parteianhängern seine Forderung nach sofortigem Anschluss der sudetendeutschen Gebiete. Der Krieg schien unabwendbar.

Bei vorangegangenen Treffen hatte der britische Premierminister Neville Chamberlain zwar Hitler zuletzt bis auf zeitliche und formelle Modalitäten alles zugestanden, was der forderte, doch zuhause im britischen Kabinett war er damit auf Widerstand gestoßen. Die Tschechen zu zwingen, sich wie von Hitler gefordert bis zum 28. September aus den sudetendeutschen Gebieten zurückzuziehen und sie am 1. Oktober von Deutschen besetzen zu lassen - das komme der völligen Kapitulation vor einem siegreichen Kriegsherren gleich, hieß es.

Im letzten Augenblick verhindert wurde der Krieg durch das Eingreifen Mussolinis - veranlasst von Hermann Göring, nach dessen Überzeugung Deutschland für einen Krieg noch nicht genügend gerüstet war. Die Intervention des "Duce" erlaubte es dem deutschen "Führer", sich ohne Gesichtsverlust doch noch mit einer Verhandlungslösung zufriedenzugeben.

Der Vier-Mächte-Gipfel in München mit Hitler, Mussolini, Chamberlain und dem französischen Ministerpräsidenten Daladier endete in der Nacht vom 29. auf den 30. September mit der Unterzeichnung eines Abkommens, in dem Hitlers Forderungen bis auf unbedeutende Abweichungen festgeschrieben wurden. Dabei waren weder Vertreter der Tschechoslowakei noch der Sowjetunion anwesend. Zurück in London verkündete Chamberlain auf dem Flughafen:

"Heute morgen hatte ich eine weitere Besprechung mit dem Kanzler, Herrn Hitler. Wir sehen das gestern Abend unterzeichnete Abkommen und das deutsch-englische Flottenabkommen als symbolisch für den Wunsch unserer beiden Völker an, niemals wieder Krieg gegeneinander zu führen."

Für einen Moment war Chamberlain der Held des Tages. Sowohl in München als auch zuhause in London jubelten ihm die Menschen als Retter des Friedens zu. Auch Hitler wurde in Berlin von der Bevölkerung wegen des Münchner Abkommens als Bewahrer eines Friedens gefeiert, den er gar nicht gewollt hatte.

Um welchen Preis dieser Frieden von den Westmächten erkauft war, wurde schon bald deutlich. Die Tschechoslowakei war durch das Münchner Abkommen zum Untergang auf Raten verurteilt. Ein weiterer Triumph ohne Blutvergießen hatte den im Entstehen begriffenen inneren und äußeren Widerstand gegen Hitler geschwächt. Dessen expansionistisches Risikospiel ging weiter. Entschlossen, sich nicht noch einmal durch diplomatische Manöver der Westmächte aufhalten zu lassen, meinte er im August 1939 vor dem Überfall auf Polen in einer Ansprache vor Oberbefehlshabern der Wehrmacht:

"Unsere Gegner sind kleine Würmchen. Ich sah sie in München ..."

Aus dem ursprünglich anerkennend gemeinten Begriff "Appeasementpolitik" war da inzwischen ein Negativ-Begriff geworden, der zum Stichwort für ein schwieriges und immer wiederkehrendes Problem wurde: Wie geht man mit einem Aggressor um, der eine exzessive Konfliktbereitschaft an den Tag legt?

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