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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 26.03.2012

Operation Schutzschild

Zehn Jahre nach dem Massaker von Dschenin

Von Torsten Teichmann

Das Flüchtlingslager in Dschenin steht wieder. (ARD / Torsten Teichmann)
Das Flüchtlingslager in Dschenin steht wieder. (ARD / Torsten Teichmann)

Es ist fast genau zehn Jahre her, dass die israelische Armee nach Dschenin einrückte, die Kleinstadt im Norden des Westjordanlands. Israelische Panzer rissen auch Teile des Flüchlingslagers ab. Die Häuser sind heute wieder aufgebaut. Doch die Bewohner sind immer noch auf jede Form von Hilfe angewiesen.

Dschenins Aufschwung beginnt in einem Haus kurz vor der Grenzlinie zu Israel. Nähmaschinen rattern in der großen Halle, Dampfbügeleisen zischen. 50 Näherinnen fügen weiße Stoffteile zu T-Shirts zusammen. Wassim Amer sitzt mit dem Rücken zur Betriebshalle in einem kleinen Büro. Neben ihm hängen auf alten Bügeln aktuelle Modelle aus der Kollektion. Streng genommen ist der 53-jährige Manager eines Sweat-Shops:

"Das ist eine Textilfabrik. Wir sind genau an der Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland. Es ist der nördlichste Punkt des palästinensischen Gebiets. Vom Checkpoint sind wir nur 200 Meter entfernt."


Im Sweat-Shop werden Shirts für eine israelische Marke hergestellt. (ARD / Torsten Teichmann)Im Sweat-Shop werden Shirts für eine israelische Marke hergestellt. (ARD / Torsten Teichmann)Unternehmen für Kleidung und Schuhe, Baumärkte und Autowerkstätten seien der Motor der wirtschaftlichen Erholung, sagt Hisham Massad, der mit in die Textilfabrik gekommen ist. Hisham ist Chef der Wirtschaftskammer. Er wirbt unaufhörlich für die palästinensische Kleinstadt. Hisham erzählt voller Stolz, dass Firmen nach Dschenin zurückkehren. 200 Unternehmensgründungen habe die Kammer im vergangenen Jahr gezählt. Die Stadt erlebe einen Bauboom.

Auf der anderen Seite gibt es Dinge, die nicht funktionieren. Der Industriepark im Norden der Stadt ist immer noch eine grüne Wiese. Das Projekt hatte zuletzt der Sondergesandte des Nahost-Quartetts, Tony Blair, den Palästinensern versprochen - die dringend Jobs brauchen. Aber die Idee dazu sei schon viel älter, sagt Hisham Massad

"Es gibt ein Mitglied der Wirtschaftskammer, der sagt, schon als er acht Jahre alt war, wurde über das Industriegebiet geredet. Jetzt ist er 40 Jahre alt und es gibt das Gebiet immer noch nicht. Manchmal heißt es, es sei ein Problem der internationalen Geldgeber, manchmal ein palästinensisches. Israel gibt keine Erlaubnis. Und so wird es mal um mal verschoben."

Auch in der Innenstadt von Dschenin entsteht der Eindruck, der Ort sei sehr stark auf die israelische Seite angewiesen. So erlaubt Israel seit fast drei Jahren, dass wieder Autos mit israelischen, also gelben Nummernschildern über den Grenzübergang im Norden fahren dürfen. Damit kehren die sogenannten 48er nach Dschenin zurück - zu Besuchen und zum Einkaufen. Es sind israelische Araber, die während des Unabhängigkeitskrieges 1948 nicht ihre Städte und Häuser verlassen haben und deshalb jetzt in Israel leben. Hisham Massad sagt, am Wochenende kämen bis zu 27.000 Gäste nach Dschenin. Die Händler sind auf den Besuch längst angewiesen. Sie verkaufen ihnen Bettwäsche, Orangen, Tomaten und Kartoffeln, aber auch Kleidung. Nur die T-Shirts aus der Textilfabrik von Wasim Amer gibt es in der Innenstadt nicht zu kaufen. Denn die 130 Angestellten des Sweat-Shops produzieren ausschließlich für eine israelische Kleidungsmarke, für "Honigman".

Ohne den Vertrag mit "Honigman" gäbe es keine Arbeit, sagt Wassim Amer der Manager. Abu Wassim, der Palästinenser, regt sich darüber auf, dass er ausschließlich Waren für die israelische Firma reibungslos durch den Grenzübergang bekommt, aber nichts anderes:

"Heute arbeiten wir immer noch eingeschränkt. Auch wenn es ein großes Potential gibt, um zum Beispiel für die USA und Europa zu produzieren. Aber nach den Verträgen ist das nicht möglich. Alles hier bekommt die Marke 'Made in Israel'. Das ist ungerecht, das ist nicht einmal logisch. Wir stellen alles her und dann darf es nur unter israelischem Namen verkauft werden."

Es sieht so aus, als stelle Israel die Regeln auf, die internationale Gemeinschaft stimme zu und die Palästinenser haben das Gefühl, dass die Bevormundung durch Israel und die Besatzung ihres Gebiets niemals endet.

"Der Rest der Welt behandelt die Palästinenser als seien sie behindert. Sie wollen uns ein Stück Brot geben. Aber so behandelt man nur Tiere, keine Menschen. Wir sprechen über Menschen, die ein anständiges Leben haben wollen. Ausbildung für ihre Kinder, Jobs, ein gutes Leben."


Wer in Dschenin ein wenig an der Oberfläche aus Optimismus und Aufbau kratzt, stößt immer wieder auf eine dunklere Stimmung. Die Stadt hat eine allgegenwärtige Vergangenheit. Und es gibt zu viel Unsicherheit, um unbegrenzt an eine bessere Zukunft zu glauben.

Das Flüchtlingslager von Dschenin ist ein Teil von Dschenins Vergangenheit. Das Viertel westlich des Stadtzentrums heißt seit 1953 allgemein Flüchtlingslager obwohl auch hier Häuser aus Stein stehen. Doch die älteren Bewohner stammen nicht aus Dschenin, sondern zum Beispiel aus Haifa oder Affula. Also Dörfern und Städten, die heute zu Israel gehören. Sie mussten während des israelischen Unabhängigkeitskrieges 1948 fliehen, haben alles verloren, vor allem Grund und Boden. Eyyad Dibieh ist 26 Jahre alt. Er ist in den engen Straßen, die einen Berg hinaufführen, aufgewachsen:

"Wir sind im Flüchtlingslager von Dschenin. Wir gehen durch die Straßen und alle gelben Häuser hier sind neu errichtet worden nach den Ereignissen von 2002. In dem Haus hier wohnen drei Familien. Straßennamen gibt es nicht. Links von uns ist das Al-Hawashin Viertel, das 2002 völlig zerstört worden war."

Im April 2002 rückt die israelische Armee in Dschenin ein. Es ist die Zeit der zweiten Intifada, des Aufstands der Palästinenser gegen die gewaltsame israelische Besatzung ihres Gebiets. Und die Palästinenser tragen die Gewalt seit Ende 2000 in die israelischen Städte. Selbstmordattentäter sprengen sich in Cafes, Hotels und Bushaltestellen in die Luft. Die Zahl der Toten und Verletzten steigt auf beiden Seiten - durch Anschläge der Palästinenser und durch Vergeltung des israelischen Militärs. Die israelische Bevölkerung, die zum Teil gehofft hatte, mit den Friedensverträgen von Oslo seien alle Probleme gelöst, hat Angst und ist verunsichert.

Am 27. März 2002 betritt ein Attentäter das Park Hotel in Netanja. Er geht durch die Lobby zum Essensraum des Hotels. Es ist Pessah und viele Gäste warten vor dem Speisesaal. Der Mann sprengt sich in die Luft, tötet 30 Menschen. Über 140 werden verletzt. Zwei Tage später verkündet die israelische Regierung die Operation Schutzschild, mit dem Ziel, den Aufstand der Palästinenser niederzuschlagen. Israel beruft tausende Reservisten ein. Was folgt ist vollständige, militärische Wiederbesetzung des Westjordanlandes und die Belagerung des palästinensischen Präsidenten Arafat in Ramallah. Ministerpräsident in Israel war damals, Ariel Sharon:

Dschenin gilt in Israel zu diesem Zeitpunkt als Hochburg des Terrors. Die Armee rückt mit gepanzerten Fahrzeugen, Hubschraubern und Bulldozern an. Junge Palästinenser, die sich als Kämpfer bezeichnen, verminen Häuser mit Sprengfallen und teilen sich in kleinere Kampfeinheiten auf. Die israelische Armee ist darauf nicht vorbereitet. Beinahe 11 Tage dauern die Kämpfe - die Zahl der Opfer ist immer noch umstritten. Als gesichert gilt, dass 23 israelische Soldaten und mindestens 52 Palästinenser getötet werden. Teile des Flüchtlingslagers waren am Ende völlig zerstört. Es blieb ein Schutthaufen zurück, erinnert sich Eyyad Dibieh.

"Tag und Nacht Kampfflugzeuge, die Schüsse, der Beschuss der Panzer, die vielen Toten, an die wir nicht rankamen. Dass wir uns ergeben mussten, auch ich als 16-Jähriger, sie haben uns ausgezogen und verhört. Und sie nahmen jeden fest, den sie festnehmen wollten. Und ließen andere wieder frei."

Einer der bewaffneten Palästinenser, der den Kampf um Dschenin überlebt hat, ist Zakaria Zubeidi. Dessen Mutter war Anfang März 2002 von israelischen Soldaten getötet worden.

"Das hängt alles zusammen und es ist wichtig. Als meine Mutter getötet wurde, war sie unbewaffnet, nicht ein Schuss, nicht einmal ein Stein bei ihr. Aber sie wurde getötet. Damals verstand ich, dass jeder Palästinenser ein Ziel ist. Die Israelis wollen uns töten. An dem Punkt verstand ich, dass ich wenigstens entscheiden möchte, wie ich sterbe."

Und die israelische Armee rückt in einigen Nächten unverändert ins Flüchtlingslager von Dschenin ein. Auch wenn das Gebiet längst wieder unter palästinensischer Kontrolle steht. Manchmal kämen sie auch den Berg rauf, zu seinem Haus, sagt Zakaria. Einen Grund gebe es nicht, außer zu demonstrieren, dass die Besatzung funktioniert. ergänzt Mohammad.

Der Polizist Mujahed Rabya (ARD / Torsten Teichmann)Der Polizist Mujahed Rabya (ARD / Torsten Teichmann)Mujahed Rabya ist Polizist in Dschenin. Das heißt der 47-Jährige weiß vor allem ganz genau wohin er fahren darf und wo seine Befugnisse enden. Mujahed bleibt an einem alten, großen Cafe stehen, dass die Form eines Flugzeugs hat. Nur wegfliegen kann von hier niemand.

"Wir sind jetzt am südlichen Eingang von Dschenin. Bis zu diesem Punkt dürfen wir als Polizisten arbeiten. Ohne Erlaubnis der Israelis dürfen wir nicht weiter fahren. Wir wollen es nicht einmal versuchen, das macht nur Probleme. Und wir respektieren die Abkommen."

Die Abkommen sind die Osloer Verträge: Darin wird das Westjordanland in drei Gebiete unterteilt: Gebiet A mit voller palästinensischer Kontrolle, das sind vor allem die großen Städte, in Gebiet B müssen sich Palästinenser und Israelis koordinieren, das führt in der Praxis dazu, dass es kaum Entwicklungsmöglichkeiten für die Palästinenser gibt. Aber die weitaus größte Fläche mit 62 Prozent des Westjordanlandes umfasst Gebiet C, welches vollständig unter israelischer Verwaltung steht. Dort wachsen jüdische Siedlungen, die Zahl der palästinensischen Einwohner dagegen wird nach Angaben der Vereinten Nationen immer kleiner. Die Unterteilung der Gebiete war als Übergangsregelung gedacht, seitdem sind beinahe 20 Jahre vergangen. Mujahed Rabya darf nur im Gebiet A patrouillieren. Doch weil er jetzt schon eine Weile an der unsichtbaren Grenze steht, hält eine vorbeifahrende Einheit der nationalen Sicherheitskräfte an und fragt, ob alles in Ordnung sei.

"Jeden Tag habe ich mit der Situation zu kämpfen. Ich leide darunter, denn ich muss täglich mit den Israelis koordinieren, wenn ich die Stadt verlassen will: Wenn es außerhalb der Stadt Probleme gibt, Verkehrsunfälle, alles. Wenn Du dich darum kümmern willst, brauchst Du eine Erlaubnis, sonst kannst Du nicht arbeiten."

Der Chef der Sicherheitskräfte Abu Tarek Asida sitzt in der Mukqatta von Dschenin. Eine Kaserne, die gerade wieder aufgebaut wird - beinahe zehn Jahre nach ihrer Beschädigung. An der Wand hinter seinem Schreibtisch hängt auf voller Breite das Foto einer blühenden Wiese. Selbst aufgenommen, sagt Abu Tarek. Der 56-Jährige ist klein, drahtig und ein ehemaliger Kämpfer. Heute wirbt er für Gewaltlosigkeit. Jede Zeit habe ihre Mittel, sagt er - gerade so als sei die Intifada Ausdruck einer Mode gewesen. In Dschenin gibt es Sicherheitsabsprachen zwischen Israelis und Palästinensern. Doch Abu Tarek warnt, in der Praxis drohe das Modell zu scheitern:

"Die israelische Seite respektiert nicht die Vereinbarungen, wir tun es. Die Welt weiß das, Europa weiß das. Das führt zu einer Eskalation, wenn man Israel nicht in die Pflicht nimmt. Israel unterläuft die Abmachungen und niemand kritisiert sie dafür. In den Gebieten B und C haben wir keine Hoheit und sie machen was sie wollen - und niemand greift ein."

Der Sicherheitschef meint damit die Vorstöße der israelischen Armee auf Gebiete der palästinensischen Autonomie. Also nächtliche Fahrten ins Flüchtlingslager, Verhaftungen von Palästinensern. Dann nämlich müssen die Palästinenser ihre Sicherheitskräfte zurückziehen. Sie empfinden das als Demütigung.

"Ich bin kein Wahrsager, der weiß, was in der Zukunft passiert. Aber niemand hat ein Interesse an einer Rückkehr der Gewalt und der Morde. Es hängt im Wesentlichen von der anderen Seite ab. Sie müssen entscheiden, ob sie die Lage eskalieren lassen wollen."

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