Seit 01:05 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 01:05 Uhr Tonart
 
 

Tonart | Beitrag vom 21.02.2017

Omer Klein über sein Album "Sleepwalkers""Ich bin ein bisschen ruhelos"

Von Johannes Kaiser

Beitrag hören
Der israelische Pianist Omer Klein (© Alexander Heil)
Der israelische Pianist Omer Klein (© Alexander Heil)

Omer Klein ist ein aufmerksamer Zeitgenosse, der mit seiner Musik durchaus aufrütteln möchte: Der israelische Pianist versteht einige Titel seines aktuellen Albums "Sleepwalkers" als Warnung vor der Social-Media-Welt - und ihren Nebenwirkungen.

Omer Klein: "Ich bin sehr neugierig und wie ein Schwamm. Ich bin ständig hinter Neuem her, nicht nur in der Musik. Ich lese neue Autoren oder schaue mir die Filme eines neuen Regisseurs an. Ich bin ein bisschen ruhelos, sehe mir an, was andere Künstler machen. Das ändert sich ständig."

Außerdem haben in der Musik des israelischen Pianisten Omer Klein auch Pop- und Rockmusik, Rhythm & Blues sowie Klassik ihre Spuren hinterlassen, kreativ gemischt zu Kompositionen, die mit überraschenden Wendungen verblüffen:

"Ich suche jedes Mal nach einer anderen Methode, denn einen Song nach derselben Methode wie zuvor zu komponieren, funktioniert nicht. Manchmal kommt mir die Idee für eine Melodie, für ein ganz kurzes Fragment, wenn ich in einem Geschäft stehe oder im Café sitze oder am Flughafen bin. Ich singe das in mein iPhone und dann wartet es darauf, entwickelt zu werden. Nach Monaten nehme ich mir dann mein Telefon und höre mir die Fragmente an, die da seit dem letzten Jahr drauf sind.

Nehmen wir den Song 'Blinky Palermo'. Da kamen zwei Fragmente aus unterschiedlichen Zeiten zusammen, weil mir eines Tages blitzlichtartig bewusst wurde, dass die beiden zusammengehören. Das wirkt jetzt ganz natürlich, aber anfangs waren sie sich sehr fremd."

Warnung vor einer technologiebestimmten Welt

Neben eher heiteren, unbeschwerten Songs gibt es auf dem neuen Album auch einige Stücke, die ganz ernsthafte Themen ansprechen. Omer Klein ist ein politisch sehr bewusster Musiker, ein aufmerksamer Zeitgenosse, der mit seiner Musik durchaus aufrütteln möchte. So versteht er einige Titel als Warnung vor der Social-Media-Welt:

"Ein Thema des Albums hat mit der heutigen Gesellschaft zu tun, damit, wie die Technologie einen großen Teil unseres Lebens bestimmt. Wir benutzen sie, aber man könnte auch behaupten, dass die Technologie uns benutzt, insbesondere wenn man sich Facebook anschaut. Was wir da sehen, ist nicht die wirkliche Welt. Das ist für uns geschaffen worden, damit wir uns gut fühlen und viele Dinge nicht sehen, die wir nicht gerne sehen möchten."

So versteht Omer Klein zum Beispiel den Titelsong "Sleepwalkers" als Weck- und Warnruf an all diejenigen, die wie Schlafwandler durch die Welt laufen, die Wirklichkeit nicht mehr wahrnehmen.

Ein anderes Stück, "What's on Your Mind', spielt auf die Frage an "Woran denkst du?", die Facebook einem stellt, wenn man irgendetwas posten will. Und weil das ein Computeralgorithmus ist, der das jeden fragt, kein echter Mensch, hat der Pianist eine Komposition geschrieben, die stark fragmentiert ist. Damit möchte er die seelische Verwirrung der Facebook Anhänger wiederspiegeln.

Und das Stück "Don't be a Zombie" soll jene ansprechen, die durch die Gegend laufen und nur auf ihr Smartphone schauen, aber von ihrer Umwelt, ihren Mitmenschen nichts mehr mitbekommen.

Ein geheimnisvolles Gefühl aus der Kindheit

Das Album beginnt und endet allerdings mit einem ganz anderen Thema. "Wonder and Awe", also "Wunder und Ehrfurcht". Omer Klein erinnert sich darin an seine Kindheit, in der er stets denselben Traum hatte: Der Fünfjährige wandert durch einen Wald und hat das Gefühl, dass ihm gleich Gott erscheint und das Geheimnis des Lebens enthüllt. Doch bevor es dazu kommt, wacht er stets auf:

"Dann habe ich eines Tages ein Interview mit Stevie Wonder gesehen, und er wurde gefragt, was er macht, wenn er beim Komponieren eines Liedes nicht weiterkommt. Er antwortete: Ich habe gerade Gott gebeten, mir einen Song zu geben, und es funktioniert eigentlich immer. Er gibt mir immer einen Song. Am nächsten Tag saß ich drei Stunden lang im Studio und versuchte für dieses Album zu komponieren. Nichts kam und ich war sehr frustriert und dann erinnerte mich an dieses Interview und musste lachen.

Ich dachte mir, warum machst du nicht genau dasselbe wie Stevie. Ich habe meine Augen geschlossen und gedacht, vielleicht löst das tatsächlich etwas bei dir aus. Nun glaube ich nicht an Gott, aber an die Kraft des Gebets und was es beim Menschen bewirken kann und dann setze ich mich hin und spielte und da kam mir diese Kompositionen 'Wonder and Awe' in den Sinn.

Das war eine faszinierende Erfahrung. Ich verstand sofort, dass es sich bei der Komposition um den Traum handelt, den ich als Kind hatte, dieser Wald und das mysteriöse Gefühl dem Geheimnis der Welt auf der Spur zu sein, und ich dachte: Toll, ich habe letztlich einen Soundtrack für dieses Gefühl gefunden."

So gewichtig und ernst die Themen auch sind, Omer Kleins musikalische Umsetzung ist keineswegs schwer zugänglich. Seine Songs wirken heiter und sehr lebendig, schwelgen in eingängigen Melodien, brillieren mit rasantem Klavierspiel, elegant-raffinierten Rhythmen und fließenden Basslinien – und überraschen mit unerwarteten musikalischen Wendungen.

Omer Klein: Sleepwalkers
Label: Warner
CD 16,99 Euro, 2 LPs 21,99 Euro

Mehr zum Thema

Vom Gebet zum Jazz
(Deutschlandradio Kultur, Aus der jüdischen Welt, 06.09.2013)

Tonart

Konzertfilm "Rammstein - Paris"Brutalo-Trash im Kino
Band Rammstein bei der Filmpremiere "Rammstein Live in Paris" in der Berliner Volksbühne: Richard Zven Kruspe, Paul Landers, Oliver Riedel, Christian Lorenz, Christoph Schneider und Till Lindemann. (imago/Tinkeres)

Martialische Musik und brutale Ästhetik – das ist das Erfolgsrezept von Rammstein. Der schwedische Regisseur Jonas Akerlund hat aus mehreren Konzerten der Band in Paris einen Film gemacht. Ab Donnerstag kommt "Rammstein - Paris" für nur drei Tage in 100 deutsche Kinos.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur