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Thema / Archiv | Beitrag vom 28.05.2008

"Ohne Schilder kehrt Friede ein auf deutschen Straßen"

Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim unterstützt das Projekt "Shared Spaces"

Moderation: Holger Hettinger

Gegenseitige Rücksichtnahme ist besser als Regelwut im Straßenverkehr - findet Heiner Monheim. (Stock.XCHNG/ Andreas Sloth)
Gegenseitige Rücksichtnahme ist besser als Regelwut im Straßenverkehr - findet Heiner Monheim. (Stock.XCHNG/ Andreas Sloth)

Der Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim hält Versuche wie in der niedersächsischen Gemeinde Bohmte, den Verkehr ohne Schilder zu regeln, für eine sinnvolle Maßnahme. Der Verkehr sei bislang überreguliert und räume einseitig dem Auto den Vorrang ein. Menschen seien keine Raubtiere, deshalb könne ein friedliches Miteinander im Straßenverkehr auch ohne Schilder funktionieren.

Hettinger: Gegenseitige Rücksichtnahme als Regelgröße im Straßenverkehr. Alle Verkehrszeichen sind abgebaut. Ist das realistisch? Das frage ich nun den Geografen und Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim. Schönen guten Tag, Herr Monheim!

Heiner Monheim Schönen guten Tag, Herr Hettinger!

Hettinger: Nun könnte man doch ganz ketzerisch sagen, es gibt mehr als genug rücksichtslose Verkehrsteilnehmer, wieso sollten ausgerechnet die nun plötzlich Rücksicht nehmen, wenn sie nicht mehr explizit gesagt bekommen, was sie zu tun haben im Straßenverkehr?

Monheim: Na, sie tun das schon seit ungefähr 30 Jahren in einer etwas anderen Situation, die aber viele Parallelitäten hat. Also es gibt verkehrsberuhigte Bereiche, das ist auch "Shared Space", aber nicht auf der Hauptverkehrsstraße, sondern auf eher etwas verkehrsärmeren Straßen. Das gibt es schon seit den 70er Jahren, das gibt es hunderttausende Male in Deutschland, das funktioniert wunderbar. Da gibt es fast keine Unfälle, wenn überhaupt nur Bagatellunfälle. Also das kennen sie aus allen Orten in Deutschland.

Und das gibt es in ähnlicher Form natürlich auch schon viele, viele tausend Mal in den deutschen Fußgängerzonen, in denen ja durchaus Kraftfahrzeugverkehr stattfindet, nämlich der Lade- und Lieferverkehr. Und es ist ganz klar, wenn die Schilder weg sind, wenn die Rechthaberei wegen des Fehlens von Schildern durch eine gewisse Verunsicherung abgeschafft ist und stattdessen der soziale Kontakt, also das Sichverständigen mit Gesten, mit Mimik, stattfindet, dann funktioniert das eigentlich sehr gut.

Also das Revolutionäre an "Shared Space" ist eigentlich nur, dass diese Lösung jetzt auf Straßen mit viel Autoverkehr, also auf Landesstraßen, auf Bundesstraßen übertragen wird. Und da hat man natürlich in der hohen Zeit der Verkehrsberuhigung in den 70er und 80er Jahren noch viel zu viel Angst davor gehabt, da fehlte der Mut, da war der ADAC auch immer sehr dagegen. Auf den Hauptverkehrsstraßen soll der Autoverkehr rollen und seine deutliche Priorität haben. Und deswegen gibt es da auch sehr viele Unfälle. Das sind die unfallreichsten Straßen, die wir haben in Deutschland. Und deswegen ist das sehr sinnvoll, sich für diese Straßen was Neues einfallen zu lassen.

Hettinger: Da habe ich gleich mehrere Nachfragen. Zum einen, diese Kommunikation und Verständigung durch Gesten, durch Blickkontakt ist eigentlich eine schöne Sache, funktioniert vielleicht auch in eher überschaubaren Ensembles wie Fußgängerzonen mit Ladeverkehr, aber wenn man das generell zum Prinzip macht, steht man dann nicht irgendwann an dem Punkt, wo sich das Recht des Stärkeren durchgesetzt hat?

Monheim: Das ist ein Menschenbild, das ich nicht so recht teilen kann, das Menschenbild des Autofahrers als Raubtier. Und ich denke, dass die Autofahrer Menschen sind und Menschen bleiben. Niemand fährt mutwillig irgendjemand tot oder platt.

Hettinger: Sie sind noch nie Fahrrad in Berlin gefahren, merke ich gerade.

Monheim: Nein, auch beim Radfahren. Also das wird alles maßlos übertrieben. Zum richtigen Rowdy werden Autofahrer, wenn sie um Parkplätze streiten, da gibt es schon mal einen K.O.-Sieger oder so was, aber im normalen Autoverkehr sind das die extremen Ausnahmen. Die Unfälle resultieren nicht aus total aggressivem Verhalten, sondern die resultieren ganz stark aus Missverständnissen. Und diese Missverständnisse resultieren aus diesem blinden Regelvertrauen.

Nehmen Sie mal ein kleines Kind. Ein kleines Kind lernt, bei Grün darfst du gehen an der Ampel, und geht bei Grün los und zack wird es überfahren, weil es nicht bedacht hat, dass es auch Abbiegeverkehr gibt, der bei grüner Ampel trotzdem rüberfährt. Also, die erste Regel ist, sich orientieren, mit allem rechnen, mit allem Möglichen und Unmöglichen rechnen und überhaupt nicht blindlings auf irgendeine Regel vertrauen.

Und wir kriegen nun dummerweise eingetrichtert, es gibt Regeln im Verkehr, und da kann man blindlings drauf vertrauen, niemand macht Fehler im Verkehr. Das ist die Grundannahme unserer Verkehrserziehung. Und die ist natürlich absolut falsch. Menschen sind nun mal fehlerbehaftete Wesen.

Und wenn man sich darauf eingestellt hat, dass es im Verkehr ganz viele kleine Missverständnisse, kleine Fehlerchen gibt und dass man das am besten, wie das auch zu Hause in Ihrer Wohnung üblich ist, da stehen auch keine Verkehrszeichen, wenn Sie aus Ihrer Schlafzimmertür zur Küche gehen, dann müssen Sie nicht irgendeine Rechts-vor-links-Regel beachten und Sie müssen auch keine Markierung haben, dass Sie Ihren Weg finden. Also im sozialen Umfeld weiß man, dass soziale Regeln eigentlich sehr gut geeignet sind, um Konflikte zwischen Menschen zu lösen.

Hettinger: Nun ist aber in meinem Wohnzimmer etwas weniger Verkehr als auf der B11. Funktioniert das auch im Großen, was im Kleinen eigentlich logisch und griffig ist?

Monheim: Wenn Sie eine Party haben, in der Wohnung sind plötzlich 30 Leute, und schon müssten Sie eigentlich Schilder aufstellen und Markierungen machen. Das tun Sie aber nicht, weil die sich alle sozial verhalten.

Hettinger: Nun sind wir ja auch gewohnt, mit diesem wie von Ihnen skizzierten regelbasierten Verhalten uns im Straßenverkehr zu bewegen. Ist es nicht wahnsinnig kompliziert, jeden einzelnen Verkehrsteilnehmer hier zum grundlegenden Umdenken zu bewegen?

Monheim: Nein, nein. Sie stellen sich das viel zu schwer vor. Gehen Sie doch mal in irgendeine Grünanlage, in Charlottenburg in den Schlosspark oder so was. Da stehen auch keine Schilder rum. Also, sobald Sie die Umwelt anders gestalten, sobald Sie einfach wegräumen, was da an aberwitzigen Paragrafenreitereien und Rechthabereien im Verkehr sich durchgesetzt hat - und das hat sich ja nur durchgesetzt… also wir haben doch Hunderte von Jahren mit dem Sachsenspiegel gelebt. Es gab Hunderte von Jahren, oder Tausende von Jahren gab es keine richtigen Verkehrsregeln, sondern da waren ganz wenige Grundsätze.

Und erst mit dem Autoverkehr und mit dem Versuch, diesen Autoverkehr in den Städten eindeutig zu priorisieren, und mit der Erkenntnis, dass Autos, wenn Sie aufeinandertreffen, ziemlich viel physikalische Energie freisetzen, damit ist praktisch dieser verzweifelte Versuch, das mit Paragrafen, Regeln, Markierungen und Schildern etc. zu regeln.

Und wir kommen jetzt - das ist ja gerade in der Gesamtgesellschaft angesagt, Deregulierung ist angesagt. Unser Moralverhalten, das wird auch nicht mehr von der Kirche geregelt. Wir sind Individualisten geworden, wir wollen Freiheiten haben. Der Autoverkehr ist eine einzige Freiheitsberaubung geworden. Am schlimmsten sind natürlich die armen Fußgänger dran, denen alle Freiheiten genommen worden sind.

So, und jetzt fangen wir an, diesen Verkehrsteilnehmern Freiheiten zurückzugeben. Und ich habe da überhaupt keine Probleme, das funktioniert hervorragend. Es gibt auch erste empirische Untersuchungen zu den "Shared Space"-Gebieten, die es in den Niederlanden gibt, die es in Großbritannien gibt, und die Untersuchungen sind alle gleich, das wissen wir eigentlich seit 30 Jahren: Der Mensch ist ein soziales Wesen, und er kann sich sehr gut vertragen, wenn er nicht mit Tempo 100 irgendwo angerast kommt.

Hettinger: Wenn diese Erkenntnisse seit 30 Jahren bekannt sind, welche Hindernisse gibt es da? Sie haben eben die Autofahrerlobby angesprochen, aber eigentlich ist das doch eine Sache der Politik, dies umzusetzen?

Monheim: Also das Haupthindernis ist die Juristen- und Versicherungslobby. Wenn es zu irgendetwas kommt, dann will der Jurist ja genau wissen, wer hat jetzt den Fehler gemacht, wen muss ich bestrafen. Also die Juristerei misstraut dem Menschen abgrundtief. Sie hat ein Menschenbild, wo das alles mit Paragrafen geregelt werden muss. Also das ist das eine.

Zweitens ist natürlich die Autolobby immer gegen so was, weil das ja bedeutet, dass der Vorrang des Autoverkehrs nun in irgendeiner Form nicht mehr existiert, sondern dass der Autoverkehr sich mit dem Rest der Welt arrangieren muss.

Aber die Menschen selber sind da absolut problemlos, das werden Sie auch mitkriegen, das haben Ihre Interviews ja auch gezeigt, also in der Fußgängerzone muss es kein Rechtsgebot geben. Wenn sich Fußgänger begegnen, muss nicht klar sein, der, der von rechts kommt, hat Vortritt vor dem, der von links kommt oder so was.

Wir brauchen diese Verkehrsregeln oder wir glaubten, die zu brauchen, weil der Autoverkehr ein hochkomplex technisches System ist, so haben wir den verstanden. Und dann haben wir eben angefangen, ihn zu regeln, haben dafür einen entsetzlichen Blutzoll gezahlt.

Na ja, und wenn wir den Autoverkehr endlich als soziales System begreifen und wenn wir aufhören, ein Menschenbild zu haben, wo der Mensch zum Raubtier stilisiert wird, dann kehrt Friede ein auf deutschen Straßen.

Hettinger: Schönen Dank, Professor Heiner Monheim. Er ist Geograf und Verkehrswissenschaftler an der Uni Trier. Schilderlos glücklich - ist das Modell "Shared Space" zukunftsweisend? Das war unser Thema.

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