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Kulturpresseschau

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Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.05.2012

Offene Pulsadern und ein jovialer Dietmar Bär

Anselm Weber inszeniert Hauptmanns Sozialdrama "Vor Sonnenaufgang" in Bochum

Von Stefan Keim

Dietmar Bär und Xenia Snagowski in "Vor Sonnenaufgang" in Bochum
Dietmar Bär und Xenia Snagowski in "Vor Sonnenaufgang" in Bochum (Diana Küster)

Ein Arzt vertritt sarrazineske Vererbungstheorien, eine junge Frau leidet an der entsetzlichen Leere: Die Grundthemen von Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" sind auch heute noch aktuell. In Bochum ist das Stück nun mit "Tatort"-Schauspieler Dietmar Bär zu sehen.

Mit diesem Stück begann der Naturalismus. Erstmals ließ Gerhart Hauptmann 1889 Bauern in ihrem Dialekt sprechen, brachte Trunksucht und Verzweiflung direkt auf die Bühne. 123 Jahre später findet Bochums Schauspielintendant Anselm Weber einige aktuelle Themen im Sozialdrama aus der Hochphase der Industrialisierung.

Zwei alte Freunde brüllen sich an. Außer der gemeinsamen Vergangenheit verbindet sie nichts mehr. Hoffmann ist reich geworden, lebt feudal auf Kosten geknechteter Bergarbeiter. Deren Schicksal will Alfred Loth dokumentieren, ein linker Aktivist, der für seine Ideale zwei Jahre im Gefängnis gesessen hat. Ein Mensch mit glasklaren Werten trifft auf einen, der überhaupt keine hat. Glücklich werden sie beide nicht in Gerhart Hauptmanns Sozialdrama "Vor Sonnenaufgang".

Regisseur Anselm Weber hat die Bühne des Bochumer Schauspielhauses leer geräumt. Das Initialstück des Naturalismus - 1889 mussten die Akteure sich gegen ein meuterndes Publikum durch die Uraufführung kämpfen - spielt heute in einem abstrakten Raum. Es lässt sich nicht wegspielen, dass dieser Text 123 Jahre auf dem Buckel hat. Doch die Grundthemen sind geblieben. Ein Arzt vertritt sarrazineske Vererbungstheorien, entwurzelte Menschen suchen Kicks im Alkohol, eine junge Frau leidet an der entsetzlichen Leere, die sie in sich fühlt. Immerhin merkt sie noch, dass da etwas sein sollte, ein Kern, eine Seele, eine Persönlichkeit, irgend etwas. Helene hängt sich an den Moralisten Loth, weil er nach klaren Vorgaben lebt und an seine Wahrheit glaubt.

Xenia Snagowski gelingt als Helene die berührendste Figur der Aufführung. Sinnlos ringt sie die Hände und rennt durch den Raum, weiß mit sich und ihrem Körper nichts anzufangen. Sie brüllt, faucht, tobt – doch all ihre Energie hat kein Ziel. Auch Dietmar Bär – bekannt als Tatortkommissar Freddy Schenk - spielt so eine hohle Hülle, viel Körper um nichts. Doch dieser Unternehmer Hoffmann ist völlig damit zufrieden, wenn er den Luxus des abgedankten Adels kopiert, sich ein opulentes Frühstücksbuffet auffahren lässt und immer genug Champagner in der Kühlung hat. Streit mag er gar nicht. Einmal schafft es sein alter Freund Loth, ihn derart zu reizen, dass Hoffmann aus der faulen Haut fährt und dem Idealisten seine ganze Verachtung entgegen spuckt. Kurz darauf kommt er wieder jovial angekrochen, will alles wieder gut machen, ein Gemütsmensch, eine Schwamm-drüber-Existenz.

Dass diese Menschen keine Zufriedenheit finden, ist klar. Hoffmanns Kinder sterben schnell, Helene bringt sich am Ende des Stückes um. Inzwischen ist ein durchsichtiges Partyzelt vom Bühnenhimmel herab geschwebt. Darin schneidet sie sich die Pulsadern auf und schmiert das Blut an die transparenten Wände. Aber auch Werte machen nicht glücklich. Loth ist ein Fanatiker, isst nur Äpfel, trinkt keinen Alkohol, will nur eine Frau heiraten, deren Blut rein ist. Als ihm der Arzt Schimmelpfennig eine ziemlich abstruse Theorie offeriert, Helene sei erblich durch Trunksucht belastet, lässt der Idealist sie einfach fallen. Was ihn allerdings ganz doll schmerzt. Matthias Redlhammer fällt hier arg theatralisch auf die Knie und brüllt nach Herzenskräften. Doch zuvor spielt er glaubwürdig einen zwiespältigen Heldencharakter, den Hauptmann ebenso kritisch sieht wie die Ausbeuter.

Es wird ein bisschen viel geschrien an diesem Abend. Bochums Intendant Anselm Weber setzt ganz auf sein ausgezeichnetes Ensemble, das Zeitgenossenschaft durch genaue Psychologie erspielt. Manche Szenen wirken überspitzt, scheinen noch nicht die richtige Balance gefunden zu haben. Osteuropäisch angehauchte Livemusik durch ein Trio wirkt zwar effektvoll, doch schlüssig szenisch eingebunden sind die Musiker nicht. Es ist nicht die große Wiederentdeckung eines heute selten gespielten Stückes Theatergeschichte, aber ein unterhaltsamer, sich stark steigernder Abend mit starken Schauspielern.

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