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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 18.03.2016

Öko-Dorf Har AmasaIsraelisch-arabischer Weinanbau überwindet Grenzen

Von Steve Neuwirth

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Trauben an einem Rebstock (picture alliance / dpa - Patrick Seeger)
Trauben an einem Rebstock (picture alliance / dpa - Patrick Seeger)

"Ich bin hebräisch, er ist arabisch. Zusammen sind wir semitisch": Ein ökologisches Weinanbau-Projekt in Har Amasa ignoriert den Grenzzaun und verbindet Israelis mit Palästinensern.

Seit beinahe 20 Jahren lebt David BenShabat mit seiner Frau Tali und mit Freunden in Har Amasa. Das Grenzdorf liegt in einer sehr interessanten Gegend, schwärmt er, während er auf der Terrasse vor seinem Haus sitzt und eine Tasse frisch aufgebrühten Verbene-Tee in den Händen hält.

"Nach Osten hin beginnt hier die Negev Wüste und die judäische Wüste, es ist sehr nahe zum Toten Meer und es gibt auch noch einen sehr schönen Kiefern-Wald."

14 Jahre lang hat der heute 52-jährige die Kommune selbst gemanagt, die aus einem Kibbuz entstanden ist. Der Status von Har Amasa änderte sich. Heute ist der Ort ein Öko-Dorf, deren Bewohner die landwirtschaftlichen Flächen teilen. Hier leben rund 30 Familien unterschiedlichen Alters, bestehend aus 60 Erwachsenen und 100 Kindern. Die meisten von ihnen kamen erst in den vergangen vier Jahren, als sie vom speziellen Konzept der Gemeinschaft erfahren hatten. So wie Meir, er stammt aus Jerusalem und baut hier sein neues Haus.

"Wir haben eine Tour durch Israel gemacht, vom Norden in Süden und nach Orten gesucht. Dieser Platz kam in Frage, weil er viele Möglichkeiten bietet. Zum einen das Wetter hier, dann die Aussicht und natürlich die Gemeinschaft, also die Community, auf die wir hier getroffen sind."

Weinberge auf der anderen Seite des Grenzzauns

So wie die Familie von David BenShabat haben die Bewohner alle eines gemeinsam, sie wollten ein anderes Leben führen, als ihr bisheriges.

"Eigentlich kommen wir aus der Stadt - Tali und ich - Ja wir sind eigentlich Stadt-Jungs und Mädchen, aus der Gegend von Tel Aviv. Wir kamen hierher um unsere Ideen und Konzepte anders zu leben, zu verkörpern. Es ist eine Idee, die wir haben, anders zu leben, mit den Nachbarn und mit der Welt. Und die Umwelt, das Öko-Dorf und all das, es stellt ja eine Art Verbindung auf einer sehr niedrigen Ebene dar. Deshalb sind wir hier herkommen."

Zu dieser Verbindung gehört das israelisch-arabischen Traubensaft-Projekt. In Zusammenarbeit mit rund 20 Palästinensern, auf der anderen Seite des Grenzzaunes, dort wo die Weinberge sind.

"Wir bewirtschaften zusammen Weinberge, palästinensische Weinberge, zusammen auf eine bio-ökologische Weise, was man in den Bergen von Hebron nicht so kennt. Es war neu für die palästinensischen Landwirte in dieser Gegend."

Das Telefon klingelt.

"Hello?"

Am anderen Ende ist David BenShabats palästinensischer Partner Hasan Fahouri. Die Beiden fragen sich gegenseitig wie es ihnen geht und wie die letzten Tage in Hebron verliefen.

Gemeinsame Identität

"Alles ist ok und Hassan möchte, dass David bald selbst mal wieder rüber kommt, damit sie über ihre Projekte persönlich miteinander sprechen können."

Der Wein auf der palästinensischen Seite wird ohne Chemie und mit ausgefeilter Bewässerungstechnik angebaut.

Und der süße Saft aus den Trauben wird dann in einer Weinkellerei in der Nähe von Jerusalem hergestellt.

"Wir begannen das Projekt, einmal, um die Ackerfläche sozusagen zu reinigen, dann um etwas gemeinsam zu machen und drittens eben auch um ein Produkt herzustellen, außer nur den Trauben, wir produzieren nun ökologischen Traubensaft, der sehr gut schmeckt und er bringt auch viel mehr Gewinn für die palästinensischen Landwirte. Ursprünglich haben sie nur die Trauben verkauft, heute verkaufen sie ein Produkt das nachhaltiger ist."

Da die Palästinenser weniger Möglichkeiten haben, sich frei zu bewegen, können sie nicht ohne weiteres auf die israelische Seite gelangen. David BenShabat hatte sich deshalb mit seinen arabischen Partnern an die israelischen Behörden gewandt.

"Sie haben entschieden unseren palästinensischen Partner spezielle Erlaubnisse zu erteilen. So sind sie in der Lage auf die israelische Seite zu kommen, um hier etwas über das ökologische Anbauverfahren zu lernen und ich kann auf der palästinensische Seite arbeiten."

12 bis 20.000 Flaschen Traubensaft stellen sie im Jahr her, die in Israel verkauft werden. Ein weiteres Gemeinschafts-Projekt ist auch die Produktion von Tahin, der traditionellen arabischen Paste aus fein gemahlenen Sesamkörnern. Diese von politischen Vereinbarungen unabhängigen Projekte seien der Beweis dafür, dass ein friedliches Zusammenleben mit einer gemeinsamen Identität funktioniert.

Diese Identität sieht David in den semitischen Wurzeln der arabischen und hebräischen Sprache.

"Jeder der hebräisch oder arabisch spricht, kann es fühlen und weiß es, dass hebräisch und arabisch eine Verbindung haben. Im Syntax, die Vokabeln. Es gibt viele Wörter die so ziemlich gleich sind. Und es ist nicht nur die Sprache. Es ist ein Mechanismus der die Ähnlichkeit geradezu aufzwingt."

Jede Idee der Trennung und Aufteilung sei falsch

Vor dem Hintergrund der von der Europäischen Union eingeführten und umstrittenen Kennzeichnungspflicht für bestimmte Waren aus israelischen Siedlungen im Westjordanland, die in der EU verkauft werden, stellt sich David BenShabat eine Frage.

"Die EU hat die Vermutung, dass alles was in den israelischen Siedlungen produziert wird von rechtsextremen Menschen kommt - das ist falsch, und sie wollen es speziell kennzeichnen. Da würde ich doch gern mal wissen, was bitte – würden sie denn auf unseren Gemeinschaftsprodukten für einen Stempel aufdrücken wollen?"

Und so sieht sich der 52-jährige in der Gemeinschaft von Ha Amasar wohl auch als ein Teil der Lösung für den israelisch-palästinensischen Konflikt.

"All diese Ideen, zu trennen, aufzuteilen in zwei, drei Staaten, was weiß ich wieviele - sie funktionieren nicht! Sie können nicht zum Leben in dieser Region erweckt werden. Denn der Lebensstandard bei den Israelis und der bei den Palästinensern ist so unterschiedlich, dass eine Aufteilung nicht funktioniert! Die Lücken sind einfach zu groß und der Staat ist einfach zu klein, um ihn aufzuteilen."

Es gebe im mittleren Osten so viele Gemeinsamkeiten zu benennen, dass jede Idee der Trennung und Aufteilung falsch und nicht echt sei.

David BenShabat sagt:

"Wir müssen rausfinden, welche gemeinsame Identität wir teilen können. Die elementarste ist die semitische Identität. Ich bin hebräisch, er ist arabisch. Zusammen sind wir semitisch."

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