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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.07.2011

Norwegischer Familienstreit

Per Petterson: "Ist schon in Ordnung", Hanser Verlag, München 2011, 218 Seiten

Ein Fjord in Norwegen
Ein Fjord in Norwegen (AP)

In seinem Roman "Ist schon in Ordnung" erzählt der norwegische Schriftsteller Per Petterson die Geschichte eines 13-Jährigen, der gegen seinen prügelnden und trunksüchtigen Vater aufbegehrt. Ein episodischer Adoleszenzroman, der jedoch im Rahmen des Erwartbaren bleibt.

Der neue Roman von Per Petterson ist fast 20 Jahre alt. Im Gefolge der Erfolge – "Pferde stehlen", "Im Kielwasser", "Ich verfluche den Fluss der Zeit" – werden nun auch frühere Werke dieses Autors übersetzt. "Ist schon in Ordnung", im Original erschienen 1992, ist bereits ein unverkennbarer Petterson, in der präzisen, an Hemingway geschulten Sprache sowie der Konzentration auf konflikt- und katastrophenträchtige Familienszenarien.

Es ist die Geschichte einer Jugend um 1970. "Der Herbst kommt, und ich trage Zeitungen aus. Gerade ist Jimi Hendrix gestorben, im Radio läuft Hey Joe…" Audun Sletten ist das Kind seiner rebellischen Zeit – und er hat allen Grund, aufzubegehren, nicht nur gegen Vietnam und die Ausbeutung in Osloer Fabriken, sondern vor allem gegen einen Vater, der seine frühen Jahre beschädigt hat: ein Säufer, Prügler und Herumstreicher, der alle Angehörigen in Schrecken versetzt, wenn er zwischenzeitlich mal wieder auftaucht und mit der Pistole um sich schießt. Lange ist es her, dass er mit seinem Charme Auduns Mutter bezauberte und auf dem Akkordeon Tango spielte.

Immer wieder ergreift Audun die Flucht vor dem Vater und den bedrückenden Familienverhältnissen. Als 13-Jähriger lebt er wie ein Huckleberry Finn in einer selbstgebastelten Bude aus Kartons am Eisenbahndamm. Wenn auch diese Flucht wieder im allzu festen, schmerzhaften Griff des Vaters endet, dann entwickelt Pettersons sozialer Realismus phantasmagorische Züge.

Der junge Audun entdeckt die Literatur, liest begeistert Jack London, er will kurz vor dem Abitur die Schule "hinschmeißen" und Schriftsteller werden: Raus ins Leben, um darüber zu schreiben, so lautet seine Devise. Aber die Erfahrungen, die er als Arbeiter in einer Druckerei macht, sind eher demütigend als inspirierend. Audun wird gemobbt und verprügelt, einmal ertrinkt er beinahe und vielleicht ein bisschen zu symbolträchtig in einem reißenden Fluss, seine Mutter schlägt sich durch mit Putzstellen und tröstet sich mit Alkohol und Opernarien, sein jüngerer Bruder Egil stirbt bei einem Autounfall und sein verkommener Vater wird am Ende tot im Wald aufgefunden. Aber trotz der reichhaltigen Erfahrungen von Leid und Trauer lässt sich Audun nicht entmutigen. Er findet anderswo Freundschaft und Zuspruch und deshalb das Leben insgesamt "schon in Ordnung" – ein lakonischer Gestus, wie man ihn auch aus den späteren Büchern Pettersons kennt.

Mit Auduns wildem Kumpel Arvid Jansen hat Pettersons späteres Alter Ego hier bereits eine Nebenrolle. Und in einigen Momenten epiphanischer Naturerfahrung – etwa in der Begegnung mit einem durchgehenden Pferd – scheint bereits etwas von der faszinierenden Erzählmagie Pettersons auf. "Ist schon in Ordnung" ist schon in Ordnung – ein episodischer Adoleszenzroman, dessen Rituale des Übergangs bei aller milieubedingten Zuspitzung doch im Rahmen des Erwartbaren bleiben. Das Buch ist eine willkommene Ergänzung für Petterson-Kenner; wer den Autor und seine Stärken erst kennenlernen möchte, sollte zu den späteren Romanen greifen.

Besprochen von Wolfgang Schneider

Per Petterson: Ist schon in Ordnung. Roman.
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Hanser Verlag, München 2011
218 Seiten, 19,90 Euro