Dienstag, 2. September 2014MESZ21:17 Uhr

Buchkritik

FamiliengeschichteZerwürfnisse wie Giftmüll
Wachsfiguren-Kabinett in St. Petersburg: Geheimdienst-Chef Lawrentij Berija (l.) und Stalin, dazwischen der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko.

Den Niedergang einer Familie vor dem Hintergrund der finsteren Geschichte Georgiens im 20. Jahrhundert schildert Nino Haratischwili in ihrem Mammutroman. Allerdings ergeben die detaillierten Episoden nur ein unübersichtliches Wimmelbild.Mehr

Zweiter WeltkriegKriegsinferno ganz nah
Der Autor und Historiker Antony Beevor, aufgenommen 2010 in Helsinki.

Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen begann vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg. Der Historiker Antony Beevor entwirft in seinem 1000-Seiten-Buch nun ein gewaltiges Panorama jener Zeit - das mit seiner Wucht ebenso beeindruckt wie mit seiner Akribie.Mehr

RomanRobinsonade auf Hiddensee
Lutz Seiler, deutscher Schriftsteller, Ingeborg-Bachmann-Preistraeger 2007. Aufgenommen am 08.10.2010 in Frankfurt

Inselabenteuer in der Ostsee, die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft. Das lang erwartete Romandebüt "Kruso" von Lutz Seiler ist eine grandiose sprachliche Exkursion in das ungesicherte Gelände verschiedener Zeitschichten.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

TagebuchLiebhaber des Halbschattens
Der Mailänder Dom

Als patriotisch gesinnter Student aus Mailand zieht Carlo Emilio Gadda 1914 in den Krieg und wird Schriftsteller. Erstmals erscheinen nun seine Kriegserinnerungen in Deutschland.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.10.2011

Nine-Eleven-Comics erstmals auf Deutsch

Art Spiegelman: "Im Schatten keiner Türme", Atrium Verlag, Hamburg 2011, 42 Seiten

9/11 - Einsturz des südlichen Twin Tower des World Trade Centers
9/11 - Einsturz des südlichen Twin Tower des World Trade Centers (AP / Amy Sancetta)

Art Spiegelman und seine Frau machten am 11. September 2001 eine Spaziergang, als das erste Flugzeug ins World Trade Center einschlug. Der Künstler hat seine Erinnerungen und Assoziationen zu den Ereignissen in Comic-Zeichnungen festgehalten.

"Meine Muse heißt Desaster." Das schreibt Art Spiegelmann in einer Vorbemerkung zu "Im Schatten keiner Türme". Vor 25 Jahren ist dieser Comicautor weltberühmt geworden mit seinem "Maus"-Comic, in dem er die Geschichte seiner Eltern erzählt, der Auschwitz-Überlebenden Wladek und Anja Spiegelman. In seinem Buch über den elften September kommen von neuem Spiegelmans eigenes Leben und die Desaster der Weltgeschichte unmittelbar zusammen.

Die Wohnung und das Studio von Art Spiegelman liegen in Lower Manhattan, ganz in der Nähe von Ground Zero. Spiegelman und seine Frau waren dort unterwegs, als am 11. September 2001 das erste Flugzeug ins World Trade Center einschlug. Sie sind danach durch die Straßen von Manhattan gehetzt, um ihre beiden Kinder aus den Schulen zu holen. Spiegelmans Tochter Nadja sah von ihrer High School aus Menschen aus den Fenstern der Zwillingstürme springen.

Art Spiegelmann hat in den Jahren 2002 und 2003 eine Serie von zehn großformatigen Tafeln gezeichnet, auf denen er seine Erinnerungen und Assoziationen zu den Ereignissen des 11. September festgehalten hat. Er wollte diese Arbeiten in den Zeitungen veröffentlichen, mit denen er jahrzehntelang zusammengearbeitet hatte, in der New York Times und der New York Review of Books. Die haben abgelehnt, weil ihnen Spiegelmanns Zeichnungen zu amerikakritisch waren.

Seine Nine-Eleven-Comics sind deshalb zuerst im Ausland erschienen, in England, Frankreich, den Niederlanden, in Deutschland in der Wochenzeitung "Die Zeit". In den USA hatte nur die wenig bekannte linke Wochenzeitung "Forward" den Mut, Spiegelmans Comics zu drucken. Im Jahr 2004 dann ist die Serie in den USA als Buch erschienen, nun gibt es sie zum ersten Mal in Buchform auf Deutsch.

Die zehn Bildtafeln haben enorme Ausmaße, etwa 50 mal 37 Zentimeter. In einer anfangs schwer zu erfassenden Dramaturgie zeigen sie Bruchstücke, Anfänge von Geschichten, Alpträume, Karikaturen. Panels in verschiedenen Formen, Rahmungen, Dimensionen stürzen übereinander. Man sieht den Zeichner und seine Frau durch die Straßen irren, man sieht einen mausköpfigen Cartoonisten, der von Osama bin Laden und George W. Bush gleichzeitig bedroht wird. Zwei Kinder rennen panisch umher, auf ihren Köpfen tragen sie brennende Türme.

Tragische Szenen, bitterer Hohn, absurder Klamauk sind in diesen chaotischen Katastrophenbildern zusammengefügt, Innen- und Außenpolitik, Spiegelmans Paranoia und reale Gefahren wirbeln durcheinander. Eine geschlossene Geschichte entsteht nicht aus den Fragmenten - kein Wunder angesichts dieser bis heute andauernden Katastrophe.

Die Arbeit an diesen Bilderfolgen hat Art Spiegelmann nach einer langen Pause wieder zum Comicautor gemacht, auch deshalb endet dieses Buch mit einer tiefen Verneigung vor der Comic-Geschichte. Zuletzt wandert man durch sieben Tafeln mit den Katzenjammer Kids, dem Yellow Kid und den anderen Helden der frühen Sonntagscomics. Sie sind vor über hundert Jahren dort entstanden, wo am 11. September die Türme einstürzten, im alten Zeitungsviertel von New York.

Besprochen von Frank Meyer

Art Spiegelman: Im Schatten keiner Türme
Aus dem Englischen von Christine Brinck und Jürgen von Rutenberg, Atrium Verlag, Hamburg 2011
42 Seiten, 34,90 Euro