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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 06.01.2008

Nie mehr schlecht angezogen!

Auf Shopping-Tour mit einer Stilberaterin

Von Stefanie Müller-Frank

Nach dem Shoppen (AP)
Nach dem Shoppen (AP)

Die Beraterbranche boomt - nicht nur in Wirtschaft und Politik. Auch im Privatleben gehört es längst zum guten Ton, sich einen Coach zu leisten. Ob einen Feng-Shui-Berater für das richtige Karma der Inneneinrichtung, einen Personal Trainer für die Fitness oder einen Personal Shopper für den individuellen Kleidungsstil - irgendetwas gibt es immer zu verbessern.

Erst recht, wenn's wichtig wird: Man steht kurz vor dem entscheidenden Date mit dem neuen Kleid vor dem Spiegel, und die beste Freundin lacht sich kaputt. Was kann ein professioneller Shopping-Coach da noch retten?

"Sie kam also und fragte: Wo haben Sie denn Ihre Bekleidung? Und dann ging ich mit ihr in den Kleiderschrank und sie sagte: Aha – das geht ja gar nicht! Das ist gar nicht Ihr Stil."

Peter Wollnik, 54, Trainer für Unternehmens- und Persönlichkeitsentwicklung, seit einem Jahr in Stilberatung.

"Es war ein Widerspruch zwischen dem, was ich in seinem Schrank gefunden habe bzw. was er mir gezeigt hat - und dem, wie ich ihn in seinem Umfeld erlebt habe."

Elisabeth Rogowska, 37, seit fünf Jahren selbständige Einkaufsberaterin, Visagistin und Stil-Coach.

"Und dann habe ich jedes einzelne Kleidungsstück ihr vortragen dürfen. Und dazu bekam ich dann die einzelnen Kommentare, die sich zum Schluss dann so äußerten, dass sie sagte: Also, wenn sie sich verändern wollen, dann sollten Sie das alles nicht mehr tragen."

Weiße Wände, helles Parkett, eine breite Fensterfront. Die Agentur von Elisabeth Rogoswka wirkt auf den ersten Blick wie der Empfangsraum einer Maßschneiderin: Die Modepuppe in der Ecke, eine frei schwingende Kleiderstange, große Spiegel, und auf dem schlichten Schminktisch Kataloge mit Schnittmustern. Nur dass es für ein Schneideratelier zu aufgeräumt ist.

Eisabeth Rogowska blickt kurz aus dem Fenster, streicht ihre weiße, enge Schlaghose glatt. Darüber trägt sie eine Synthetik-Bluse in pink und neongrün. Schwarze Locken fallen ihr offen auf die Schulter. Es ist viertel vor zehn. Die Glastüren der Shopping-Arcaden am Potsdamer Platz sind noch geschlossen, während sich bei McDonalds nebenan die ersten Schlangen vor der Kasse bilden.

Fettgeruch zieht die Hauswand hoch. Elisabeth Rogowska schließt die Fenster, greift zu einem Teelicht, zündet es an. Ihre Fingernägel sind akkurat gefeilt und in einem dezenten Rosa lackiert. Um zehn kommt Peter Wollnik. Seit einem Jahr ist der Unternehmensberater Stammkunde von Elisabeth Rogowska, alle paar Wochen gehen sie gemeinsam einkaufen. Aber der Termin heute ist ein Notfall.

Peter Wollnik ist fünf Minuten zu früh: Ein Mann mit weichen Gesichtszügen, hoher Stirn und einer randlosen Designerbrille. Mit schnellen Schritten betritt er das Atelier, einen Rollkoffer an der rechten Hand:

"Ich habe Ihnen ja am Telefon gesagt, Frau Rogowska, ich habe mir einen Anzug gekauft und zu Hause noch mal angehabt – aber irgendwas stimmt an dem Anzug nicht. Ich fühle mich darin nicht wohl und da dachte ich mir, ich komme noch mal zu ihnen, um zu gucken: Habe ich mich da verkauft? Oder was ist es, dass ich mich darin nicht wohlfühle?"

Elisabeth Rogowska nimmt ihrem Kunden charmant den Koffer aus der Hand, öffnet den Deckel, packt nacheinander Sakko, Anzughose, Hemd, Schuhe und Strümpfe aus schwarzen Stoffbeuteln. Peter Wollnik lässt sich in einen Sessel fallen.

"Gut, dann ziehen Sie das einfach an! – Muss ich das wirklich? Sie wissen ja, ich ziehe das immer so ungerne an. – Ja, ich weiß. Aber sonst wird es ein bisschen schwierig, zu gucken, was da nicht so stimmt. – Okay. Ich gehe schon mal in die Garderobe, ja? – Gerne!"

Keine zwei Minuten später ist er zurück, trägt jetzt ein graues Leinensakko, darunter ein Hemd mit grau-weißem Muster und passende graue Lederschuhe. Extra dazu gekauft, sagt Wollnik, grinst, geht lässig in die Hocke, dreht sich vor dem wandhohen Spiegel.

"Mich stören diese Knitter, die überall sind. Aber ich wollte auch mal meinen ganzen Mut zusammennehmen und mich selbst kreativ gestalten. Auf der Puppe in dem Geschäft sah der sehr gut aus. Und als ich den so im Geschäft gesehen habe, da hatte er diese Knitter nicht."

Die Einkaufsberaterin mustert das Spiegelbild, ihre Gesichtszüge geben nichts preis – dann wendet sie sich ihrem Stammkunden zu:

"Also, ich finde, das ist superschöne Kombination, was Sie perfekt farbentechnisch – Habe ich gut gemacht, ja? – Zusammengestellt haben. Superschön. – Vielen Dank. – Aber die Stoffqualität, die dieser Anzug hat, also Leinen, knitterlich, ohne richtige Formgebung: Er einfach wirkt nach einer gewissen Zeit etwas schlampig, leger– Ja, schlampig, so fühle ich mich auch!"

Der 54-Jährige zieht eine Grimasse, ärgert sich über seinen Fehlkauf. Elisabeth Rogowska bleibt gelassen, sie kennt Wollnik, lächelt ihm aufmunternd zu.

"Wie wäre das, wäre das vorstellbar, wenn Sie dazu weiße Jeans anziehen würden? - Kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. – Also vorstellbar wäre das, aber ich kann’s mir so nicht vorstellen. – Na ja, wie wäre das, wenn wir das sofort umsetzen und gucken, ob wir davon in den Arcaden was kriegen? – Wenn Sie mit mir gehen? – Ja, na klar. – Gut, dann machen wir das."

Peter Wollnik nickt erleichtert, ist schon bei seinem Koffer, kramt in den Stoffbeuteln.

"Ich muss dann andere Socken anziehen, Frau Rogowska. Ich habe nämlich jetzt die blauen angelassen, aber ich habe auch graue dabei. – Ja, das spielt jetzt nicht so die Rolle. – Na dann fühle ich mich aber nicht gut mit blauen. – Dann ziehen Sie halt die weißen, die braunen, ich meine: die grauen an."

Er wollte sich verändern, erzählt Wollnik, wusste nur nicht, wie. Bei einer Geschäftsveranstaltung lernt der Unternehmensberater dann Elisabeth Rogowska kennen – und nimmt ihre Stilberatung umgehend in Anspruch.

"Ich habe sie dann in meine Wohnung eingeladen und sie hat also erstmal die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, weil das, was ich damals an Bekleidung getragen habe, war sehr konservativ. Ich hatte ausschließlich maßgeschneiderte Bekleidung, also diesen klassischen Zweireiher: Anzug, Blazer, alles dunkel, so …"

Die 37-Jährige nickt zustimmend.

"Und dann hat er das angezogen, da dachte ich: Mensch, irgendwie komisch: Wenn ich ihn erlebt habe, war er für mich eigentlich ein Mann, der dreißig sein könnte in seinem Wesen – von seiner Bekleidung aber gesetzter, sehr konservativ wirkte. Wo es für mich eigentlich keine Übereinstimmung war."

Von Rogowskas Atelier bis zu den Shopping-Arcaden sind es keine fünfzig Schritte. Peter Wollnik tritt vor, hält der schlanken Frau mit ausladender Geste die Glastür auf, folgt ihr zu den Rolltreppen ins Untergeschoss.

"Ich war überzeugt davon, dass man eben als Unternehmensberater und Trainer immer in dieser Extravaganz sich darstellen muss. Also immer Schlips, immer den Knopf zu, immer im Anzug – und wenn Sie so wollen, war es natürlich eine Art Rüstung oder Selbstschutz, den ich mir angelegt habe, um mich nicht so zu öffnen."

Ein rechteckiger Kunststoffbrunnen speit Wasserfontänen, drei Jugendliche mit Jeans in den Kniekehlen hängen gelangweilt auf dem Beckenrand. Peter Wollnik ignoriert sie, erzählt weiter, läuft hinter seiner Einkaufsberaterin her, die gezielt den Laden einer internationalen Modekette ansteuert.

"Ich habe eine Rot-Grün-Farbschwäche, ich wusste also auch nicht unbedingt, welche Farbe passt mit was zusammen. Ich hatte vor zehn, fünfzehn Jahren eine klassische Farb-Stil-Beratung, wo man also so Tücher angelegt bekommt und daran habe ich mich ein bisschen orientiert. Und mein Schneider bzw. sein Frau sagte mir auch immer: Also Anzug eins passt zu Hemd zwo mit Krawatte drei. Also hatte ich mir so ein System zusammengelegt, wo ich wusste, das funktioniert. Ob ich mich wohlgefühlt habe, kann ich Ihnen gar nicht sagen."

Während Wollnik am ersten Tisch mit Hosen stehen bleibt und zu kramen beginnt, läuft Elisabeth Rogowska ins Ladeninnere, scannt dabei die Jeans auf den Kleiderpuppen, den Stangen, den Tischen – und geht auf eine junge Verkäuferin zu.

Erstes Fazit nach einer Minute: Die Kollektion hält drei weiße Jeans parat, zwei der Modelle kommen in Frage. Die Verkäuferin will aber zur Sicherheit auch noch mal bei ihrer Kollegin nachfragen. Elisabeth Rogowska nickt. Ich binde das Personal immer ein, sagt sie beiläufig, die kennen das Sortiment ihres Ladens schließlich am besten.

"Also ich glaube, es ist immer die Art und Weise, wie ich kommuniziere auch mit dem Verkäufer. Das sind für mich genauso Fachleute. Aber ich begleite jemanden, das heißt ich stehe zwischen dem Verkäufer und dem Kunden. Und da bin ich so ein Wohlfühlfaktor für den Kunden, wo ich das praktisch schon vorsortiere."

Wohlfühlen ist nicht ganz billig: 75 Euro die Stunde kostet es, mit Elisabeth Rogowska einkaufen zu gehen. Provision von den Modegeschäften nimmt die Personal Shopperin aber nicht. Kein Kaufzwang also. Und der zweite Vorteil einer unabhängigen Beratung: Im Gegensatz zum Verkäufer im Laden sucht sie einem garantiert nicht das raus, was man sowieso schon fünfmal im Kleiderschrank hat.

"Also er geht danach, was er sieht. Und jetzt stellen Sie sich vor: Der Mensch sucht nach einem neuen Stil, aber trägt noch etwas, das seiner Persönlichkeit nicht entspricht. Das heißt: Man bleibt im alten Muster. Ich versuche, die innere Sehnsucht eines Menschen, wie er sich geben möchte nach außen, das umzusetzen, indem ich adäquat die Bekleidung als Ausdrucksform für den Menschen raussuche."

Elisabeth Rogowska sieht sich nicht als reine Modeberaterin, sondern als Coach der gesamten Persönlichkeit. Die 37-Jährige hängt eine Jeans in Wollniks Größe – die hat sie im Kopf – über die Stange einer Umkleidekabine. Ihre Kunden sind Männer und Frauen, die meisten jedoch weiblich, zwischen 25 und 60. Erfolgreiche Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, ein bestimmtes Image präsentieren müssen. Viele sind auf der Suche nach einem weiblicheren Outfit, das sie ebenso im Job tragen können: Also nicht immer nur Hosenanzug oder Rock mit Blazer. Diesen Wunsch kennen auch die Macher von Frauenzeitschriften: Keine Rubrik ist beliebter als die Vorher-Nachher-Fotoshootings, bei denen der Auserwählten, neben einem neuen Outfit, gleich noch eine neue Frisur, ein neues Make-Up und meist auch der gewünschte, selbstverständlich dezente, Hauch Sex-Appeal verpasst wird.

"Ich glaube, dass viele Menschen heute durch ihre Kleidung eine künstliche Präsenz zur Schau tragen, die oft nicht dem entspricht, was sie wirklich auch sind. Sondern es ist immer eine Jagd, up to date zu sein, oder das Neueste zu tragen. Die sozusagen die Trends der Mode übernehmen, was mit ihrer Persönlichkeit nicht unbedingt etwas zu tun hat. Und das ist eine Art sich zu verkleiden, um zeitgemäß zuwirken."

Elisabeth Rogowska arbeitet seit fünf Jahren als selbständige Visagistin, Personal Shopper und Stil-Beraterin. Das ist meine Berufung, sagt die 37-Jährige knapp. Die gebürtige Polin wächst mit Stoffen und Schnittmustern auf, ihr Vater ist Herrenmaßschneider. 1994 kommt sie nach Berlin, um Modedesign zu studieren, lernt dafür extra deutsch. Aber woher weiß sie, welcher Stil der Persönlichkeit entspricht? Ist das nicht etwas ganz Individuelles? Sie kennt die Frage, schüttelt die schwarzen Locken, lacht.

"Das ist natürlich auch nicht so, dass ich das alles in Bildern schon fertig habe, was ja heißen würde, dass ich in dem Menschen drinnensitze. So ist es nicht. Sondern man entdeckt das wirklich auch zusammen."

Die Einkaufsberaterin dreht sich suchend um, das Geschäft ist um diese Tageszeit fast leer. Peter Wollnik steht noch immer am gleichen Tisch direkt am Eingang, drei weiße Jeans unter den linken Arm geklemmt. Mit der rechten Hand zupft er ungeduldig den restlichen Stapel auseinander – auf der Suche nach seiner Größe. Die Jeans unter seinem Arm rutschen ihm weg, fallen auf den Boden. Elisabeth Rogowska geht zu ihm, hebt schnell die Jeans auf, schaut Wollnik fragend an.

"Ist ne32, 34. – Der Schnitt ist aber schön. – 34 ist mir definitiv zu lang. Also die Bundfalte könnte passen."

Bestimmt nimmt die 37-Jährige ihm die vier Jeans ab, legt sie – bis auf eine – zurück auf den Tisch, lotst Wollnik zur Umkleidekabine.

Die Einkaufberaterin prüft kurz ihr Spiegelbild, atmet durch und wartet. – Nach zwei Minuten geht der Vorhang auf: Wollnik trägt jetzt weiße Jeans zu grauem Sakko, darunter das gemusterte Hemd, in die Jeans gesteckt. Richtig glücklich ist er nicht. Er bleibt in der Kabine stehen, steigt unwohl vom einen aufs andere Bein, zieht den Bund der Jeans bis in die Taille hoch.

"Die Größe passt, nur die Länge ist nicht okay. – Na ja, mit den Schuhen sieht das gleich ganz anderes aus."

Der 54-Jährige hört nicht auf seine Einkaufsberaterin, stapft in Strümpfen vor den Spiegel neben der Kabine, betrachtet sich kritisch, zieht theatralisch die Brauen hoch. Elisabeth Rogowska fasst ihn leicht am Arm.

"Es geht, Herr Wollnik, es geht nicht darum, dass das jetzt die perfekte Hose ist. Sondern einfach, dass wir diese Idee überprüfen."

So richtig überzeugt ist er immer noch nicht.

"Und wenn ich das Hemd mal nach draußen nehme? – Können Sie versuchen, gerne. – Gefällt mir besser. – Na, ja, ist auch sehr gut. Gefällt mir auch sehr gut. Wie ist das jetzt mit der Kombination: Andere Hose und Sakko? – Schwierig. – Dieses Grau ist für mich ein klassisches Anzugsgrau."

Die Stilberaterin wagt noch einen zweiten Vorstoß: Sie schlägt vor, auch das unruhig gemusterte Hemd gegen ein schlichtes, weißes auszutauschen. Peter Wollnik schaut noch skeptischer – nickt aber folgsam und blickt sich fragend im Laden um.

"Sollen wir das jetzt mal versuchen mit einem anderen Oberteil? Ich besorge das. Die Frage ist nur, ob Sie das jetzt anziehen möchten. Mit einem anderen Oberteil. – Na, wir können’s mal probieren. – Ja? Dann hole ich eins."

Die meisten meiner Kunden, sagt Rogowska, nehmen sich nicht die Zeit wie Herr Wollnik, einen eigenen Stil zu entwickeln. Sie kommen zu drei, vier Terminen und wollen eine konkrete Anleitung: Was ihnen steht, was sie anziehen sollen und wo sie es kaufen können. Ein Rezept. Sie zieht die Schultern hoch: Klar gebe ich ihnen das dann auch.

"Coaching nehmen weniger Menschen in Anspruch, weil in der heutigen Zeit muss alles schnell geschehen. Und die Menschen haben wenig Geduld, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Oder ist das vielen vielleicht auch zu anstrengend? Deswegen: Coaching, das auch den Anspruch hat, Stil zu entdecken, wird weniger in Anspruch genommen."

Die gebürtige Polin tauscht im Laufe des letzten Jahres nicht nur den Inhalt von Wollniks Kleiderschrank aus, sie schlägt ihm auch ein neues Brillenmodell vor und empfiehlt den richtigen Friseur – entwickelt sozusagen eine "corporate identity" seines persönlichen Auftritts.

Jetzt aber hat der Unternehmensberater keine Lust mehr. Ungeduldig geht er vor der Kabine auf und ab. Elisabeth Rogowska reicht ihm ein weißes, tailliertes Hemd, schaut streng. Auch Frauen sind nicht immer ausdauernd beim Einkaufen, das ist mehr Typsache, sagt sie. Und eine Zeitfrage, ruft Wollnik aus der Kabine. Die Stilberaterin grinst. Deshalb geht sie nach dem Erstgespräch zunächst alleine los, sucht nach Kleidungsstücken, die sie dem Kunden dann vorschlagen kann. Nie mehr als vier. Und die müssen stimmen.

"Und da ich mich jetzt auf diese Sache nicht vorbereiten konnte, da ich nicht wusste, was auf mich zukommt, muss man damit rechnen, dass es jetzt spontan auf Anhieb nicht klappt."

Aber Peter Wollnik will den Anzug – oder das, was daraus wird – unbedingt zum Besuch bei seinem Sohn in drei Tagen anziehen. Deshalb macht er weiter mit. Der 54-Jährige zieht den Vorhang zur Seite, Elisabeth Rogowska schaut gespannt – nicht so sehr auf den Anzug, mehr auf Wollniks Gesichtsausdruck.

"Das geht schon besser. – Ja, das wird ein bisschen ruhiger. – Wobei, ja, das wirkt jetzt ganz anders: Wirkt eleganter. Und vorher war das so bllh …– Flaschig. – Ja."

Der Unternehmensberater betrachtet sich im Spiegel, nickt, guckt noch mal, seine Augen beginnen zu strahlen. Volltreffer. Er tänzelt vor dem Spiegel auf und ab, geht zurück zur Kabine, will jetzt auch das Sakko anziehen.

"Aber ich finde das schon so ganz toll, ohne Sakko. Mit den grauen Schuhen und dem Hemd. – Echt? – Ja. – Frau Rogowska, Sie verblüffen mich immer wieder. Das würde ich mir ja nie zu Hause anziehen: Ne weiße Hose mit grauen Schuhen. Aber das passt."

Das Sakko muss drüber, schon weil das weiße Hemd sehr durchsichtig ist. Und niemand sein Tattoo sehen soll. Wollnik drückt den Rücken durch, dreht sich vorm Spiegel: Graue Schuhe, weiße Jeans, weißes Hemd, graues Sakko – diese Kombination ist elegant und lässig zugleich, da sind sich beide jetzt einig. Und aus professionellem Ehrgeiz – oder vielleicht auch nur aus Übermut – legt Elisabeth Rogowska noch mal nach.

"Sie können natürlich diese Kombination auch – ich weiß, dass Sie sich die Schuhe extra dazugekauft haben – Ja, extra für diesen Anzug habe ich mir die dazugekauft. – Okay, man könnte natürlich ein bisschen spielen und das vielleicht auch mit weißen Schuhen versuchen zu dem Anzug. – Jetzt bringen Sie mich ja wieder vor eine Herausforderung. – Zu viel? Okay, dann lassen wir das. – Ich habe jetzt keine weißen Schuhe! – Ich dachte, Sie haben weiße Schuhe. – Jetzt habe ich die nicht hier. Zuhause nur. – Ja, das meine ich ja: Zuhause ein bisschen experimentieren. – Aber wissen Sie, zum Experimentieren, da brauche ich immer Sie, da machen wir wieder einen Termin aus."

Peter Wollnik wehrt ab. Er ist bereits überzeugt. Das reicht. Jetzt soll alles ganz schnell gehen.

"Männer sind, wenn sie überzeugt sind, die besten Kunden, weil sie das sofort auch kaufen. Also die fragen nicht: Kriege ich irgendwo anders noch was Besseres oder Anderes oder preiswerter oder wie auch immer. Ich glaube, dass Männer auch mehr diese Ansprechperson benötigen oder sich wünschen, wo sie wissen, da sind sie gut betreut."

Die Marke, die er anprobiert hat, passt zwar noch nicht perfekt, aber eine weiße Jeans soll es auf jeden Fall sein. Elisabeth Rogowska wird sich also noch mal alleine auf den Weg durch die Läden machen und die optimale Hose für ihren Kunden suchen: Größe 33/32, mit ausgestelltem Bein, tiefem Sitz und in echtem Weiß. Hat sie die gefunden, kommt Wollnik dazu:

"Es gibt einfach Menschen, für die ist es zu stressig, von einem Ständer zum anderen zu laufen. Sie möchten einfach ganz gezielt das bekommen, wonach sie jetzt suchen oder was sie entdeckt haben für sich. Und dann ist es natürlich zeitaufwendig, das jetzt zu finden, genau das, was wir suchen. Und das ist die Zeit, die ich jetzt auch investieren muss."

Wenn ich meine Hemden bügeln oder meine Hunde ausführen lasse, nehme ich ja auch eine Dienstleistung in Anspruch, die mir Zeit spart, ruft Wollnik, steckt kurz den Kopf aus der Kabine. Aber die Entscheidung selbst, das ist ihm wichtig, die lässt sich nicht delegieren.

"Die Verantwortung kann ich nicht abgeben. Die würde ich auch nicht abgeben. Weil das würde ja bedeuten, dass mir jemand aufdiktiert, was ich anziehen muss. Aber aus der Vielfalt Alternativen zu entdecken, die mich dann in meiner Entscheidungsfindung unterstützen – das finde ich eine sehr gelungene Dienstleistung."

Elisabeth Rogowska schaut auf die Uhr, nickt zufrieden. Eine halbe Minute Pause, dann wird der Vorhang der Umkleidekabine zurückgeschoben: Peter Wollnik trägt wieder den grauen Leinenanzug mit den grauen Schuhen und den grauen Socken, strahlt, übergibt Jeans und Hemd seiner Einkaufberaterin. Dann wendet er sich noch mal um, betrachtet sich ein letztes Mal im Spiegel:

"Jetzt, nachdem ich diesen Anzug wieder anhabe, hat der ʼne andere Charaktere. Total spannend. Jetzt kann ich mir auch das vorstellen. Auf einmal ist da eine Präsenz da, weil dieses klassische Anzugsschema sich verändert hat. – Ah ja. – Ich bin Ihnen da so dankbar, weil jetzt kann ich den auch wieder anziehen. Aber jetzt habe ich auch die Alternative mit einer weißen Hose. – Oder vielleicht nur mit einem weißen Hemd. – Ja, oder vielleicht nur mit weißem Hemd."

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