Seit 03:05 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 03:05 Uhr Tonart
 
 

Reportage / Archiv | Beitrag vom 11.04.2013

Neustart in der Provinz

Spanische Fachkräfte in Thüringen

Von Johannes Kulms

Um der Arbeitslosigkeit in ihrer Heimat zu entkommen, versuchen Spanier in Deutschland ihr Glück. (AP)
Um der Arbeitslosigkeit in ihrer Heimat zu entkommen, versuchen Spanier in Deutschland ihr Glück. (AP)

Während in Spanien die Arbeitslosigkeit auf ein Rekordniveau klettert, werden in Deutschland händeringend Fachkräfte gesucht. Deshalb haben sich 14 Spanier auf den Weg in die südthüringische Provinz gemacht, um dort bis zum Sommer in Betrieben der Industrie und der Gastronomie auf Probe zu arbeiten.

Sebastian Gonzales ist ein kräftiger Mann. Doch auch für ihn ist das, was da am Haken durch die Fabrikhalle schwebt, zu schwer. Behutsam manövriert der 42-jährige Spanier per Fernbedienung den silberglänzenden Kasten durch die Luft, der so groß ist, wie eine Waschmaschine.

Sebastian Gonzales: "Das Ding wiegt drei bis vier Tonnen!"

Das Ding ist ein Spritzgießwerkzeug und setzt jetzt sicher auf einer Holzpalette auf. Sebastian Gonzales löst den Haken und läuft zu einer großen Maschine rüber.

Gonzales: "Hier wird die Qualitätskontrolle angezeigt: Zeiten, Volumen ... Das einfachste wäre, hier rauf zu drücken, dann wird alles auf Spanisch angezeigt ... Aber ich will, dass es so ist ...!"

Per Knopfdruck springt die Bildschirmanzeige wieder ins Deutsche. Die Sprache ist immer noch mein größtes Problem, sagt Gonzales. Ansonsten ist er mit seinem Job als Einrichter. zufrieden. Seit Anfang März arbeitet der gebürtige Katalane in Floh-Seligenthal bei der Firma Plasttechnik Hohleborn. Das Südthüringer Unternehmen stellt Kunststoffteile her, zum Beispiel Scheinwerfergehäuse für Autos. Gonzales' Aufgabe ist es, die nötigen Werkzeuge auf den riesigen Maschinen anzubringen, diese zu waten und Befehle am Computer einzugeben. Dafür brauchen wir einen richtigen Facharbeiter, sagt Geschäftsführerin Annette Ullrich, die jetzt neben Gaonzales in der Fabrikhalle steht. Sie ist mit ihrem neuen spanischen Mitarbeiter zufrieden.

Annette Ullrich: "Ich hab das Gefühl, er bemüht sich und er will auch lernen und geht auch auf die anderen Einrichter zu und sagt, zeig mir das, ja, also, ich denke schon, es könnte klappen."

Das sogenannte Spanien-Projekt

"Es könnte klappen" soll heißen: Vielleicht wird Sebastian Gonzales bald fest eingestellt. Er ist eine von 14 spanischen Fachkräften, die seit Februar in Südthüringen leben und für sechs Monate auf Probe arbeiten. Initiator des sogenannten Spanien-Projektes ist die Industrie- und Handelskammer von Suhl. Bis heute sind bei der IHK an die 1000 Bewerbungen aus Spanien eingegangen, nachdem diese auf der Homepage eine Handvoll Anzeigen gezielt auf Spanisch veröffentlicht hatte. Viele kleine und mittelständische Industriebetriebe in der Region leiden unter Fachkräftemangel. Seit zwei Jahren finden wir keine Azubis mehr für den technischen Bereich, klagt auch Annette Ullrich.

1000 Euro brutto schreibt das IHK-Projekt als Mindestbezahlung vor. Der DGB Thüringen wittert darin Lohndumping. Ein Vorwurf, den Annette Ullrich zurückweist.

Ullrich: "Wir haben ihn jetzt so eingestellt, wie wir jeden anfänglichen Einrichter einstellen würden. Also, mit einem Grundlohn von 8,50. Und ich denke schon, dass wenn er sich gut macht, nach oben wachsen kann. Aber in den ersten sechs Monaten mit Sicherheit nicht."

Am Abend sitzt Sebastian Gonzales in seiner Küche auf einer gemütlichen Eckbank. Erzählt seine Geschichte. Dass er noch vor ein paar Jahren als Einrichter 50.000 Euro verdient hat. 2007 suchte er dann eine neue Herausforderung; wollte sich auf dem Feld der Erneuerbaren Energien selbstständig machen. Doch da kündigte sich bereits die Krise an, Gonzales ging zu einem kleinen Unternehmen, das sich auf Pelletheizungen spezialisiert hatte. Im Dezember 2011 meldete die Firma Konkurs an.

Gonzales: "In Spanien ist es jetzt schon etwas besonderes, überhaupt Arbeit zu haben. Wie viel man da verdient, ist gar nicht der Rede wert. Meinen früheren Kollegen aus Barcelona wurden die Löhne binnen mehrerer Jahre um 25 Prozent gesenkt."

In Barcelona oder Madrid hätte er noch Chancen auf einem Job. Aber dort möchte er nicht mehr leben. Nun sitzt er in Floh-Seligenthal, einer Gemeinde mit gerade mal 6000 Einwohnern. Weil es mit einer richtigen Wohnung noch nicht geklappt hat, hat der 42-Jährige erst mal ein Zimmer in einer Ferienwohnung bezogen.

Gonzales: "Als ich den Vertrag bekommen habe, hieß es, du gehst nach Floh-Seligenthal. Dann habe ich im Internet geschaut und gesehen: Das liegt in einem Tal, da leben nicht viele Leute - perfekt! Denn ich hatte keine Lust mehr auf Stadt."

Er wollte Natur und vor allem endlich einen Job. In seiner Freizeit erkundet er mit dem Fahrrad die Umgebung.

Neue Heimat: Floh-Seligenthal

Gonzales: "Ich will nicht bloß sechs Monate hier bleiben. Ich würde mich gerne dauerhaft niederlassen. Ich möchte die Sprache lernen, die Gewohnheiten und will mich in der Gesellschaft zurechtfinden."

Nereida Ruiz: "Hier ist noch eine Ablage. Da stelle ich immer das Geschirr hin und dann kommen die Sachen in die Maschine ..."

Probleme mit der Sprache und noch dazu dem thüringischen Dialekt hat auch Nereida Ruiz. Sie ist 26, kommt aus der Nähe von Málaga und arbeitet neuerdings im Servicebereich des Ringberg-Hotels in der Nähe von Suhl. Vor knapp einem Jahr hat sie ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau abgeschlossen. Einen Job fand sie danach - ohne Berufserfahrung - in Spanien nicht.

Natürlich, sagt sie, sind da Dinge, die sie im Thüringer Wald schmerzlich vermisst. Das Meer etwa oder ein schönes spanisches Dreigänge-Menü. Und auch Dinge, an die sie sich wohl nie gewöhnen wird …

Immer nur Kartoffelsalat

Ruiz: "Ich glaube, ich kann keinen Kartoffelsalat mehr sehen: Kartoffelsalat, Kartoffelpüree, Bratkartoffeln - andauernd gibt es Kartoffeln!"

Doch auch sie plant, wie Sebastian Gonzales, langfristig in Deutschland zu bleiben. Im Sommer will auch ihr spanischer Freund nach Deutschland ziehen. Und am liebsten würde Nereida Ruiz auch ihre Eltern holen. Die Entscheidung, ihr Heimatland zu verlassen, hält die junge Spanierin keineswegs für ungewöhnlich.

Ruiz: "Ich bin ja nicht die einzige Spanierin, die nach Deutschland geht. Ich finde es selbstverständlich, dass in einer europäischen Union das eine stärkere Land dem schwächeren hilft. Wer sagt denn, dass es morgen nicht genau umgekehrt sein könnte?"

Reportage

HochschulenStudieren in der Sardinenbüchse
Deutschlands Universitäten sind ausgelastet, darunter leidet die Lehre.  (picture-alliance / dpa / Thomas Frey)

Die Hörsäle überfüllt, die Dozenten überlastet: Viele Universitäten platzen aus allen Nähten. Darunter leidet die Qualität der Lehre. Doch es geht nicht nur um die Ausbildung der Studenten: Auch die Dozenten erwischt es. Mehr

ProtestBauern gegen Weltkonzern
Bloß nicht aufgeben: Die Bewohner der Gemeinde Zurawlow protestieren gegen Probebohrungen nach Gas.  (Foto: v. Aster)

Schon die Voruntersuchungen hatten beunruhigende Konsequenzen: Der Energiekonzern Chevron plant in einer ländlichen Gegend in Polen Probebohrungen nach Gas. Die Anwohner protestieren heftig. Mehr

FachkräftemangelOffene Türen
In einem Krankenhaus laufen Mitarbeiter über den Flur.  (picture alliance / ZB / Waltraud Grubitzsch)

Der Fachkräftemangel in der Medizin ist gravierend - gerade in den Provinzen. Krankenhäuser rekrutieren aus dem Ausland: Im Klinikum Hoyerswerda hat fast jeder zweite Arzt keinen deutschen Pass. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur