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Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.12.2015

Neues Gulag-Archiv in BerlinGeschichten von Zwangsarbeit, Kälte und Krankheit

Von Jens Rosbach

Holzbretterzaun und Stacheldraht am ehemaligen Straflager Perm 36, das bis 1989 von der Sowjetunion als Gefängnis für Dissidenten und andere Häftlinge benutzt wurde, aufgenommen am 24.07.2009. Die Anlage wird heute als GULAG-Museum benutzt. (dpa / Matthias Tödt)
Holzbretterzaun und Stacheldraht am ehemaligen Straflager Perm 36. Die Anlage ist heute ein Gulag-Museum (dpa / Matthias Tödt)

In Berlin ist ein einzigartiges Archiv entstanden: Die Bundesstiftung Aufarbeitung hat über 200 Interviews von Gulag-Überlebenden gesammelt. Ein historischer Schatz, denn die Zeitzeugen sterben aus.

Es geschah kurz nach dem Mauerfall. Im Jahr 1990 lernt der ostdeutsche Geschichtslehrer und Pionierleiter Meinhard Stark zum ersten Mal Gulag-Überlebende kennen. Die alten Damen öffnen dem Mittdreißiger, der an den Sozialismus geglaubt hat, die Augen.

"Es waren vor allem die dramatischen Jahre der Haft, der Verlust, die Ermordung ihrer nächsten Angehörigen, die Trennung von Kindern, dass diese Gespräche für mich persönlich zu einer politischen Therapie wurden."

Die nächsten 25 Jahre lässt Meinhard Stark das Thema Gulag nicht mehr los. Immer wieder reist er in die ehemalige Sowjetunion, um weitere Zeitzeugen aufzuspüren und zu befragen. Viele von ihnen, wie zwei Überlebende aus Tatarstan, wohnen in ärmlichen Hütten.

"Das sah so aus wie ein Schuppen. Die Eingangstür war nicht so groß wie meine Körpergröße, also man musste sich bücken. Der erste Flur war nur gestampfte Erde. Dann gab es einen Raum, der erinnerte an einen Haftraum. Ein großer Lehmofen, aus einfachem Holz gezimmertes Doppelbett, aber man kann auch Pritsche dazu sagen. Aber – und das war wiederum das Erwärmende – zwei alte Damen in der typischen russischen Kleidung einer Bäuerin: Kopftücher, Schürzen – die so eine Herzlichkeit ausstrahlten."

Jahrzehntelang war über das Thema geschwiegen worden

Geschichten wie diese bekommt der Berliner zu hören, Geschichten von Zwangsarbeit, Kälte und Krankheit.

"Die Lagerrationen waren klein. Und es waren Produkte, die heute niemand ansehen würde: ungeschälte Kartoffel, verdorbener Kohl. Mein Magen war schon so zusammen geschrumpft, dass ich schon keinen Hunger verspürte wahrscheinlich. Oder war ich immer hungrig und hatte mich daran gewöhnt. Häftlinge haben sich gegenseitig beklaut, Bekleidung und Lebensmittel. Wenn Du etwas Wertvolles hattest, musstest Du das ständig am Körper tragen."

235 ehemalige Lager-Insassen und deren Angehörige konnte Meinhard Stark interviewen – Zeitzeugen aus Russland, der Ukraine, Litauen, Polen und auch Deutschland. Zudem sammelte er hunderte KGB-Schreiben, Briefe und Fotos. Eine neuartige Dokumentation. Denn jahrzehntelang war über das Thema geschwiegen worden: Im Ostblock galt es als hochgefährlich, die stalinistische Repression anzusprechen. Und auch in Westdeutschland war das Thema lange tabu, besonders in den 50er und 60er Jahren.

"In der Bundesrepublik der Wirtschaftswunderjahre passte alles nicht ins Bild. Die Leute wollten auch überhaupt nicht an traurige Dinge denken. Sie wollten nicht an ihre eigene Vertreibung denken, sie wollten nicht an die Bombardierungen denken, vor allem wollten sie nicht an ihre Teilhabe im Nationalsozialismus denken – also alle diese Themen spielten genauso eine Rolle wie die Erfahrung der zurück gekehrten Deutschen aus dem Gulag."

"Eine ältere Frau wollte zum Strohschieber hinlaufen und sich den Sack füllen mit frischem Stroh. Gleich wurde sie erschossen, als Flucht. Und haben sie uns vor das Tor gestellt. Und drei Tage lag diese Frau tot vor dem Tor. Also dass wir wissen, dass wir nicht flüchten dürfen."

Heute hat in Russland wieder Stalin-Propaganda Konjunktur

Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion konnte das System der Strafarbeitslager aufgearbeitet werden. In den 1990er Jahren stellte sogar der russische Geheimdienst Gulag-Akten zur Verfügung. Doch bald schon schlossen die Archive wieder ihre Türen – heute hat wieder Propaganda vom heldenhaften Kriegsführer Stalin Konjunktur. Und Russlands wichtigste zivilgesellschaftliche Geschichtsinitiative, der Verein Memorial, wird von den Behörden drangsaliert.

"Zum einen ist es für diejenigen, die Opfer in diesen Lagern waren und für ihre Hinterbliebenen schwer erträglich, wenn sie miterleben müssen, dass im Prinzip alte Deutungsmuster wieder hochgeholt werden", ...

...klagt Anna Kaminsky, die Geschäftsführerin der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

"Also dass diejenigen, die unter der stalinistischen Herrschaft in die Lager verschleppt worden sind, eigentlich Staatsfeinde waren oder Kriminelle. Und das andere ist natürlich auch, dass Menschen sich nicht mehr trauen, sich ihre Geschichte zu erzählen."

Kaminsky ist deshalb froh, dass sie nun die Interview- und Dokumentensammlung des Gulag-Forschers Meinhard Stark archivieren konnte. Die Bundesstiftung ermöglicht in ihrer Berliner Geschäftsstelle ab sofort Hobby-Forschern, Journalisten und Lehrern eine digitale, vernetzte Recherche an sechs Arbeitsplätzen. Stalins Terror, so Kaminsky, müsse auch künftigen Generationen vor Augen geführt werden.

"Wenn sich eine Schülergruppe irgendwo in der Bundesrepublik für das Thema interessiert, dann sind wir im Moment auch dabei, schulische Materialien zu dem Bestand vorzubereiten, die von unserer Homepage runtergeladen werden können – so dass man auch an anderen Orten – in Bonn, in Köln, in Hamburg – sich mit diesem Thema befassen kann und nicht unbedingt hier in unser Archiv nach Berlin kommen muss."

Die Homepage der Bundestiftung Aufarbeitung

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