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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.01.2014

NeueditionFabelhaft aktuell

Edith Wharton: "Dämmerschlaf"

Von Edelgard Abenstein

In eine Tasse wird Tee aus einer Kanne eingegossen. (picture alliance / dpa / PA Edmond Terakopian)
Schon in den 20er Jahren - Stress beim Tee (picture alliance / dpa / PA Edmond Terakopian)

Edith Wharton, 1921 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, gehörte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den erfolgreichsten Autoren. Im Manesse-Verlag erschien nun ihr neu übersetzter Roman "Dämmerschlaf".

New York, Ende der 1920er Jahre. In der Welt der oberen Zehntausend ist das Leben nur scheinbar ein Fest. Die Manfords gehören dazu. Man gibt glänzende Diners, jagt von Party zu Party, treibt gewissenhaft Sport, legt sich auf die Analytikercouch, hetzt zwischen Maniküre und Mentaltraining durch Ausstellungen und geht über die Pläne für ein neues Schwimmbecken auf dem rustikalen Sommersitz. Ein gnadenloser Stundenplan, der täglich auch noch Verjüngungskuren und das Engagement für gute Zwecke vorsieht, lässt Mrs Manford kaum Zeit, sich um ihre Nächsten zu kümmern.

Dabei läuft dort einiges sehr unschön. In der Ehe des Sohnes Jim mit der flatterhaften Lita kriselt es. Die gelangweilte junge Frau steht kurz davor, wegen einer Hollywoodkarriere Mann und Kind zu verlassen, abgesehen davon stellt sich heraus, dass sie vor Jahren in einem Gurucamp schon mal die Hüllen hat fallen lassen. Während Tochter Nona sich in den falschen Mann, einen verheirateten Cousin, verliebt, macht Mr. Manford, dem die Tüchtigkeit seiner Frau zunehmend auf die Nerven geht, seiner Schwiegertochter auffällig den Hof. Um den schönen Schein wieder herzustellen, ist Handeln gefragt.

Spott und Momente der Nachdenklichkeit

Edith Wharton (1862-1937) erzählt dieses giftige Porträt einer Gesellschaft, die mit nichts anderem als der Pflege ihres Inneren und Äußeren beschäftigt ist, aus mehreren Perspektiven. Geschickt spielt sie deren verschiedene Strategien, ohne Sorgen durchs Leben zu kommen, gegeneinander aus, so dass der Leser die ahnungslosen Akteure immer schon durchschaut. Dabei beherrscht sie perfekt, was man amerikanischen Erzählern so gerne nachsagt: Stilsicherheit, epische Breite und Reichtum an sprechenden Details.

Vor allem aber besitzt sie die Fähigkeit, Figuren lebendig werden zu lassen. Allein die Beschreibung, wie Mrs. Manford mit einer unerwarteten freien Stunde, "der ersten seit Jahren", kämpft, in der ihr kein Termin, keine Verabredung Halt gibt ("sie gähnte ihr entgegen wie die schlüpfrigen Wände eines Abgrunds"), das ist bitterböse und hochamüsant. Oder wie Nona in den Ring steigt gegen die Ehefrau des von ihr erfolglos geliebten Mannes, an der "alles schmal und senkrecht war wie im Gesicht einer Heiligen", darin zeigt sich mehr als satirische Könnerschaft. Denn bei allem Spott gönnt Wharton ihrem Personal in seiner rastlosen Betriebsamkeit durchaus Momente der Nachdenklichkeit.

Wie man aus dem informativen Nachwort von Verena Lueken erfährt, verkehrte Edith Wharton selbst in der Upper Class. Das Leben als Society-Lady gab sie nach ihrer Scheidung auf, wurde mit knapp vierzig Schriftstellerin und ließ sich in Frankreich nieder. Mit 47 Büchern - Romanen, Reiseberichten, Novellen und Gedichten - ungemein produktiv, hat sie sich ihren Reichtum selbst erschrieben. Nach den großen Bestsellern wie "Zeit der Unschuld" (1920) war "Dämmerschlaf", 1927 erschienen, damals kein Erfolg, was an der bissigen Gesellschaftskritik gelegen haben mag.

Bis heute hat ihr Roman nichts an Schärfe eingebüßt. Er ist geradezu fabelhaft aktuell, zeigt er doch eine narkotisierte Welt, in der alles auf Effizienz gebürstet wird, um die Angst zu betäuben, die Angst vor Altern, Elend und Vergänglichkeit.

Edith Wharton: Dämmerschlaf
Mit einem Nachwort von Verena Lueken
Aus dem Amerikanischen von Andrea Ott
Verlag Manesse, Zurich 2013, 320 Seiten, 24,95 Euro

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