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Interview / Archiv | Beitrag vom 14.03.2011

Neue "Sicherheitsphilosophie" notwendig

Soziologe fordert Umdenken bei Reaktorsicherheit

Ulrich Beck im Gespräch mit Jan-Christoph Kitzler

Die drohende Atomkatastrophe in Japan muss Konsequenzen auf deutsche Sicherheitsszenarien haben, sagt Ulrich Beck. (Stock.XCHNG)
Die drohende Atomkatastrophe in Japan muss Konsequenzen auf deutsche Sicherheitsszenarien haben, sagt Ulrich Beck. (Stock.XCHNG)

Der "Risikogesellschaft"-Autor und Soziologe Ulrich Beck sieht die Notwendigkeit, auch unvorstellbare Ereignisse, wie Flugzeugabstürze und Terroranschläge, in die Sicherheitsszenarien für Kernkraftwerke einzubeziehen. Auch wenn Risikofreiheit nicht möglich sei, könne eine Gesellschaft sich entscheiden, wie viel Unsicherheit sie akzeptieren will.

Jan-Christoph Kitzler: Jetzt müssen wir wohl wieder die Debatte um die Zukunft der Atomkraft führen, wie schon vor 25 Jahren nach der Tschernobyl-Katastrophe. Doch danach ist zumindest in Deutschland nur wenig passiert, man konnte das damals auf die schlechte Ostblocktechnik schieben in den Zeiten des Kalten Krieges.

Damals, nur wenige Wochen vor der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986, ist das Buch "Risikogesellschaft" von Ulrich Beck erschienen. Der Soziologe hat lange Jahre an der Ludwig-Maximilians-Universität in München gearbeitet, inzwischen lehrt er in London und in Harvard, guten Morgen, Herr Beck!

Ulrich Beck: Guten Morgen, Herr Kitzler!

Kitzler: Die Vertreter der Atomwirtschaft haben gestern erklärt, eine Katastrophe wie die in Japan ist in Deutschland schlechterdings nicht vorstellbar. Kann man sich so eine Katastrophe überhaupt vorstellen?

Beck: Ja zunächst einmal wird man versuchen, die Ereignisse in Japan, die uns ja alle noch sehr bedrücken und von denen wir noch nicht mal wissen, was sie nun wirklich für Konsequenzen haben werden, auf Japan abzuschieben. Man hat damals bei Tschernobyl versucht, das war insbesondere Herr Strauß, zu sagen, das ist ein kommunistischer Reaktor, und damit schien das nicht eine Angelegenheit des westlichen Europas, des Kapitalismus zu sein, sondern eben der schlechten Qualität kommunistischer Reaktoren.

Dieses Mal wird man versuchen, die Besonderheit des Erdbebenlandes Japan ins Zentrum zu stellen und auf diese Art und Weise sozusagen die Sicherheitsphilosophie der deutschen Atomkraftwerke zu schützen. Aber ich glaube, das wird nicht gehen.

In der Tat handelt es sich erst mal um unvorstellbare Ereignisse, das heißt, Ereignisse, die nicht nur nicht kalkulierbar sind, sondern die sozusagen auch in unseren Voraussichten, in unseren Szenarien überhaupt gar nicht angelegt sind. Und diese Unvorstellbarkeit, mit der wir immer wieder konfrontiert sind, gilt es nun allerdings zu übersetzen in konkrete Verfahren, wie Kernkraftwerke auch in Deutschland oder in Europa oder überall in der Welt ausgestattet sein müssen, damit sie darauf vorbereit sein können.

Kitzler: Die Bundeskanzlerin versucht eigentlich eher, wenn ich sie richtig interpretiere, die vermeintlich sichere Technik gegen Naturereignisse auszuspielen, das haben Sie eben auch schon angedeutet. Sie hat gesagt, es gibt – ich zitiere mal – "Kräfte der Natur, vor denen wir machtlos stehen und die uns immer wieder ein Stück Demut abfordern", und sie hat auch gesagt, "wir wissen, dass wir auch ein Stück weit in Gottes Hand liegen". Das sind doch eigentlich voraufklärerische Aussagen, oder?

Beck: Ja, wir sind in einer Zeit, in der in der Tat Natur und Gesellschaft, also Technik und das, was wir der Natur zuschreiben oder Gott zuschreiben, nicht mehr so eindeutig getrennt werden können. Wir sehen das ja an den Ereignissen in Japan: Auf der einen Seite das Erdbeben und die Tsunami-Konsequenzen, auf der anderen Seite vermischt sich das ja gerade mit den Folgen, die das für die Sicherheitstechnologie hat. Das haben wir versucht, bisher auszuschließen.

In Japan war das anders, da hat man in der Tat ja versucht, auch Erdbeben mit in die Kalkulation einzubeziehen und auf diese Art und Weise die Anlagen sicherer zu machen. Das hat offenbar nicht geklappt, denn es ist ja nun in zwei oder drei Reaktoren der Fall, dass diese Annahmen nicht wirklich gewährleistet haben, dass das möglich wurde.

Bei uns wird es jetzt in Zukunft darum gehen, dass in der Tat eben nicht nur eine innere, technische Sicherheit möglich ist, sondern dass man die Verbindung zur Natur, also möglichen Ereignissen, wie wir sie auch in Japan erlebt haben, Erdbeben – in Europa ist das ja auch der Fall, bei uns, nicht im selben Maße, aber immerhin –, aber darüber hinaus eben auch Fragen, inwieweit so unvorstellbare Ereignisse wie Terrorattentate oder Abstürze von Flugzeugen auf Kernkraftwerke nicht doch in das Kalkül der Sicherheit mit einbezogen werden müssen.

Kitzler: Das heißt, die Technik gegen die Natur oder gegen den Einzelfall auszuspielen, das funktioniert im Zweifelsfall nicht mehr. Wie muss man diese Debatte organisieren?

Beck: Ich glaube, es wird zwei extreme Gegensätze geben. Auf der einen Seite – und dafür spricht ja auch sehr viel – werden große Gruppen sagen, das Risiko können wir überhaupt nicht tragen, eben weil es unvorstellbar ist und weil die Konsequenzen so fatal sind. Auf der anderen Seite wird man versuchen, wie das jetzt eben die Bundesregierung schon tut, den Status quo zu verteidigen.

Es wird glaube ich notwendig sein, auf der einen Seite jetzt wirklich die Sicherheitsphilosophie zu verändern, also zu öffnen für nicht nur technische, sondern eben natürliche Ereignisse oder eben auch Ereignisse aus der Gesellschaft und aus der Politik, wie den Terrorismus.

Aber darüber hinaus werden wir einen ganz entscheidenden Schritt weitergehen müssen: Wir werden akzeptieren müssen, dass eine risikofreie Gesellschaft nicht möglich ist, daran aber anknüpfend die Frage diskutieren müssen, wie viel Sicherheit, wie viel Risiko wollen wir hinnehmen, was macht die Kultur der Unsicherheit aus, in der wir leben wollen?

Kitzler: So sieht es der Soziologe Ulrich Beck, Autor des Buches "Risikogesellschaft". Haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

Beck: Gerne!

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