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Religionen / Archiv | Beitrag vom 27.07.2013

Neue Neuapostolische Kirche

Langsame Öffnung der bisher exklusiven Glaubensgemeinschaft

Von Rainer Brandes

Neuapostolische Kirche in Westerland auf Sylt (picture alliance / Stephan Persch)
Neuapostolische Kirche in Westerland auf Sylt (picture alliance / Stephan Persch)

Erstmals in ihrer 150-jährigen Geschichte hat die Neuapostolische Kirche einen Katechismus veröffentlicht, also genau und öffentlich verkündet, was sie glaubt. Die Neuapostolischen Christen, räumen ein: Es könnte auch außerhalb ihrer Reihen Heil in christlichen Kirchen geben.

Ein handliches, freundlich-hellblau eingeschlagenes Buch, 527 Seiten stark: Das ist der Katechismus der Neuapostolischen Kirche, erschienen im Dezember 2012. Und direkt auf der ersten Seite findet sich der Satz:

"Es sei betont, dass bei allen Auffassungsunterschieden die Neuapostolische Kirche anderen Kirchen mit ihren Lehraussagen große Wertschätzung entgegenbringt."

Für Theologen anderer Kirchen ist diese Aussage durchaus erstaunlich. Der evangelische Theologe Andreas Fincke beschäftigt sich seit Jahren mit dieser christlichen Gemeinschaft und ihren Lehren. Er erinnert an Aussagen neuapostolischer Amtsträger aus der Vergangenheit, die ganz anders klangen:

"Es gab noch vor etwa 50 Jahren mal eine Einladung an die Neuapostolische Kirche, sie möge sich mal an einem Diskussionsforum an einer Akademie beteiligen. Das wurde brüsk abgelehnt nach dem Motto: Wir diskutieren nicht! Das ist eine viel zitierte Äußerung: Wir diskutieren nicht!"

Einen ökumenischen Dialog schien die Neuapostolische Kirche nicht nötig zu haben. Sie wähnte sich im Besitz der vollen Wahrheit. Das allerdings hat sich in den vergangenen 20 Jahren radikal geändert. Seither hat es auf lokaler Ebene zahlreiche Gespräche zwischen Vertretern der Neuapostolischen Kirche und anderer Konfessionen gegeben, zum Beispiel im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen. Das eigene Kirchenverständnis habe sich gewandelt, sagt Peter Johanning. Er ist internationaler Sprecher der Neuapostolischen Kirche und hat an den ökumenischen Gesprächen teilgenommen.

"Die Kirche Jesu Christi ist erst einmal das Erlösungswerk Gottes, das durch das Kommen Jesu Christi in diese Welt eine neue Qualität erfahren hat. Und sichtbar wird diese Kirche Jesu Christi in den unterschiedlichen Konfessionen, die weltweit existieren. Das ist unser Kirchenverständnis. Das ist nicht sehr alt bei uns, in unseren Kreisen. Wir haben das früher auch anders geglaubt, aber das bringt eben unser neuer Katechismus mit sich, dass wir sagen, nach unserem Kirchenverständnis finden sich viele Kirchenabteilungen, die insgesamt gesehen die Kirche Christi ergeben."

Besonderes Sakrament: die Versiegelung

Die Neuapostolische Kirche verstand sich lange als einzig wahre christliche Kirche. Das machte jeden Dialog unmöglich. Warum die Neuapostolische Kirche traditionell ein solch exklusives Kirchenverständnis pflegte, lässt sich aus der Entstehungsgeschichte der Bewegung erklären. Ihren Ursprung hat sie in der katholisch-apostolischen Bewegung. Diese war im frühen 19. Jahrhundert in England entstanden. Im Zentrum ihrer Lehre standen vor allem zwei Überzeugungen: dass Jesus Christus sehr bald wiederkehren werde und dass die zwingende Voraussetzung dafür die einmalige Neuberufung von Aposteln sei.

Nachdem allerdings die ersten neuberufenen Apostel starben, ohne dass sich das Ende der Welt ankündigte, begannen katholisch-apostolische Gemeinden in Hamburg neue Apostel zu berufen und spalteten sich damit von der ursprünglichen Bewegung ab. Das war vor genau 150 Jahren. Dieses Datum gilt als Geburtsstunde der Neuapostolischen Kirche.

Auch diese neuen Gemeinden hielten an der Erwartung einer nahen Endzeit fest, ebenso wie an der Lehre, dass Jesus Christus nur diejenigen erretten werde, die von einem ihrer Apostel versiegelt wurden. Bis heute zeichnet sich die Neuapostolische Kirche dadurch aus, dass sie neben der Taufe mit Wasser und dem Abendmahl noch ein besonderes Sakrament kennt: eben die Versiegelung. Was darunter zu verstehen ist, erklärt Peter Johanning.

"Wir verstehen also die Taufe als zweigliedrige Taufe, einmal mit Wasser, um ein Christ zu sein, und einmal mit dem Geist, um die Gaben des Heiligen Geistes zu empfangen."

Diese Taufe mit dem Heiligen Geist bezeichnen die neuapostolischen Gläubigen als Versiegelung. Sie darf ausschließlich von einem Apostel vorgenommen werden, der dazu dem Täufling die Hand auflegt und ein Gebet spricht. Jeder Apostel ist der geistliche Leiter eines Kirchenbezirks der Neuapostolischen Kirche. Bis zum Erscheinen des neuen Katechismus erkannte die Neuapostolische Kirche die Taufe der anderen christlichen Konfessionen nicht an. Das hat sich jetzt zwar geändert. Trotzdem spricht der neue Katechismus immer noch davon, dass nur die Versiegelten zu den Auserwählten gehören werden, mit deren Hilfe Christus nach seiner Wiederkunft seine neue Herrschaft errichten werde.

Zeigt sich hier also doch noch der alte Exklusivitätsanspruch? Diese Frage ist auch für Burkhard Neumann noch nicht geklärt. Der katholische Theologe vom Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik in Paderborn hat in den vergangenen Jahren an mehreren Gesprächen mit der Neuapostolischen Kirche teilgenommen.

"Wo, glaube ich, noch theologischer Klärungsbedarf ist, ist das Verhältnis von Taufe und Versiegelung. Hier scheint mir noch Klärungsbedarf zu sein, inwieweit diese Verhältnisbestimmung nicht exklusiv gemeint ist, inwieweit sie tatsächlich bedeutet, dass es auch Heil außerhalb des Sakraments der Versiegelung für alle Menschen gibt."

Peter Johanning von der Neuapostolischen Kirche gibt auf diese Frage eine uneindeutige Antwort:

"Daraus nun einen Exklusivitätsanspruch abzuleiten, ist nicht gerechtfertigt, wenngleich wir sagen, wenn du diese Brautgemeinde ausmachen willst, wenn du also das vorgezogene Heil in Jesus Christus kennenlernen willst, dann ist die Heilige Versiegelung für dich das Sakrament, das du empfangen musst."

Diese widersprüchliche Aussage ist für den evangelischen Theologen Andreas Fincke nicht überraschend. Für ihn zeigen sich im neuen Katechismus der Neuapostolischen Kirche an mehreren Stellen Widersprüche.

"Das ist aber nachvollziehbar, wenn man sich vor Augen führt: Eine solche Gemeinschaft, die muss ja sozusagen die alten Konservativen mitnehmen, und sie will eine gewisse Neuigkeit einführen. Und deswegen ist dieser Katechismus auch durchaus zweigesichtig. Also, man könnte sich es jetzt als Theologe auch relativ leicht machen, indem man eben der Neuapostolischen Kirche vorwirft, was da alles sozusagen noch nicht auf der Höhe des ökumenischen Dialogs ist. Man kann aber eben auch andererseits würdigen, was in dieser Gemeinschaft sich in den letzten zwei, drei Jahrzehnten geändert hat. Und sie kommt eben von einem enormen Exklusivitätsanspruch."

Traditionelle Strukturen bleiben

Was sich nicht geändert hat, ist der streng hierarchische Aufbau der Neuapostolischen Kirche. An der Spitze steht der Stammapostel. Er hat in Fragen der Lehre die absolute Autorität. Von ihm leitet sich jeweils die Autorität der Bezirksapostel, der Apostel und der Priester ab. In gewisser Weise zeigt sich hier ein ähnliches Kirchenverständnis wie das der römisch-katholischen Kirche. Das Apostelamt gehe aber weit über das Bischofs- und Papstamt der Katholischen Kirche hinaus, betont der Katholik Burkhard Neumann.

"Man spricht in der Theologie, dass mit dem Tod des letzten Apostels die Offenbarung abgeschlossen ist, das heißt, dass Gott hier nichts Neues offenbart, weil er im Zeugnis, im Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi alles gesagt hat und alles offenbart hat, und dass eben die Aufgabe der Bischöfe als Nachfolger der Apostel darin besteht, dieses apostolische Zeugnis zu bewahren, aber eben nicht etwas Neues hinzuzufügen."

Nach traditioneller neuapostolischer Lehre dagegen empfängt der Stammapostel neue Offenbarungen. Das hat in der Vergangenheit zu einem folgenreichen Irrtum geführt. Der damalige Stammapostel Johann Gottfried Bischoff predigte ab 1951, dass Jesus noch zu seinen Lebzeiten wiederkehren werde. Wer diese These anzweifelte, wurde ausgeschlossen.

Als Bischoff 1960 starb, stürzte das viele Gläubige in eine tiefe Sinnkrise. Die Kirche schottete sich ab und vermied über Jahrzehnte jede offene Diskussion über ihre Lehren. Gleichzeitig mischten sich die Apostel immer stärker in das Privatleben der Gläubigen ein. Bis Ende der 1990er Jahre berichteten ehemalige Mitglieder immer wieder von geradezu autoritären Strukturen innerhalb der Neuapostolischen Kirche.

Inzwischen allerdings hat eine zaghafte Aufarbeitung der Geschichte begonnen. Von autoritären Strukturen habe man sich gelöst, sagt Kirchensprecher Peter Johanning:

"Ganz eindeutig: Die kirchlichen Leiter bei uns haben in unserem Privatleben nichts zu suchen. Das sagen wir auch so in unserem Katechismus. Früher waren die Zeiten anders, in der Tat: Sie waren dogmatischer, sie waren angefüllt mit einem starken persönlichen Eingriff auch in das Alltagsleben hinein. Davon haben wir uns aber längst verabschiedet."

Tatsächlich ist die Kritik von ehemaligen Mitgliedern stark zurückgegangen. Kritische Websites werden seit mehreren Jahren nicht mehr aktualisiert. Ob der Wandel der Neuapostolischen Kirche allerdings wirklich unumkehrbar ist, das ist für den evangelischen Theologen Andreas Fincke noch nicht ausgemacht. Dennoch sagt er:

"Ich glaube, die Verhältnisse haben sich wirklich geändert. Und ich bin auch einer derjenigen, die sagen, wir sollten diese Veränderungsprozesse auch wirklich würdigen als eine kleine Sensation, als den erstaunlichen Selbstreformierungsprozess einer kleinen bis dato exklusiven Gemeinschaft, die sich wirklich auf den Weg gemacht hat, die auch vor unglaublichen inneren Zerreißproben steht. Also, es gibt noch die Konservativen, die wollen, dass es so bleibt, wie es immer war. Die gibt’s übrigens in allen Kirchen auf der Welt."

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