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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 25.06.2011

Neuanfang und blutiger Zerfall

Vor 20 Jahren erklärten Kroatien und Slowenien ihre Unabhängigkeit

Von Norbert Mappes-Niediek

Die kroatische Flagge.  (AP)
Die kroatische Flagge. (AP)

Am 25. Juni 1991 endete die 72-jährige Geschichte des Landes Jugoslawien. In Ljubljana erklärte damals Milan Kučan die Unabhängikeit Sloweniens. Gemeinsam mit den Slowenen hatte auch Kroatien sich für selbstständig erklärt. In der folgenden Nacht brach ein Krieg aus.

"Heute ist es erlaubt zu träumen. Morgen ist wieder ein anderer Tag."

Mehr Beruhigung als Pathos – und mit der Beruhigung auch eine vage Furcht – sprach aus den Worten, die Sloweniens Präsident Milan Kučan an sein Volk richtete, am Tag nachdem das Parlament zu Ljubljana die Unabhängigkeit des Landes von Jugoslawien erklärt hatte. Am 25. Juni 1991 endete die 72-jährige Geschichte des Landes. An den Krieg, der in der folgenden Nacht ausbrach, habe er bei seinen Worten nicht gedacht, sagt Milan Kučan heute:

"Der Hintergrund meines letzten Satzes bei der Ansprache an die Nation war meine Überzeugung, dass es noch viel Arbeit kosten würde, Slowenien zu einem funktionierenden Staat zu machen und es in Europa zu positionieren. Ein Feiertag ist ein Feiertag, danach geht es wieder an die Arbeit. Zu den Schwierigkeiten am Tag danach gehörte auch der Kampf. Ich habe die Möglichkeit nicht unterschätzt, aber auch nicht mit so einem brutalen Vorgehen gerechnet."

Die jugoslawische Volksarmee schickte Panzer und versuchte, die Grenzübergänge zwischen Slowenien und den Nachbarstaaten unter ihre Kontrolle zu bringen. Bei den Kämpfen der folgenden zehn Tage kamen 74 Menschen ums Leben, die meisten von ihnen Rekruten der Volksarmee. Dabei war der Feldzug der einstigen Partisanenarmee gegen die abtrünnige Republik nur der schwache Auftakt einer ganzen Serie von Kriegen, die zehn Jahre dauerten und um die 160.000 Todesopfer forderten.

Aber ein Damm war gebrochen. Gemeinsam mit den Slowenen hatte auch Kroatien sich für selbstständig erklärt, eine Republik mit einer starken serbischen Minderheit, die der mächtige Slobodan Milošević in Belgrad nicht so leicht ziehen lassen wollte. Nicht um den Erhalt Jugoslawiens ging es ihm, sondern um die Verteilung der Konkursmasse: des Territoriums.

So stand auch nicht Milošević hinter dem Zehntagekrieg in Slowenien, sondern die Führung der jugoslawischen Volksarmee, die es damals noch für möglich hielt, den Bundesstaat mit militärischen Mitteln zu retten. Verteidigungsminister Veljko Kadijevic berichtete seinen Offizieren über ein letztes Treffen mit den Slowenen:

"Slowenien betreibt eine Politik der vollendeten Tatsachen. Alles wird von der Jugoslawischen Armee abhängen. Die jugoslawische Armee wird um die Einheit Jugoslawiens kämpfen. Sie wird es auf friedlichem Wege versuchen. Sollte ihr das nicht gelingen, hat die Armee aber auch andere Lösungen."

Die zuständigen Außenminister der Europäischen Gemeinschaft bemühten sich um Vermittlung, erreichten aber nur, dass Slowenien und Kroatien ihre Unabhängigkeitserklärung noch einmal für drei Monate aussetzten. Letztes Staatsoberhaupt wurde der Kroate Stipe Mesić. Während Slowenien schon seit Anfang 1990 klar auf die Unabhängigkeit zumarschierte, musste Kroatien einen langen Kampf um sein Territorium fürchten. Stipe Mesić:

"Ich bin nach Belgrad mit dem Auftrag gegangen, mich für kroatische Interessen zu engagieren - das aber noch im institutionellen Rahmen des Staatspräsidiums, das ja noch legal und legitim war."

Anders als die Slowenen hatte sich Kroatien in den Wochen vor der Unabhängigkeit noch für einen neuen Staatsvertrag eingesetzt. An die

"Ein neuer Staatsvertrag würde nur möglich sein, wurde mir rasch klar, wenn Serbien von der Änderung der inneren Grenzen Jugoslawiens Abstand nehmen würde. Denn es war ganz klar, was Milošević betrieb, auch wenn die Welt es nicht verstanden hat. Er hat die Welt getäuscht, indem er ihr vorspielte, er setze sich für den Erhalt Jugoslawiens ein."

Es war in der Tat ein verwirrendes Spiel in jenen Tagen, dessen Hintergrund den Zuschauern im Ausland nicht richtig klar war. Den Slowenen wurde später der Vorwurf gemacht, sie hätten zwar ihre Haut gerettet, sich aber um das Fiasko, das ihr Auszug aus dem gemeinsamen Staat hinterließ, nicht mehr gekümmert. Aber Milan Kučan dachte schon als Oberhaupt eines selbstständigen Staates.

"Weder früher noch später hat oder hätte es einen so günstigen Moment gegeben, das historische Ziel des slowenischen Volkes zu erreichen. Es war die Zeit der Veränderungen in Europa, und die jugoslawische Volksarmee war noch nicht so stark und so einig wie später. Nur in dieser Nische konnten wir unser Ziel erreichen."

Mit Slowenien war der erste Dominostein gefallen. Der blutige Zerfall Jugoslawiens nahm seinen Lauf.

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