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Vollbild | Beitrag vom 09.01.2016

Neu im Kino"Rocky" als anrührende Utopie

Von Christian Berndt

Sylvester Stallone während eines Besuchs in Sofia, Bulgarien (2008).  (picture alliance / dpa / Vassil Donev)
Überzeugt in seiner neuen Rolle: Sylvester Stallone (picture alliance / dpa / Vassil Donev)

Im neuen "Rocky"-Film von Jungregisseur Ryan Coogler gibt Sylvester Stallone einen etwas altersverschrobenen Ausbilder – und ist in der Rolle einfach eine Wucht. Auch die atmosphärische Entwicklungsgeschichte um den Schützling des Ex-Boxers überzeugt. Einer der drei Filme in unserer Kurzkritik.

"Urs. Ein Bild für die Ewigkeit, Floris Gesicht, als er merkt, dass er keine Chance mehr hat. Du hast ihn so derartig platt gemacht."

Wirtschaftsanwalt Urs hat es wieder geschafft: Bei der geplanten Fusion hat er einen genialen Deal gezaubert – und den Fusionspartner ruiniert. Der knallharte Kämpfer – gespielt von Moritz Bleibtreu – ist obenauf, bis der unterlegene Geschäftsmann in sein Büro kommt:

"Sie haben gewonnen, Blank. Und ich habe verloren."

Einfältige Gesellschaftskritik und Spukgeschichte

Fluri erschießt sich vor Urs' Augen. Die gleichnamige Verfilmung des Bestsellers von Martin Suter "Die dunkle Seite des Mondes" hat Stephan Rick als düsteren Parforceritt durch seelische Abgründe inszeniert. Urs gerät nach diesem Selbstmord völlig aus der Bahn, lernt ein Hippiemädchen kennen und rastet nach einem Drogentrip völlig aus. Nun brechen bisher verborgene, mörderische Triebe in ihm durch. Leider ist aus dem Versuch, Suters vielschichtige Vorlage über einen komplexen Identitäts- und Wirklichkeitsverlust in eine filmische Form zu gießen, nur eine verrutschte Mischung aus Krimi, etwas einfältiger Gesellschaftskritik und Spukgeschichte herausgekommen. Diesem halbgaren Psycho-Grusel-Schocker kann auch ein noch so diabolisch auftretender Jürgen Prochnow keine Spannung verleihen.

Um einen Kämpfer geht es auch im amerikanischen Film "Creed – Rocky's Legacy". Adonis liebt das Boxen, kann es wegen seiner Adoptivmutter aber nur heimlich betreiben. Sie hat ihn als Kind aus der Jugendstrafanstalt zu sich geholt - Adonis entstammt einer Affäre ihres Mannes Apollo Creed. Der berühmte Boxer starb einst im Ring, deshalb hat sie dem Sohn das Boxen verboten. Doch nun, als junger Mann, trifft Adonis eine Entscheidung:

"Ich habe dich nicht bei mir aufgenommen, damit du dich zurückentwickelst, du kannst mehr. – Ab jetzt werde ich professionell boxen, und das wollte ich dir persönlich sagen." 

Begeisterte Kritiken in den USA

Wie in den vorherigen sechs "Rocky"-Filmen folgt auch hier ein Boxer seiner Bestimmung. Aber erstmals wird der nicht mehr von Sylvester Stallone gespielt, sondern vom jungen Afroamerikaner Michael B. Jordan. Der 69-jährige Stallone ist zwar immer noch Rocky, aber als Rentner. Weil Rocky früher ein enger Freund von Adonis' Vater war, sucht der Sohn ihn auf.

"Wie heißt du noch mal? – Donnie. – Okay, die Kleine hat gesagt, du hast was mit mir zu besprechen. – Ja, ich wollte fragen, ob Sie mich trainieren. – Dich trainieren? Damit habe ich nichts mehr am Hut."

Erst als Adonis ihm offenbart, wer er wirklich ist, erklärt sich Rocky bereit.

Ryan Coogler inszeniert "Creed – Rocky's Legacy" als atmosphärische Entwicklungsgeschichte. Dem Boxfilm-Genre wird zwar wenig Neues abgewonnen. Aber darum geht es dem Jungregisseur wohl auch nicht, der vor zwei Jahren mit seinem preisgekrönten Film "Fruitvale Station" über die reale Geschichte eines von Polizisten erschossenen schwarzen Jugendlichen ein furioses Debüt hinlegte. Wie aus Rocky - seit 40 Jahren das Idol des weißen Underdogs – und dem jungen Afroamerikaner eine Ersatzfamilie wird, ist als gesellschaftliche Utopie anrührend erzählt. Wohl auch deshalb hat der Film in den USA - wo Boxerfilme mit schwarzen Helden immer noch die Ausnahme sind - begeisterte Kritiken bekommen. Und Sylvester Stallone ist alsetwas altersverschrobener Ausbilder schon eine Wucht.

Das Gefühl von Authentizität stell sich nur sehr begrenzt ein

Auch die Helden in "Suite française – Melodie der Liebe" werden zu Kämpfern - zwangsläufig. Es ist das Jahr 1940, Frankreich ist von den Deutschen besetzt. Lucile, gespielt von Michelle Williams, lebt im Haus der Schwiegermutter im Städtchen Bussy. Luciles Mann ist im Krieg, und sie leidet unter der Strenge der von Kristin Scott Thomas gespielten Patriarchin. Die Situation spitzt sich zu, als ein deutscher Offizier bei ihnen einquartiert wird – und Lucile dem Soldaten näherkommt:

"Das Klavier gehört Ihnen, vermute ich. - Das Stück, das Sie immer spielen, ich erkenne es gar nicht. – Das können Sie auch nicht. – Sie haben es komponiert? – Ich war Komponist vor dem Krieg."

Das Bemerkenswerte an dieser tragischen Geschichte um Kollaboration und Widerstand ist die Herkunft. Sie beruht auf einem Romanfragment der jüdischen Schriftstellerin Irène Némirovsky, die 1942 in Auschwitz ermordet wurde. Erst über 50 Jahre später wurden die Aufzeichnungen entdeckt und als Roman veröffentlicht. In "Suite française" wird das Städtchen Bussy zum Kaleidoskop des besetzten Frankreich. Leider taucht der britische Regisseur Saul Dibb den starbesetzten Film derart in Sentimentalität, dass sich das Gefühl von Authentizität nur sehr begrenzt einstellt.

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