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Frühkritik | Beitrag vom 25.06.2015

Neu im Kino: "Freistatt"Misshandlung statt Rock'n'Roll

Von Patrick Wellinski

Der rebellische Wolfgang (Louis Hofmann) in einer Szene des Kinofilms "Freistatt" (dpa / picture alliance / Salzgeber & Company Medien)
Der rebellische Wolfgang (Louis Hofmann) in einer Szene des Kinofilms "Freistatt" (dpa / picture alliance / Salzgeber & Company Medien)

Sommer 1968: Aus dem Traum einer lockeren Jugend wird für Wolfgang nichts. Sein autoritärer Stiefvater schickt ihn nach "Freistatt", einem evangelischen Erziehungsheim im niedersächsischen Moor. Großes Gefühlskino, lobt Kritiker Patrick Wellinski.

Da geht was für den jungen Wolfgang. Es ist der Sommer 1968 in der BRD. Rock'n'Roll läuft im Radio. Im Wirtschaftswunderland suchen junge Menschen ihre Freiräume und die erscheinen größer als gedacht. Doch aus dem Traum einer lockeren Jugend wird nichts. Wolfgangs autoritärer Stiefvater duldet den Heranwachsenden nicht mehr in seinem Haus. Er schickt ihn nach "Freistatt", ein evangelisches Erziehungsheim im niedersächsischen Moor.

Dort trifft Wolfgang auf ein System wie im Gefängnis. Die Jungs werden von den Leitern geprügelt, beleidigt, gefoltert. Regelmäßig werden sie zum Torfstechen ins Moor gefahren. Eine Flucht ist aussichtslos.

Louis Hofmann im Studiogespräch. (Deutschlandradio / Jan-Martin Altgeld)Hauptdarsteller Louis Hofmann zu Gast bei Deutschlandradio. (Deutschlandradio / Jan-Martin Altgeld)

Harte Bilder

Marc Brummund hat ein großes Melodram gedreht. "Freistatt" verfügt über harte Bilder. Die körperliche Gewalt, die den Jungs angetan wird, ist kaum auszuhalten. Umso härter wird das Ganze, wenn man sich vor Augen führt, dass der Film auf realen Begebenheiten beruht und somit ein verdrängtes Kapitel der Zustände in deutschen Erziehungsheimen offenlegt.

Doch das allein macht noch lange keinen guten Film. Es ist dem Regisseur daher hoch anzurechnen, dass er sich für einen Genrefilm entschieden hat. Seine großen Kinobilder sind inspiriert von den amerikanischen Filmen über die Sklaverei.

Der Regisseur Marc Brummund (dpa / picture alliance / Wolfgang Langenstrassen)Marc Brummund (dpa / picture alliance / Wolfgang Langenstrassen)

Großes Gefühlskino

Er habe sich an dem Paul Newman Klassiker "Cool Hand Luke" von 1967 beim Drehbuchschreiben orientiert, sagt Regisseur Brummund. Und genau deshalb ist "Freistatt" ein gelungener Film, weil er seine Emotionen durch seine Form steuert und sich damit wohlig abhebt von den sozialpädagogisch korrekten TV-Spielfilmen, die lediglich ein "Thema" feiern wollen und die Emotionen ihrer Figuren nie wirklich ergründen. Das hier ist großes Gefühlskino. Etwas, dass man aus deutschen Landen viel zu selten zu sehen bekommt.

Zum Film

"Freistatt"
Spielfilm, Deutschland 2015
Regie: Marc Brummund
mit u.a. Max Riemelt, Louis Hofmann, Alexander Held, Stephan Großmann
Länge:104 Minuten 

Mehr zum Thema:

Neue Filme - Trauma der Vergangenheit
(Deutschlandfunk, Corso, 24.06.2015)

Spielfilm "Freistatt" - Schwarze Pädagogik unter christlichen Vorzeichen
(Deutschlandradio Kultur, Religionen, 21.06.2015)

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(Deutschlandradio Kultur, Vollbild, 20.06.2015)

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