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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.03.2011

Naturbursche und Musiktyrann

Eine Ausstellung über Gustav Mahler in Paris

Von Kathrin Hondl

Bronze-Büste von Gustav Mahler
Bronze-Büste von Gustav Mahler (AP Archiv)

"Alle anderen hab ich niedergemacht" - so gefürchtet er als Dirigent und Opernchef war, als Komponist konnte sich Gustav Mahler zu Lebzeiten nicht so recht durchsetzen. Im Musée d'Orsay wird er jetzt nicht nur anerkannt, sondern auch fast lebendig.

Mahlers 4. Sinfonie liefert den Soundtrack und den roten Faden dieser Ausstellung. Die komplette Partitur - ein Faksimile des Manuskripts und einige Originalblätter - ist zu sehen. Ein Lichtspot zeigt immer die Stelle an, die gerade zu hören ist. Ziemlich elegant umschifft die Ausstellung so das Problem vieler Musikausstellungen, wo einzelne Notenblätter oft ein bisschen zusammenhang- und vor allem klanglos in Vitrinen liegen: Im Musée d'Orsay kann man an Mahlers 4. Sinfonie entlanglaufen, sie hören und mitlesen - vom ersten bis zum letzten Satz, von der ersten bis zur letzten Seite:

"Es ist graphisch gesehen wirklich eines der schönsten Manuskripte von Mahler …"

sagt Ausstellungskurator Pierre Korzilius:

"… und man hat vor allem die Dimension: Man sieht, was das ist, eine Sinfonie. Das ist der erste Satz, der geht von der Wand bis zu der Wand da. Da fängt der zweite Satz an. Und da kann man sich also wirklich ausmalen, was das für eine Welt ist."

"Nur wenn ich erlebe, 'tondichte' ich, nur wenn ich 'tondichte', erlebe ich", hat Gustav Mahler einmal geschrieben. Welche Erlebnisse Mahlers "Tondichten", sein Leben und seine Zeit geprägt haben, das erzählt die Ausstellung mit vielerlei Dokumenten und Bildern. Da gibt es es eine kleine Beethovenstatue und Portraits von Mozart, Bruckner und Brahms, den musikalischen Vorbildern. Direkt gegenüber dann Abbildungen der kleinen "Komponierhäuschen", die sich Mahler am Attersee oder in den Dolomiten bauen ließ und die seine Nähe zur Natur dokumentieren. Pierre Korzilius:

"Diese Natur ist wirklich in allen Werken präsent, sei es durch Naturlaute, Hörner, ganz viele Referenzen an Vogelstimmen, ganz anders natürlich als bei Messiaen, sondern wirklich verstanden als Naturlaute. Und so waren diese Komponierhäuschen wirklich wie so Mönchszellen, in die er sich verzogen hat, umgeben von Natur, von Licht, von Vögeln und von Wasser."

Doch Gustav Mahler war nicht nur ein Naturbursche, sondern auch ein gut vernetzter Künstler seiner Zeit. Das illustriert zum Beispiel sehr schön ein eher kurioser Gegenstand in der Ausstellung: Ein Fächer, auf dem eine Wiener Opernliebhaberin Autogramme von Musikern sammelte. Auf jeder Holzlamelle des Fächers ein anderer großer Name:

"Das komplette Spiegelbild der Mahlerzeit: Hans von Dohnany, Josef Joachim, die Unterschrift von Johannes Brahms, Sie haben natürlich den Mahler, und was ganz besonders schön ist, sie haben Mahlers Lehrer: Julius Epstein, Robert Fuchs, die hier unterschrieben haben. Und natürlich Johann Strauß mit einem kleinen Musikbeispiel, das er auf den Fächer geschrieben hat."

Devotionalien wie dieser Fan-Fächer erinnern daran, dass Gustav Mahler als Dirigent und Wiener Operndirektor ein gefeierter Star war:

"Ungeheuer groß der Fanclub", sagt Otto Biba vom Archiv des Musikvereins Wien, der den Fächer und viele andere Leihgaben für die Mahler-Ausstellung nach Paris gebracht hat:

"Dass er als Chef Schwierigkeiten mit manchen Mitarbeitern hatte oder Mitarbeiter Schwierigkeiten mit ihm, das ist ja wieder etwas anderes. Aber für das Publikum war die Ära Mahler eine ganz großartige Zeit!"

Denn Mahler krempelte als Opernchef einiges um. Unter dem Einfluss der Sezessionskünstler, mit denen er durch seine Frau Alma in Kontakt kam, veränderte sich die Ästhetik der Inszenierungen radikal. Kostüme und Bühnenbilder wurden wilder und expressiver. Mahlers Mitarbeitern allerdings, vielen Sängern und Musikern an der Wiener Oper war das fordernde Temperament des Chefs zu viel. Karikaturen zeigen Mahler als Musiktyrannen:

"Mahler vor seinem Spiegel stehend mit lauter getöteten oder erschöpften Sängern, die auf dem Boden liegen. Und er sagt: 'Ich bin der Einzige, mit dem ich mich noch nicht geschlagen hab. Alle anderen hab ich niedergemacht. Wer ist jetzt der Stärkere? Ich oder Ich?'"

So gefürchtet und verehrt er als Dirigent und Opernchef auch war, als Komponist konnte sich Mahler zu Lebzeiten nicht so recht durchsetzen. "Für traditionell Denkende klang Mahler zu neu und anders, und für die Vertreter der Neuen Musik war er zu traditionell", sagt Otto Biba vom Musikverein:

"Der Komponist Mahler hatte es in Wien nicht leicht, und er hatte es in Paris nicht so leicht, er hatte es zu Lebzeiten nirgends so besonders leicht und nicht die Anerkennung gefunden, die er heute hat."

Im Musée d'Orsay wird Mahler jetzt nicht nur anerkannt. Er wird in dieser kleinen aber feinen Ausstellung fast lebendig. Als ob Rodins weiße Marmorbüste von Mahler, die am Eingang der Ausstellung platziert ist, plötzlich Farbe bekommen würde.