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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.05.2014

NanoweltKleine Zukunft

Christian Meier: "Nano"

Von Dirk Lorenzen

Proben von Nano-Hohlkugeln aus Zirkonium am Institut für Technische Chemie an der Universität Leipzig. (picture alliance / dpa / Jan Woitas)
Proben von Nano-Hohlkugeln aus Zirkonium am Institut für Technische Chemie an der Universität Leipzig. (picture alliance / dpa / Jan Woitas)

Wunderwaffe oder Albtraum-Technik? Nanotechnologie polarisiert. Dabei gibt es eine Vielzahl von Phänomenen, wie Christian Meier erklärt. Der Wissenschaftsjournalist geht mit Unternehmen, Politikern und Umweltschützern hart ins Gericht.

Für die einen ist sie ein Fluch, für die anderen ein Segen. Mal gilt sie als Wunderwaffe gegen tödliche Krankheiten und Umweltzerstörung, dann wieder als Albtraum-Technik voller nicht vorhersehbarer Risiken: Nanotechnologie polarisiert. Dabei ist der Begriff schon ein Phantom.

Es gibt nicht die eine Nanotechnologie, sondern eine Vielzahl von Phänomenen, die sich auf Nano-Skalen abspielen, also nicht einmal einen tausendstel Millimeter groß sind.

Christian Meier lichtet mit "Nano" den Nebel und macht deutlich, was Nanotechnologien - er benutzt stets den Plural - können und welche Risiken sich bereits jetzt absehen lassen. Er plädiert für eine differenzierte Sichtweise auf die Nanowelt, ähnlich wie sie sich in den vergangenen Jahren bei der Gentechnik entwickelt hat. Dieses Buch liefert dafür eine exzellente Grundlage.

Es besteht aus zwei Teilen: Am Anfang legt der Autor sehr plastisch und anhand vieler Beispiele dar, wo Nano-Phänomene in unserem Alltag eine Rolle spielen. Selbst die Natur ist voll davon: Die Hornhaut unserer Augen ist trotz vieler Zellen durchsichtig, Spinnenfäden sind hauchdünn und dennoch enorm belastbar, Geckos laufen einfach die Wände hoch - hinter allem stecken Nanoeffekte.

Kritik an Unternehmen, Forschern, Medien, Politikern und Umweltschützern

Neu ist, dass die Menschheit mittlerweile winzig kleine Partikel herstellen und technisch nutzen kann. Sie kommen ganz banal in Sonnencreme als Schutz vor ultravioletter Strahlung zum Einsatz, als winzige Schaltelemente in Computerchips oder als Silbernanopartikel in Textilien, um Schweißgeruch zu verhindern.

Tückischerweise ändern viele Stoffe ihr Verhalten, wenn sie in Partikeln von Nanogröße vorkommen. Denn deren Oberflächen sind viel reaktionsfreudiger als die von größeren Teilchen - aus harmlosem Silber werden so potentiell riskante Silbernanopartikel. Doch eine seriöse Abschätzung, wie gefährlich Nanopartikel sind, ob sie in die menschlichen Organe gelangen und Krankheiten wie Krebs auslösen können, ist noch gar nicht möglich - dazu ist über ihre Wirkungsweise zu wenig bekannt.

Christian Meier, Physiker und Wissenschaftsjournalist, hat mit vielen Experten gesprochen und verdichtet den Wust von Informationen so geschickt, dass auch Menschen ohne naturwissenschaftlich-technische Vorkenntnisse zumindest grob folgen können.

Er scheut nicht das offene Wort und übt im zweiten Teil seines Buches harte Kritik an Unternehmen, Forschern, Medien, Politikern und Umweltschützern. Seiner Meinung nach führen sie alle durch zu einseitige Sichtweisen auf die Nanotechnologien die Öffentlichkeit an der Nase herum.

Die großen ethischen Fragen

Der Autor zeigt exemplarisch, wie manche Wissenschaftler große Erwartungen schüren, um sich riesige Forschungsbudgets zu sichern und wie zahlreiche Unternehmen verschleiern, dass in ihren Produkten längst viel Nanotechnik steckt. Seine stets sehr direkte Ansprache der Leserinnen und Leser kann man je nach Geschmack engagiert oder anbiedernd finden.

Er öffnet die Augen für die großen ethischen Fragen, die mit der Verbreitung der Nanotechnologien auftauchen: Noch erscheint es als Science-Fiction, dass winzige Nanosensoren, "intelligenter Staub", überall umher schwirren und alles überwachen – doch schon spielen manche Unternehmen den Bau riesiger Sensornetzwerke durch. Rüstungskontrolle könnte bald völlig unwirksam werden, wenn es nicht mehr um Raketen und Panzer geht, sondern um äußerst effektive Waffen, die in jede Schublade passen.

Das Buch endet mit einem Appell an uns alle, eine ehrliche Debatte über Nanotechnologien zu führen; denn sie werden unser Leben dramatisch verändern. "Nano" ist der Reiseführer in eine Zukunft, die - ob wir wollen oder nicht - voller Nanotechnologien sein wird.

Christian Meier: Nano. Wie winzige Technik unser Leben verändert
Primus 2014, Darmstadt
224 Seiten, 24,95 Euro

 

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