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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.05.2015

Nachruf auf Odo MarquardMit Witz zum Denken anregen

Von Ludger Fittkau

Der Philosoph Odo Marquard (picture alliance / dpa / Frank May)
Der Philosoph Odo Marquard (picture alliance / dpa / Frank May)

Sprühendes Denken, eine gesunde Portion Skepsis und viel Humor - dafür war der Gießener Philosoph Odo Marquard bekannt. Nun ist er im Alter von 87 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Philosophie darf ein Lesevergnügen sein. Das war das zentrale Credo des Odo Marquard. Verdammt Kluges darf  leicht und literarisch gut verdaulich daherkommen, ohne flach zu werden - das war sein Anspruch. Mit Witz zum Denken bringen, eine Kunst, die Marquard meisterhaft beherrschte. Auch deswegen, weil er selbst den Weg zur Philosophie gefunden hat, weil er zuerst  nicht intellektuelles Schwarzbrot, sondern süße Gedanken-Genüsse suchte:

"Ich kam in die Philosophie wie die Wespe in die Cola-Flasche. Weil ich intellektuell naschhaft bin und die Philosophie süß zu sein schien. Und weil ich merkte, dass sie ernst und gefährlich ist, es schon zu spät war, noch hinauszukommen."

Die Philosophie ist gefährlich – etwa  für allzu fortschrittsverliebte Technikwissenschaften. Ungebremstem Naturbezwingungsoptimismus setzte Marquard die aus seiner Sicht unvermeidliche geisteswissenschaftliche Skepsis entgegen. Auch das immer gerne mit Humor. Dazu wird etwa der berühmte dänische Atomphysiker Niels Bohr herangezogen. Eine Anekdote über Bohr laute wie folgt, so Marquard:

"Bohr erhält Besuch auf seiner Skihütte. Der Blick des Besuchers fällt auf ein Hufeisen, das über der Skihütten-Tür angebracht ist. Verwundert fragt er Bohr. Sie als Naturwissenschaftler, glauben daran? Darauf Bohr: Selbstverständlich glaube ich nicht daran. Doch man hat mir versichert, dass Hufeisen auch wirken, wenn man nicht an sie glaubt."

Eine Sprache, die die Leserschaft nicht langweilt

Marquard nutzte diese Anekdote, um zu  beschreiben, wie die Gesellschaft aus seiner Sicht heute zu den Geisteswissenschaften steht. Dieses Verhältnis habe Ähnlichkeit mit dem von Bohr subtil charakterisierten Verhältnis zum Hufeisen: Man glaube nicht an sie, aber man verlässt sich auf sie. Weil einem gar nichts anderes übrig bleibe.

Sprühendes Denken und Formulieren in oft nur auf den ersten Blick absurden Widersprüchen - Hegels Dialektik war Odo Marquard natürlich nicht fremd. Doch in den 60er- und 70er-Jahren, als die meisten seiner Kollegen auf Marx und Hegel schworen, kultivierte er das Unzeitgemäße:

"Ich habe mich von Kant verabschiedet, bin aber bei Hegel nicht angekommen. Wobei natürlich bei einem jungen Mann die Zweifelsucht und die Lust am Zweifel auch eine gewisse Rolle spielt. Dabei bleibt man dann nicht stehen, es kommt dann sozusagen in die Skepsis die Frage hinein: Wofür ist denn der Zweifel gut?"

Gut ist der Zweifel nicht zuletzt für die unermüdliche Suche nach einer Sprache, die die Leserschaft nicht langweilt. Der gelehrte Aphorismus war für Marquard kein gelegenheitsphilosophisches Nebenprodukt eines monumentalen Denkens, das im Grunde unter 400 Buch-Seiten nicht ernst genommen wird. In Gegenteil:

"Mich locken auf die Dauer in der Tat die kleineren Formen mehr. Weil ich auch der Meinung bin, dass ein Philosoph, der Leser mit seiner Philosophie belästigt, diesen Lesern ja zunächst etwas zumutet. Und er muss sich ein ganz klein wenig entschuldigen dafür, dass er das tut. Und das kann er am besten, indem er kurz schreibt und indem er zweitens auch amüsant schreibt."

Die intellektuell naschhafte Wespe wird nicht mehr aus der Cola-Flasche herauskommen. Odo Marquard ist im Alter von 87 Jahren gestorben. "Er hat weit über die Universität hinaus in die Mitte der Gesellschaft gewirkt", erklärte Joybrato Mukherjee, der Präsident der Gießener Universität, an der Marquard viele Jahre lehrte und aktiv Hochschulpolitik machte. Vor allem aber hat er immer wieder seine Leser und Hörer mit Witz zum Denken gebracht.

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