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Interview / Archiv | Beitrag vom 04.10.2012

Nach dem TV-Duell: Karsten Voigt hofft auf die Wiederwahl Obamas

SPD-Politiker: Debatte ist glücklicher für Romney verlaufen

Schlagabtausch: Präsident Obama und Herausforderer Romney beim TV-Duell (picture alliance / dpa / Shawn Thew)
Schlagabtausch: Präsident Obama und Herausforderer Romney beim TV-Duell (picture alliance / dpa / Shawn Thew)

Der ehemalige Koordinator für deutsch-amerikanische Beziehungen, Karsten Voigt, hofft nach dem ersten TV-Duell zwischen US-Präsident Obama und seinem republikanischen Herausforderer Romney auf eine Wiederwahl des Amtsinhabers.

Ute Welty: Es war mit Spannung erwartet worden, das erste Fernsehduell zwischen Barack Obama und Mitt Romney – angeblich eine wichtige Entscheidungshilfe für Millionen Wähler in den USA, wer denn der nächste Präsident werden solle. Die aber kommt nicht bei jedem an.

O-Ton: "Wenn du Romney mochtest, magst du ihn immer noch, wenn du Obama mochtest, magst du ihn immer noch."

Wen oder was Karsten Voigt mochte und mag, das kann er uns jetzt selber sagen. Er hat zwischen 1999 und 2010 für die Bundesregierung die deutsch-amerikanischen Beziehungen koordiniert, und er ist für uns extra früh aufgestanden, um sich ab drei Uhr das Duell anzuschauen. Guten Morgen, Herr Voigt!

Karsten Voigt: Schönen guten Morgen, Frau Welty!

Welty: Mal abgesehen von unserer Verabredung fürs Interview – hat sich das frühe Aufstehen gelohnt? Haben Sie etwas erfahren über die beiden Kandidaten, was Sie vorher noch nicht wussten?

Voigt: Ich habe mich mit vielen sachlichen Themen beschäftigen müssen, weil die Debatte selber sehr sachlich war und aufs Detail aus war. Für jemanden, der Showelemente bei solchen Diskussionen am meisten liebt, für den war die Debatte nichts, aber wer sich informieren wollte über unterschiedliche Auffassungen, der hat auch Zusatzinformationen bekommen.

Welty: Kleinteilig, aber nicht zu kleinteilig, nicht kleinlich?

Voigt: Im Einzelfall auch kleinlich, aber warum sollten dort die Präsidentschaftskandidaten anders sein als Debatten im Bekanntenkreis. Also ich gehe davon aus, dass es wie auch sonst so ist: Derjenige, der vorher für Obama war, wird auch weiter für ihn sein, derjenige, der für Romney war, wird auch weiter für ihn sein, aber trotzdem ist die Debattenführung selber glücklicher verlaufen und besser gekonnt verlaufen aufseiten von Romney.

Welty: Schwerpunkt des Gespräches war ja die Innenpolitik. Wer hat da in dieser Hinsicht den besseren Eindruck auf Sie gemacht, denn Barack Obama hat ja auch nach vier Jahren Amtszeit erheblichen Nachholbedarf?

Voigt: Das war auch seine Schwierigkeit in der Ausgangslage. Die meisten Amerikaner glauben, dass Amerika in eine falsche Richtung geht, und da hat es ein Herausforderer leichter. Wenn man genau hinhört, hat er eigentlich Obama kritisiert, aber seine eigenen Pläne sehr im Unklaren gelassen, vor allen Dingen hat er versucht, den Eindruck zu erwecken, als würde er nicht die Reichen begünstigen, sondern dem Mittelstand nützen. Das entspricht nicht der Sachlage, denn seine Pläne sind sozial sehr einseitig. Aber den Eindruck hat er gekonnt vermittelt, als würde es ihm primär um die Mittelschichten und die ärmeren Leute gehen.

Welty: Haben Sie diese Argumentationsstruktur auch wiedergefunden in Sachen Wirtschaftskrise?

Voigt: Ja, da hat Romney gesagt, letzten Endes ja, er sei für Regeln, aber eigentlich seien die Regeln, die jetzt verabschiedet worden seien, falsch, und er würde sie wieder zurücknehmen. Dann gefragt, welche er zurücknehmen will, hat er sich sehr bedeckt gehalten. Aber der grundlegende Eindruck ist natürlich, dass er jemand ist, der vor allen Dingen die Privatwirtschaft stärken will, die Regeln für die Wirtschaft und die Bankenwelt etwas lockerer fassen will, und dass er damit glaubt, mit so einem ungebändigten Privatwirtschaftstum und einer ungebändigten privaten Wirtschaft, dass dort sozusagen sich Kräfte entfalten, die dann nicht nur den Wohlhabenden nützen, sondern letzten Endes im Sickereffekt auch die Ärmeren begünstigen dadurch, dass sie mehr Arbeitsplätze kriegen.

Welty: Die Wirtschaft bestimmt ja auch das Verhältnis zu Europa entscheidend mit, das heißt, vieles liegt womöglich gar nicht in der Hand der Politik. Spielt es da eigentlich eine tatsächliche Rolle, wer in solchen Zeiten Präsident ist, weil er sich den Sachzwängen eh wird beugen müssen?

Voigt: Für mich spielen da zwei Grundsatzfragen eine Rolle, die ich sagen wir mal versuche, bei allen Details im Blick zu behalten. Das eine ist: Ist die wirkliche Schwierigkeit für Amerika, seine wichtige Rolle in der Welt wahrzunehmen, ein Mangel an verteidigungspolitischer Stärke, darf da also auf keinen Fall gekürzt werden? Das ist die Position von Romney. Oder ist nicht das eigentliche Problem für Amerikas Führungsrolle in der Welt, dass es seine Finanzprobleme, seine Wirtschaftsprobleme, auch vor allem sozialen Probleme nicht löst? Und das ist die Auffassung von Obama und auch meine.

Und mit dieser Auffassung, die ich habe, stehe ich ja in Europa nicht allein. Und insofern ist es so, dass die überwiegende Zahl der Deutschen und der Europäer insgesamt eher aufseiten von Obama steht. Und das deutet darauf hin, dass wir natürlich auch mit ihm Meinungsverschiedenheiten haben werden – das haben wir in der Vergangenheit gehabt und würden wir auch in Zukunft haben. Aber die Art und Weise, wie Obama Probleme sieht, wie er die Welt anschaut, um nicht den Begriff Weltanschauung zu verwenden, die ist näher bei der in Europa vorherrschenden Meinung als die Meinung von Mitt Romney.

Es wird immer Leute geben, die Romney besser finden in Europa. Ich habe heute Morgen auch in der Berichterstattung zum Beispiel in der "Welt" es schon als solche Zeichen in der Richtung gesehen, aber die Mehrzahl der Europäer und der Deutschen wird die Sichtweise von Obama anheimelnder finden, wird etwas finden, was sie wiedererkennen und mit dem sie sich identifizieren können und mit dem man letzten Endes auch besser kooperieren kann.

Welty: Was wünschen Sie sich denn dann für die nächsten beiden Runden, und was erwarten Sie, wenn, wie Sie sagen, Obama vielleicht der bessere Präsident aus europäischer Sicht ist, aber Romney eindeutig gepunktet hat?

Voigt: Ich hab ja keinen Einfluss darauf. Wir sind von den amerikanischen Wahlergebnissen zu einem erheblichen Maße in unserer Außenpolitik abhängig, aber wir haben keinen Einfluss darauf. Das heißt, wir müssen mit jedem zusammenarbeiten, den die Amerikaner wählen, wir können mit jedem zusammenarbeiten, den die Amerikaner wählen, wir werden aber auch mit jedem Probleme haben. Aber wenn man ganz offen seine Meinung sagt – und ich bin ja nicht Bundeskanzlerin oder Bundeskanzler, also kann ich's machen –, würde ich sagen, aus europäischer Sicht sind wir relativ gut gefahren mit Obama, und wir würden auch wohl besser mit ihm fahren und weniger Probleme haben mit ihm als mit Mitt Romney.

Welty: Karsten Voigt, ehemals Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-amerikanischen Beziehungen. Ich danke für diese Einschätzungen nach dem ersten Fernsehduell zwischen Obama und Romney, und ich wünsche Ihnen, dass Sie jetzt noch ein bisschen Schlaf nachholen können.

Voigt: Einen schönen Tag Ihnen!

Welty: Danke, auch!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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