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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 20.03.2012

Musterland oder Problemkind?

Die Folgen der Modernisierung Costa Ricas

Von Markus Plate

Costa Rica feiert bis heute die Niederlage des US-amerikanischen Söldners William Walker gegen den Volksheld Juan Santamaria im Jahr 1856. (AP Archiv)
Costa Rica feiert bis heute die Niederlage des US-amerikanischen Söldners William Walker gegen den Volksheld Juan Santamaria im Jahr 1856. (AP Archiv)

Als ein großer Teil Lateinamerikas von Bürgerkriegen gebeutelt wurden, galt Costa Rica als Ausnahmerepublik, deren Bürger freie Wahlen, kostenlose Bildung und eine hohe Lebenserwartung genossen. Heute ächzt die einst stolze Mittelschicht jedoch unter hohen Lebenshaltungskosten und steigender Verschuldung.

Schon der Eingangsbereich des Chipherstellers Intel in der costa-ricanischen Hauptstadt San José zeigt, dass hier andere Regeln gelten, als in typisch costa-ricanischen Unternehmen. In der Wartezone wird darum gebeten, keine Laptops zu benutzen, aus Rücksicht auf die Augen und um Stolpereien über Kabel zu vermeiden. Statt junger dynamischer Mitarbeiter und Geschäftspartner, die bereits in der Lobby mit flinken Fingern über ihre Intel-gepowerten Touchpads gleiten, wird der Besucher von einer nüchternen, ruhigen und flimmerfreien Atmosphäre begrüßt.

José Julian ist ein junger Elektroingenieur, der fast seit den Gründertagen von Intel Costa Rica mit dabei ist - in einem Unternehmen, das mittlerweile Teil des Nationalstolzes des kleinen mittelamerikanischen Landes ist. Denn die damals drei Millionen Costa-Ricaner hatten bei der Investitionsentscheidung vor fast 15 Jahren den Vorzug erhalten vor so wichtigen Ländern und Märkten wie Mexiko, Argentinien oder Chile.

José Julian sitzt mit seinem großen schwarzen Laptop im lichtdurchfluteten Besprechungsraum und beantwortet Mails. Große Fenster geben den Blick frei über frisch getünchte Fertigungshallen, adrett begrünte Betriebswege bis zu den Kaffeeplantagen und Feldern der benachbarten Hügel und den bewaldeten Vulkanen, die das Hochtal im Westen San Josés einrahmen.

"Ich habe 1999 hier angefangen. Ich war grade im letzten Jahr meines Elektrotechnik-Studiums. Intel braucht nicht nur technische, sondern auch humanistische Kenntnisse und hohe soziale Kompetenz. Das ist das, was ich immer suchte und was auch mein familiärer Background ist. Mein Vater ist Wissenschaftler, er hat mich immer in sein Labor mitgenommen und meine Mutter ist Literaturprofessorin. Und Intel hat mir dann ein Volontariat angeboten."

Der gepflegt wirkende 33-Jährige trägt ein hellblaues, langärmeliges Hemd. Eine Krawatte ist selbstverständlich, ein Sakko dagegen nicht. Seine Stimme ist ruhig, seine Sprache gewählt, seine Körpersprache fast reserviert. Doch José Julians Augen strahlen. Seine Entscheidung, hier zu arbeiten, bereut er keine Minute.

"Das Tolle hier ist, dass wir nicht nur produzieren, sondern auch entwickeln. Und ich kann mein Wissen weitergeben, neue Leute ausbilden. Du arbeitest sofort in einem internationalen Ambiente, es gibt regelmäßige Meetings mit Kollegen in China, Malaysia, Vietnam und den USA."

Voller Engagement zeigt José Julian seinen Arbeitsbereich, ein kleines technisches Labor, aufgeräumt und staubfrei, wie sich das gehört in der Chipfertigung. Den Testroboter, der fehlerhafte Chips überprüft, hat er selbst konstruiert. José Julians Traum wäre ohne die Neuorientierung Costa Ricas wohl nicht Wirklichkeit geworden.

Diese wirtschaftliche Öffnung, sie begann vor gut 20 Jahren, mit der Unterzeichnung erster Freihandelsabkommen, der Anwerbung internationaler Firmen und der Schließung und schleichenden Privatisierung von Staatsbetrieben. Getragen wurde diese Politik vor allem von der sozialdemokratischen Partei der nationalen Befreiung, eben die Partei, die Ende der 40er-Jahre die Armee abgeschafft, Schlüsselindustrien vergesellschaftet hatte und so die in Lateinamerika einzigartige und viel bewunderte soziale Marktwirtschaft entwickelt hatte. Vor allem ein Name symbolisiert den Kurswechsel: Oscar Arias, Friedensnobelpreisträger für seine Bemühungen um ein Ende der bewaffneten Konflikte im Rest Zentralamerikas und Präsident Costa Ricas von 1986 bis 1990 und von 2006 bis 2010. Die Öffnung, sie biete überwiegend Vorteile und Perspektiven für die Costa Ricaner, findet José Julian:

"Ich konnte ein Jahr mit meiner Familie in Malaysia leben. Ich konnte von der asiatischen Kultur lernen. Auch für meine Kinder war das eine reiche Erfahrung. Und das ist etwas, das nationale Unternehmen Dir nicht bieten können. Hier haben früher die Ingenieure bestenfalls im staatlichen Energieunternehmen ICE arbeiten können und da geht es vor allem um Wasserkraft- und Infrastrukturprojekte. Aber eben alles national begrenzt und ich wollte mehr, einen weiteren Horizont haben, ich wollte reisen, Neues kennenlernen und anderes machen."

Während sich westlich von San José, in unmittelbarer Nähe des Flughafens, Dutzende internationale Hightech-Unternehmen niedergelassen haben, symbolisiert der Osten der Zwei-Millionen-Metropole eher die Ära vor der Öffnung: Hier ist der Campus der staatlichen Universität von Costa Rica, hier befinden sich die meisten Regierungsgebäude inklusive des Präsidentenpalastes und die Bürogebäude des staatlichen Energie- und Telekommunikationsunternehmens ICE.

Hier, im östlichen Stadtteil Zapote, schlendert Pasi über den Wochenmarkt. Pasis richtiger Name, Christiane Eppelin, wie auch ihr Aussehen, muten wenig costa-ricanisch an: Die Mittvierzigerin ist groß, hellhäutig und rothaarig. Und dennoch gehört Pasi der traditionellen Mittelschicht Costa Ricas an, die das Land so von seinen Nachbarn unterscheidet.

"Ich kaufe hier auf dem Wochenmarkt, denn im Supermarkt kostet alles fast das Doppelte! Alle Leute, die ich kenne, die aus der Mittelklasse und die Ärmeren, kaufen immer hier und nicht im Supermarkt. Außerdem ist es hier leckerer und frischer, auch wenn hier die Sonne brennt und es heiß ist und man viel schleppen muss. Aber mir gefällt das sehr, denn es ist einfach auch schön hier."

Pasi wohnt ein paar Kilometer vom Markt entfernt im Stadtteil Sabanilla, der am nördlichen Rand der Universität beginnt, einem klassischen Mittelschichtsviertel. Pasi ist in Chile geboren, chilenische Mutter, französischer Vater, aus dem Elsass. 1973, als Augusto Pinochet gegen den Sozialisten Salvador Allende putschte, verließen die Eltern mit ihren Kindern das Land, da war Pasi acht. Erst nach Frankreich, dann zog die Familie nach Costa Rica, 37 Jahre ist das jetzt her.

"Viele Diktaturflüchtlinge, Chilenen und Argentinier sind an die Uni von Costa Rica gegangen und haben Costa Rica sehr bereichert. Das war hier in den 70ern ein Dorf. Aber auch sehr entwickelt: Die soziale Sicherheit, die kostenlosen Schulen, ein sehr friedliches Land ohne Militär. Ganz anders als all die anderen Länder Lateinamerikas, die in Diktaturen oder Bürgerkriegen versanken. Es gab Jobs, ich musste nichts für mein Studium bezahlen. Ich denke, es war vielleicht einfacher für meine Eltern, sie hatten ein kleines Auto, ihr eigenes Häuschen und sie habe drei Kinder erzogen. Ich wüsste nicht, wie ich heute drei Kinder durchbringen sollte."

Pasi steht in der für ihren Geschmack und für 600 Dollar Miete viel zu kleinen Küche und kocht Lasagne. Den meisten Costa-Ricanern geht es längst nicht so gut wie dem Intel-Ingenieur José Julian. Auch Pasi nicht, obwohl sie einen ganz gut bezahlten Job in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit hat und Projekte in ganz Zentralamerika betreut. Hinzu kommt die Kriminalität, die gerade die Mittelschicht trifft und das Leben prägt.

"Das Verbrechen. Die Angst, dass sie einen ausrauben. In meinem Job muss ich viel reisen und mein Haus alleine lassen. Vor 30 Jahren genügte es noch, die Tür abzuschließen. Heute musst Du hinter Mauern und Gittern und mit Alarmanlage leben. Früher, als ich Kind war, haben wir auf der Straße gespielt. Mein Sohn durfte das kaum, da hast du ja ständig Angst als Mutter."

Gitter und Elektrozäune machen das Wohnen teuer. Die Unsicherheit beginnt vor der Haustür. Also fährt die Mittelschicht mit dem Auto aus der Garage in die überteuerten Malls und nicht mit dem Bus in die günstigere, aber unsichere Innenstadt. Investitionen in Polizei und Prävention wären billiger. Aber so ächzt die einst so breite costa-ricanische Mittelschicht unter astronomischen Lebenshaltungskosten. Aber immerhin gibt es doch noch das staatliche Bildungs- und Gesundheitssystem, die Errungenschaft des Landes, finanziert durch die Auflösung der Armee vor über 60 Jahren.

"Das Gesundheitssystem wird immer schlechter. Die untersuchen nicht mal mehr, die geben einfach Medikamente. Die öffentlichen Schulen sind heute schlecht und man muss sein Kind auf die teure private Schule schicken, damit es eine Zukunft hat. Die Rentenkasse ist dabei zu kollabieren. Das sind die Folgen der wirtschaftlichen Öffnung, der Privatisierungswelle."

Ex-Präsident Oscar Arias wie auch die aktuelle Präsidentin Laura Chinchilla halten die Öffnung Costa Ricas für alternativlos. Das alte System von Staatsbetrieben und der abgeschottete Markt sei einfach nicht zukunftsfähig und zu ineffizient gewesen. Die Probleme seit der Öffnung, wie steigende Arbeitslosigkeit und das Haushaltsdefizit, seien temporäre Phänomene. Und so war Oscar Arias in seiner zweiten Präsidentschaft noch einen Schritt weiter gegangen und hatte 2007 das große Freihandelsabkommen zwischen den USA und Zentralamerika durchgesetzt. Doch die Probleme haben sich seither noch verschärft - so bezeugen Wirtschaft- und Sozialstatistiken und so empfindet es auch Pasi:

"Ich weiß nicht, wann das schlimmer wurde, das ist ein Prozess gewesen. Macht und Reichtum sind heute in den Händen von wenigen konzentriert. Und die soziale Situation hat sich extrem verschlechtert. Natürlich, es gab auch früher Armut, aber es war eine Armut in Würde. Heute siehst Du Elend. Wir waren ja die Schweiz Lateinamerikas und glaubten, dass wir alle gleich seien. Natürlich waren wir das nie wirklich! Aber das war unser Image! Heute ist die Gesellschaft dagegen zersplittert."

Und noch einen Schritt nach unten im sozialen Ranking Costa Ricas. Von Intel sind es Luftlinie nur ein paar Kilometer nach La Carpio, einem der ärmsten Viertel der Hauptstadt. La Carpio ist eine Insel, nur einen Zugang hat die mittlerweile 40.000 Seelen zählende Siedlung, zu allen Seiten fällt das Gelände jäh in Täler ab.

Hier, in La Carpio, lebt und arbeitet Kattya María Espinoza. Die 43-jährige alleinerziehende Mutter wohnt in einem kleinen Haus mit ihren zwei Töchtern und ihrer Enkelin. Sie lebt seit 18 Jahren hier, trägt Turnschuhe und eine Baseballkappe, ein weites T-Shirt umhüllt eine füllige Figur. Gerade ist einer der seltenen Momente, wo sie allein zu Hause ist und diese Zeit nutzt sie für ein halbes Dutzend Telefonate mit ihrem Handy, auf dem Tisch im kleinen, gefliesten Wohnzimmer sind Notizzettel, Sitzungsprotokolle und Briefverkehr mit der Stadt ausgebreitet.

"La Carpio wurde von 18 Jahren gegründet, anfangs gab es kein Wasser, keinen Strom, keine Busse. Wir haben als Gemeinschaft fast alles selbst gebaut und erkämpft, selbst die Wasserversorgung. Frauen, Kinder, Erwachsene, Alte, wir alle haben die 63 Hektar der Carpio aufgerissen, um die Leitungen zu legen."

Bei der Entwicklung La Carpios ist sie seit Jahren mit Leib und Seele an vorderster Front mit dabei. Als Selfmade-Journalistin, Lokalpolitikerin und als Mitglied im Wohnungsbau-, Schul- und im Sportkomitee.

"Ich liebe die Carpio. Wir sind es gewohnt, unseren Lebensunterhalt hart und erfindungsreich zu erarbeiten. Früher gab es drei oder vier kleine Läden, heute gibt es hunderte Geschäfte. Und was die Leute draußen verdienen, geben sie hier in der Carpio aus, nicht in San José. So haben wir uns trotz aller Widrigkeiten entwickelt. Und zwar nicht durch die Hilfe der Regierung, denn wenn wir davon abhängen würden, würden wir immer noch in Wellblechhütten ohne Strom und ohne Wasser leben. Wenn ich von hier fort gehe, dann wegen drängender familiärer Dinge oder wenn ich sterbe."

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