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Fazit | Beitrag vom 22.02.2016

"Mustang" - starkes Debüt von Deniz Gamze Ergüven "Die Oscar-Nominierung gibt mir Kraft"

Von Jörg Taszman

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Die türkisch-französische Filmemacherin, Deniz Gamze Ergüven: Ihr Film "Mustang" ist für den Auslands-Oscr nominiert; Aufnahme vom November 2015 (picture alliance / dpa)
Die türkisch-französische Filmemacherin, Deniz Gamze Ergüven: Ihr Film "Mustang" ist für den Auslands-Oscr nominiert. (picture alliance / dpa)

Der Film "Mustang" ist ein berührendes Drama über fünf freiheitsliebende Schwestern in der türkischen Provinz. Sie begehren gegen gesellschaftliche Grenzen auf - und bekommen die Wucht patriarchaler Moral zu spüren.

Es sind dieses flirrende Sonnenlicht und die Schönheit der fünf Schwestern, die den Zuschauer sofort betören, ihn für den Film einnehmen. Die Regisseurin Deniz Gamze Ergüven filmt ihre ungewöhnliche Coming of Age-Geschichte fünf türkischer Schwestern zunächst in warmen, sinnlich grundierten Farben. Was fast märchenhaft beginnt, kippt schnell.

Lale, Nur, Ece, Sonay und Selma sind zwischen 12 und 18 Jahre alt. Sie leben nach dem Tod der Eltern in einem kleinen Ort an der türkischen Schwarzmeerküste bei der Großmutter.

Unbekümmert, lachend, selbstbewusst bleiben sie auf dem Weg nach der Schule am Meer. Im Wasser setzen sich die älteren Schwestern auf die Schultern der gleichaltrigen Jungs. Man tollt herum, stößt sich ins Meer. Dieses so harmlose Spiel hat dann schreckliche, ungeahnte Konsequenzen.

Die Mädchen werden ihrer Freiheit beraubt, ihre Fenster vergittert. Die älteren Schwestern werden hastig verheiratet. Und so schlagen die Männer mit ihren veralteten Moralvorstellungen zurück. Das macht diesen Film auch politisch und die Oscar-Nominierung für die junge Regisseurin noch wichtiger.

"Die Diskussion über meine Film wird mit viel Aggressivität geführt"

Deniz Gamze Ergüven: "Ich erlebe diese Oscar-Nominierung als eine große Ehre, aber sie gibt mir auch eine Menge Kraft. Der Film wirkt ja zunächst leicht inszeniert, fast wie ein Märchen. Aber das Thema liegt mir sehr am Herzen. Und in der Türkei gibt es derzeit sehr heftige Debatten, nicht nur um die Rolle von Frauen und Männern. Und diese Diskussion wird auch über meinen Film geführt, mit viel Aggressivität. Da ist diese Oscar-Nominierung auch ein Schutzschild. Der Film bekommt eine größere Resonanz. Das gibt mir Kraft."

"Mustang", das Debüt von Deniz Gamze Ergüven, ist ein wunderbarer Film voller Hoffnung, Wut, Tragik, Poesie und Kraft. Er ist ein Glücksfall für das Kino, der vor allem durch das anrührende Spiel der fünf Mädchen, die herausragenden Bilder und die packende Regie überzeugt. In der Türkei ist der Film schon lange in den Kinos, aber er passt vielen nicht ins traditionell-konservative Weltbild erzählt die Filmemacherin.

Deniz Gamze Ergüven:"Also ich habe alles gehört und am häufigsten den Vorwurf, sie ist ja keine Türkin, sie ist keine von uns. Für mich ist das einfach auch intellektuell gesehen unredlich. Damit will man mich nur angreifen und schwächen. Und außerdem, wer hat das Recht zu bestimmen, ob ich Türkin oder Französin bin? In der türkischen Presse polarisierte der Film. Es gab sehr positive und extrem negative Reaktionen. Erst kürzlich schrieb die türkische Zeitung Zaman der Film sei schändlich, aggressiv und so französisch."
 
Die zwischen Frankreich und der Türkei pendelnde 37 Jahr alte Regisseurin wuchs in Ankara, den USA und in Paris auf, besitzt die türkische und die französische Staatsbürgerschaft und beherrscht drei Sprachen perfekt.

"Ich beschloss: Wir gehen durchs Feuer und machen diesen Film"

Im Interview wirkt sie kämpferisch, ist aber aufrichtig dankbar und erfreut, wenn man ihren Film im Gespräch lobt. Der Film hat sie viel Kraft gekostet aber sie redet immer noch voller Enthusiasmus und Leidenschaft über dieses große Abenteuer und Wagnis, das sie mit "Mustang" eingegangen ist.

Deniz Gamze Ergüven:"Ich drehte den gesamten Film in der Türkei, aber es gab so viele Dramen. Drei Wochen vor Drehbeginn verließ der eigentlich vorhergesehene Produzent das Projekt. Eine Woche vor dem Dreh fand ich heraus, dass ich schwanger bin. Wir standen kurz vor dem Abbruch des Films und es gab einen Tsunami nach dem anderen. Drei Tage vor dem Drehstart beschloss ich dann: Wir gehen jetzt durchs Feuer und machen diesen Film. Das war dann ein sehr emotionaler Moment. Die Dreharbeiten selber waren sehr intensiv. Zwölf Stunden pro Tag und das sechs Tage die Woche. Abwechselnd tags und nachts Drehs. Aber es war einfach schön." 

Seit der Uraufführung in Cannes hat "Mustang" eine Erfolgsgeschichte geschrieben. In Frankreich wurde der Film von der Kritik und dem Publikum geliebt und erreichte fast 500.000 Zuschauer. Es gab eine Nominierung für den Golden Globe und Sonntag geht "Mustang" als bester fremdsprachiger Film ins Oscar-Rennen für Frankreich. Und das, obwohl diese französisch-deutsche Koproduktion ausschließlich in der Türkei und auf Türkisch gedreht wurde.

Natürlich denkt man bei der Wucht der Bilder, der Anmut dieser tapferen und rebellischen Mädchen auch an Sophia Coppolas "The Virgin Suicides". Es herrscht in beiden Filme eine ähnliche Stimmung. Aber wenn im amerikanischen Coming of Age-Film am Ende alle Schwestern tot sind, bleibt der Film der türkisch-französischen Regisseurin optimistischer und hat ein starkes, packendes Finale. Die Schwestern geben nicht auf!

  

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