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Interview / Archiv | Beitrag vom 07.05.2013

"Muslime sind eben auch Deutsche"

Naika Foroutan: Islamkonferenz sollte sich wieder mehr mit Gleichstellung des Islam beschäftigen

Moderation: Korbinian Frenzel

Naika Foroutan, Sozialwissenschaftlerin der HU Berlin: Ziel der Islamkonferenz nicht erreicht. (picture alliance / ZB / Karlheinz Schindler)
Naika Foroutan, Sozialwissenschaftlerin der HU Berlin: Ziel der Islamkonferenz nicht erreicht. (picture alliance / ZB / Karlheinz Schindler)

Die Islamkonferenz ist das falsche Gremium, um über die Themen Sicherheit und Integration zu diskutieren, kritisiert Naika Foroutan, Vertreterin der Jungen Islam Konferenz. Sinnvoll wäre dafür eher die Einrichtung einer separaten Enquête-Kommission.

Korbinian Frenzel: Wollen wir noch miteinander reden oder lassen wir es lieber sein? Diese Frage schwebt hoffentlich nicht bedrohlich über ihrem Frühstückstisch an diesem Morgen, aber sie steht ganz klar als Drohkulisse hinter dem Treffen der Islamkonferenz, das heute in Berlin stattfindet. Zum letzten Mal in dieser Wahlperiode, aber vielleicht auch zum allerletzten Mal überhaupt. Es gibt nämlich gerade von muslimischer Seite ernsthafte Zweifel, ob diese Runde noch Sinn macht. Sie wollen über Integration reden, und der Innenminister von der CSU, Hans-Peter Friedrich, der denkt vor allem an die Sicherheit, sprich den islamistischen Terror. Das werfen ihm zumindest die Moscheenverbände vor. Wenn sich zwei streiten, sprechen wir mit der Dritten, und das ist in diesem Fall Naika Foroutan an der Humboldt-Uni in Berlin und auch Begleiterin der Jungen Islamkonferenz, eine Art Spiegelung dessen, was heute in Berlin stattfindet. Guten Morgen, Frau Foroutan!

Naika Foroutan: Guten Morgen!

Frenzel: Wenn Regierung und Muslimverbände ganz offenbar keine gemeinsamen Themen mehr finden bei dieser Islamkonferenz, sollte man sich dann heute nicht freundlichst voneinander verabschieden und sagen, das war’s?

Foroutan: Na ja, man muss mal überlegen, was die DIK auch bis jetzt angestoßen hat. Seit sieben Jahren tagt sie nun, und es ist ja nicht nur so, dass es nur Kritik gäbe. Klar, es gibt Kritik, und zwar vor allen Dingen eine vonseiten nicht nur der muslimischen Verbände, sondern auch der Menschen mit muslimischem Hintergrund in Deutschland. Zum einen, dass die DIK nicht demokratisch legitimiert sei, weil, wer spricht eigentlich hier für die Muslime. Insgesamt sind dort einige Menschen, die jetzt plötzlich pars pro toto in Haftung genommen werden.

Dann wird außerdem der Islamkonferenz vorgeworfen, dass sie Muslime sozusagen als Target Group setzt, indem sie vor allen Dingen über Sicherheits- und Integrationsfragen mit ihnen spricht und darüber ihre Kernaufgabe nicht besonders ernst genommen hat, mit der sie eigentlich gestartet ist, nämlich die religionsrechtliche Gleichstellung des Islams. Das ist ja eigentlich ihr Ziel, und dieses Ziel ist noch nicht umgesetzt. Und so lange brauchen wir die DIK.

Frenzel: Die Idee kam ja von Wolfgang Schäuble, als der Innenminister war, da lief es gut, unter Thomas de Maizière schon ein bisschen weniger. Jetzt haben wir Hans-Peter Friedrich von der CSU, der im Innenministerium sitzt. Ist das vielleicht einfach auch eine persönliche Frage? Ist das der falsche Minister an diesem Ort?

Foroutan: Na ja, dazu kann ich jetzt erst mal nichts sagen. Da hat es natürlich Missstimmungen gegeben, aber die DIK selbst hat auch viel umgesetzt. Ohne die DIK hätten wir die Zentren für Islamische Theologie in Deutschland nicht gehabt, der islamische Religionsunterricht wäre nicht in einigen Bundesländern schon umgesetzt worden. Außerdem hat die DIK eine Bestandsaufnahme umgesetzt und angestoßen, indem sie die Studie "Muslimisches Leben in Deutschland" überhaupt in Auftrag gegeben hat. Damit haben wir als Wissenschaftler das erste Mal belastbare Daten und Fakten zum muslimischen Leben in Deutschland. Die Studie ist übrigens im Internet runterzuladen, wenn Menschen sich dafür interessieren. Da kann man sehr viel drin nachlesen.

Frenzel: Beruhigt denn diese Studie eher oder unterstützt sie vielleicht auch Innenminister Friedrich, der ja diese Sicherheitssorgen hat?

Foroutan: Nein. Hier geht es einfach nur darum, ein bisschen mehr über die Gemeinsamkeiten zu erfahren, über Sachen, die man sich immer schon gefragt hat: Wie viele Muslime leben überhaupt hier? Wie viele von ihnen tragen ein Kopftuch, nämlich 30 Prozent. Wie viele gehen in den Schwimmunterricht, nämlich 95 Prozent. Also Daten und Fakten, die man hier vermeintlich ganz anders fühlt, obwohl die Wissenschaft ein ganz anderes Datenmaterial bereithält.

Aber wir müssen auch sagen, man darf auch den Symbolwert der DIK nicht unterschätzen. Hier fand zumindest zu Beginn, unter Schäuble, erstmals der Ansatz statt, einen Dialog auf Augenhöhe zu führen. Aber wir als Junge Islamkonferenz empfehlen natürlich trotzdem, bestimmte Dinge an der DIK zu ändern. Zum Beispiel – also von unserer Seite gibt es ganz klar die Forderung, Sicherheit und Integrationsfragen raus aus der DIK. Die DIK soll sich mit dem beschäftigen, wofür sie gestartet ist, nämlich in der kommenden Legislaturperiode tatsächlich die religionsrechtliche Gleichstellung umzusetzen. Nach zwölf Jahren sollte wirklich dieser Auftrag dann erfüllt sein.

Frenzel: Wo sollen denn dann die Sicherheits- und Integrationsfragen besprochen und gestellt werden?

Foroutan: Ja, das ist natürlich auch eine sehr zentrale Frage, denn diese – das ist unsere Meinung – diese Fragen sollten nicht nur im Bezug auf Muslime in Deutschland verhandelt werden, denn Sicherheit und Integration sind Themen, die die gesamte Gesellschaft betreffen, wie wir derzeit nicht zuletzt anhand der NSU-Morde erfahren dürfen. Da fragt man sich natürlich, oder viele Menschen in Deutschland fragen sich natürlich, wessen Sicherheit hier im Moment akuter bedroht ist. Und diese Themen gehören breit und überparteilich diskutiert, und deswegen empfiehlt die Junge Islamkonferenz, sie in einer Enquetekommission mit Symbolwirkung zu etablieren und dort zu verhandeln, und nicht in der DIK, wo es eigentlich um die Gleichstellung des Islam gehen sollte.

Frenzel: Sie begleiten ja die Junge Islamkonferenz, die wir ja auch mehrfach genannt haben. Wenn sie den Kreis angucken und mit dem Kreis der alten, der klassischen Islamkonferenz vergleichen, haben Sie da den Eindruck, unter den jungen Leuten läuft schon einiges viel besser als bei denen, die schon länger hier an diesem Thema dran sind?

Foroutan: Ja, die JIK, die begreift sich als ein jugendlicher Thinktank. Und die Jugendlichen haben eine Perspektive einer Generation auf das Einwanderungsland Deutschland, die eben schon viel pluraler ist. Diese Generation sieht dieses Land pluraler und lebt das in ihrem Alltag schon viel selbstverständlicher, und das merkt man an ihren Botschaften und an ihrer Herangehensweise. Für die sind Muslime, genauso wie sie selbst, Jugendliche in Deutschland, in ihrer Schule, in ihrem Umfeld oder in ihrem Studium. Die machen nicht so stark diese Trennung zwischen Deutsche und Muslime, sondern Muslime sind eben auch Deutsche.

Frenzel: Das heißt, sie fühlen sich komplett zu Hause?

Foroutan: Ja. Und diese Jugendlichen, die wir hier haben, das ist auch kein muslimisches Gremium. Die Hälfte unserer teilnehmenden haben keinen muslimischen Hintergrund. Es ist einfach eine plurale Jugend, und sie debattieren über Islam und Muslime als Platzhalter, als Platzhalter für den Umgang unserer Gesellschaft mit Minderheiten. Und das ist eigentlich ein Leitmotiv einer Einwanderungsgesellschaft – wie geht sie mit ihren Minderheiten um. Und das ist das, worüber die Junge Islamkonferenz debattiert. Und sie glaubt, in Demokratien muss es einen großen Minderheitenschutz geben, und dazu gehört auch die religionsrechtliche Gleichstellung.

Frenzel: Na, dann wollen wir mal sehen, wie viel von diesem Geist heute bei der Islamkonferenz landet. Gesprochen habe ich darüber mit Naika Foroutan von der Humboldt-Universität in Berlin. Sie begleitet unter anderem die Junge Islamkonferenz. Ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch!

Foroutan: Danke schön!

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