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Profil / Archiv | Beitrag vom 02.10.2012

Musikverleger der Vergessenen

Der "Notendetektiv" Nick Pfefferkorn

Von Tim Wiese

Der junge Leipziger Musikverleger Nick Pfefferkorn hat es sich zur Aufgabe gemacht, uns vergessene Musiker wieder in Erinnerung zu bringen. Der "Notendetektiv" sichtet und bearbeitet altes Material, um es dann neu zu veröffentlichen.

"Also ich hab ja nun mehrere Stationen in meinem Leben durch und bin immer wieder darauf gekommen, dass Musik das ist, was mir alles bedeutet. Und ohne das ich eigentlich wie so viele andere auch, aber vielleicht in einem anderen, intensiveren Kontext tatsächlich sprichwörtlich nicht existieren kann."

Nick Pfefferkorn ist 35 Jahre alt. Wenn er am schwarzen Flügel sitzt, vergisst er den Stapel ungeöffneter Briefe auf seinem großen wuchtigen Schreibtisch. All die lästige Büroarbeit, die auch zu seinem Verlagsgeschäft gehört. Dann zählt nur die Musik.

"Hier haben wir bestimmt, hier fehlt bestimmt ein Kreuz davor. Das muss ein E-Is sein, sonst passt der Durchgang nicht, wenn wir das noch mal nehmen, das klingt dann jetzt wahrscheinlich bedeutend besser."

Ein rascher Kontrollblick in einen historischen Klavierauszug des Komponisten Friedrich Schneider zeigt, dass sich der Musikverleger nicht getäuscht hat. Er irrt sich selten, wenn er altes Material sichtet und bearbeitet, um es neu zu editieren. In seinem Büro hängen historische Aufnahmen von Leipzig. Ein Bild zeigt die alte Thomasschule vor der Thomaskirche, wo einst Bach gewirkt hat.

"Es ist einfach wie, weiß ich nicht, als taucht man in eine andere Welt ein und ich kann mir dann auch so ungefähr vielleicht vorstellen, Mensch, wie war es da, was haben die, was haben diese Leute gesehen, wie haben die Leipzig wahrgenommen."

Diese Leute haben im 18. und 19. Jahrhundert in der sächsischen Stadt gelebt. Zum Beispiel Friedrich Schneider. Thomasorganist und später Herzoglich-Anhalt-Dessauischer Hofkapellmeister. Eines seiner Werke ist das Oratorium "Das Weltgericht"

"Und ich las immer wieder in verschiedenen zeitgenössischen Rezensionen darüber und ich war unglaublich interessiert, das Werk einfach mal zu sehen und zu hören und stieß dann auf einen Erstdruck, den hat Schneider damals auf eigene Kosten anfertigen lassen und hatte dann eine erste Quelle. Man sucht sich alles zusammen, was da irgendwie zu kriegen ist. Das heißt Handschriften natürlich in erste Linie, das Autograf des Komponisten, wenn es denn noch existiert. Briefe, die vielleicht die Entstehung des Werkes dokumentieren. Orchesterstimmen, Chorstimmen also alles, was man damit in Verbindung bringen kann."

Im Fall von Friedrich Schneider hatte der Musikverleger Glück, da in der Anhaltischen Landesbücherei Dessau der gesamte Nachlass der Komponisten verwahrt wird. Hier fand sich das benötigte Material, um das Oratorium neu zu veröffentlichen.

Man spürt, wie sich Nick Pfefferkorn für seine Detektivarbeit in den Archiven begeistert.

"Ich bin davon überzeugt, was - das klingt vielleicht bisschen pathetisch - was meine Bestimmung ist. Ich möchte das gerne machen und ich möchte gerne einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass solche Leute, die meiner Meinung nach zu Unrecht vergessen worden sind, dass die tatsächlich wieder mehr ins Bewusstsein des Publikums rücken."

Der Verleger hat ein jungenhaftes Gesicht ohne Bartschatten. Nur die schwarzrandige Brille lässt ihn etwas älter wirken. Für klassische Musik begeistert er sich seit seiner Kindheit.

"Damals, ich glaube in der zweiten oder dritten Klasse, gingen Leute von Musikschulen beziehungsweise vom Orchester und gleichzeitig auch vom Fußball, damals vom, wie hieß der, vom 1. FC Lok Leipzig durch die Klassen und suchten Nachwuchs, Talente. Und ich weiß noch, dass mein Vater mir mal Jahre später gesagt hat, er hatte gehofft, ich würde mich für den Fußball anmelden und dann kam ich nach Hause und habe gesagt, ich habe mich für die Musik entschieden und in dem Orchester angemeldet."

Der kleine Nick bekommt Posaunenunterricht, als Jugendlicher wechselt er zum Fagott, das er später auch an der Musikhochschule in Leipzig studiert. Ein Schlüsselerlebnis hat er mit 20. Jean Sibelius’ Filandia fasziniert ihn so sehr, dass er das Stück für eine Aufführung seines Jugendorchesters im berühmten Leipziger Gewandhaus neu arrangiert.

An das Konzert damals denkt Nick Pfefferkorn heute noch mit gemischten Gefühlen zurück.

"Das war ein ganz schlimmes Erlebnis, weil ich erstens nicht Zuhörer war, sondern ich habe selber mitgespielt. Und zweitens war der Weg dahin, das Orchester, die mich ja alle kannten, wenn man da aus den eigenen Reihen kommt, man wird ja nicht vorurteilsfrei angesehen und man wird ja nicht wertfrei angesehen, sondern das ist ja grundsätzlich alles schlecht. Bis ich die Leute überzeugen konnte, dass das gar nicht so schlecht ist und dann am Ende hat es ihnen dann doch gefallen."

Am Vertrauen in die eigene Arbeit mangelt es dem jungen Musiker nie. Deshalb bietet er seine Bearbeitung verschiedenen Verlagen an. Allerdings ohne Erfolg. Doch er gibt nicht auf. Nick Pfefferkorn gründet mit Anfang 20 seinen eigenen Musikverlag. Seitdem versucht er das Projekt voranzutreiben, auch wenn die Arbeit sehr mühsam ist. Werke wollen nicht nur entdeckt, sondern auch verkauft werden.

"Wenn man als Verlag anerkannt werden will, also nicht nur bei den Händlern, sondern auch bei den Ausführenden, wo es ja hinsoll, also bei den Musikern, ist es also ein unglaublich steiniger Weg, dass man die davon überzeugt, Mensch schau es dir doch wenigstens mal an."

Warum er trotz der Schwierigkeiten an diesem Weg festhält, begreift man, wenn man Nick Pfefferkorn in seinem Alltag begleitet. Zum Beispiel wenn er mit seinem kleinen Mischlingshund Guido spazieren geht.

"Guido! Ja, komm, bring her, bring her. Ja fein. Selbst wenn ich hier draußen unterwegs bin, kriege ich die Musik nicht aus dem Kopf. Man hört eigentlich die Musik auch die ganze Zeit und mitunter ist es dann auch so, wenn ich mir abends meinen eigenen Feierabend nehme und sage, jetzt ist Schluss, dann sage ich, na ja, ne eigentlich kannst du doch noch dran arbeite, Dann sitze ich teilweise nachts um eins und zwei und merke gar nicht, wie spät es eigentlich geworden ist."